Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 67 (25.8.1890)
- Date
- 1890-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1232 Blicke zu beherrschen verstanden, so daß man nichts an ihr davon bemerken konnte. Das ist die Sachlage!" „Schlimm genug!" antwortete Carlisle bedenklich. „Was macht man da nur?" „Man muß sie ruhig gehen lassen", erwiederte sie. „Mit Strenge richtet man in solchen Fällen gar nichts aus, nur schlimmer würde man es dadurch machen. Vielleicht bringt die Zeit Heilung, vielleicht auch nicht! Mit Meseritzer darf sie nicht mehr in Berührung kommen!" „Ich werde ihm heute Abend noch kündigen und ihm sein Honorar senden." „Du brauchst ihm nicht unhöflich zu schreiben! Ich glaube wirklich, daß er unschuldig ist; er ist ja ein sehr netter und braver Mensch. Das Geburtstagsfeft braucht dieses Vorfalles wegen nicht auszufallen!" „Fällt mir auch gar nicht ein!" Damit war die Unterredung zu Ende, und Jeder von beiden hing still und ernst seinen Gedanken nach. Carlisle erhob sich endlich und ging in sein Privatzimmer, wo er einen Brief an Meseritzer schrieb und ihn mit dem eingelegten Unterrichtshonorar dem Bedienten zur Besorgung an die Post übergab, worauf er wieder in das Wohnzimmer zu seiner Frau zurückkehrte und das Abendbrod serviren ließ. Beide verzehrten dasselbe in sehr verdrießlicher Stimmung und schweigsamer als je. Diese Stimmung wollte auch heute Abend nicht mehr von ihnen weichen, weßhalb sie sich früh zur Ruhe begaben. * * Elise hatte sich nachdem mit ihrem Vater gehabten Austritte in ihr Zimmer begeben, wo sie ihren Thränen freien Lauf ließ. Nachdem sie sich ausgeweint hatte, gewann sie ihre ruhige Fassung wieder. Man kann nicht sagen, daß sie sich durch das Vorgefallene sehr beängstigt fühlte. Sie hatte den Widerstand der Eltern vorausgesehen und war darauf gefaßt, diese Prüsungszeit ihrer Liebe über sich ergehen zu lassen. Sie war überzeugt, daß Ausdauer ihr den Sieg verschaffen wird. Ebenso unzweifelhaft war es ihr, daß auch Meseritzer in der Liebe zu ihr ausharren wird. Ihr Gedankengang wurde von dem eintretenden Kammermädchen unterbrochen, welche ihr das Abendbrod, in Thee und Gebäck bestehend, in ihr Zimmer brachte. Sie ersah daraus, daß ihre Eltern für heute Abend ihr nochmaliges Erscheinen im Wohnzimmer nicht wünschten. Es war ihr dieses auch durchaus nicht unangenehm; sie fühlte das Bedürfniß, jetzt allein zu sein, um ihren Gefühlen und Gedanken ungestört nachhängen zu können und sich zugleich auch über einen Plan für ihr ferneres Verhalten schlüssig zu machen. Nachdem sie das Abendbrod verzehrt hatte, nahm sie die abgebrochene Gedankenkette wieder aus, um sie wieder in gehörigen Zusammenhang zu bringen und die noch fehlenden Glieder hinzuzufügen. Ihr Nachdenken führte zunächst mit aller Bestimmtheit zu der Annahme, daß ihr Vater heute noch Herrn Meseritzer die fernere Unterrichtsertheilung in seinem Hause brieflich kündigen werde. Wenn sie auch keine Ahnung davon hatte, in welcher Form dies geschehen wird, so sah sie doch die Nothwendigkeit ein, Meseritzer ihrerseits von dem Vorgefallenen brieflich Mittheilung zu machen, damit er den richtigen Standpunkt zur Beurtheilung des so plötzlich veränderten Verhältnisses erhalte. Hierbei wird es sich aber, wie sie wohl einsah, nicht vermeiden lassen, daß sie der Feder würde Dinge anvertrauen müssen, die sie ihm bis jetzt einzigürnd allein durch den so willigen Botendienst der Augen kundgegeben hatte. Es verursachte.ihr das/anfänglich einiges Bedenken; das weibliche „Schämen" erhob Einsprache; aber sie überwand das bald mit echt amerikanischer Ungezwungenheit, indem sie dachte: „So oder so, das bleibt sich ja gleich!" (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jebeSmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch -rn Buchhandel beziehen bei E. F. Kleinacker', Leipzig, Doßplah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterrcichischc Banknoten laut Cours. — Dirccte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franko einzufenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Der Gegensatz in den Gemeinden. — Zur Lage der Juden in Rußland. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: 2 mal Berlin. Frankfurt. Minden. Achim. Neustadt b. Pinne. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Saaz. Neutra. Krakau. Brody. Kisatz. — Frankreich: Paris. — Asien: Kalkutta. — Afrika: Kairo. Amerika: Washington. — Feuilleton: Eine bekannte Melodie. Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Aus Rheinhessen. Frankfurt a. M. — Italien: Neapel. — Feuilleton: Cin jüdischer Friedhof in Versailles._ Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.