Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 67 (25.8.1890)
- Date
- 1890-08-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1226 vielleicht von anderen orthodoxen Rabbinern denken, die doch sehr leicht dies Spiel entdecken, errathcn und die noch nnstäten Gemüther auf die Folgen, mit denen sie sich noch nicht befreundet haben, aufmerksam machen können! Vorzüglich ist dies zu befürchten, wo solche mit Kenntnissen ausgerüstet, zugleich mit der genauen Einsicht in die Bestrebungen des neuen Rabbiners versehen, auftreten können; Hirsch, Frensdorfs, selbst Heß, würden vielleicht gegen uns keine Schritte thun, w e i l s i e zu u n s Z u t r a ue n h a b e n, aber lassen sich auf anderen Universitäten keine solche denkend Jedoch darf dies nicht cntmnthigen, und diese Muthlosigkeit kenne ich gewiß am wenigsten, denn ist einmal mein Spiel verrathen, dann mögen siefühlcn, daß es verrathen ist und sie mögen es dann bedauern, mich zu diesem Schritte der Entlarvtheit und der nunmehrigen Entlarvung gezwungen zu haben." Zu einer solchen redlichen Haltung entschloß sich Geiger, weil er sich doch verrechnet hatte. Er glaubte Hirsch düpircn zu können; Hirsch aber hatte ihn und seine Genossen erkannt und sofort bei ihrem ersten Auftreten entlarvt. Der Gegensatz zwischen Reform und Orthodoxie ist so groß, daß er in der That nicht ausgeglichen werden kann. Die Väter der Reform haben sich hierüber nicht getäuscht. Hatten sie doch in vollem Bewußtsein kein geringeres Ziel, als das alte einzige Judenthum zu vernichten und aus dem Herzen und dem Gewissen der Judenheit jedes Gefühl der Achtung, Liebe und Treue gegen das unter so vielen Opfern ans der Vergangenheit erhaltene Heiligthum auszurotten. Es galt ihnen, die Herrschaft über die Gemeinde zu erlangen; sie suchten dafür die Gunst und Mitwirkung der staatlichen Behörden zu erwerben, was ihnen leider nur allzuoft glückte. Durch staatliche Verordnungen sollte dem Judenthum der Todesstoß versetzt werden und an seine Stelle ein Product der Laune und Willkür als einzig patentirtes Religionsbekenntniß für die Juden treten. Schon Geiger hegte diesen Gedanken, da in der damaligen Aera der Emanztpationsbestrebungen eben durch die Gewährung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden mit den Ehristen um so fruchtbarer zu gestalten wäre. Diese Gleichstellung sollte nämlich nach der Ansicht Geigers und viele seiner Genossin nur den Reformern zu Theil werden, die Orthodoxen aber davon ausgeschlossen bleiben. Es wurde also nicht nur eine Trennung in religiöser Hinsicht, sondern sogar in der bürgerlichen Gleichstellung von den Reformhelden angestrebt! Eine trübe Zeit des Kampfes — ach, nein, nicht des Kampfes, sondern der Vergewaltigung hob nunmehr an, der Vergewaltigung der Gesetzestreuen, der Verdrängung der Berechtigten aus dem Erbe der Väter, der Verfolgung des Judenthums und der treuen Bekenner desselben durch die eigenen Brüder. Der Rahmen dieses Aufsatzes ist zu enge, um auch nur auszugsweise die Verfolgung und Unterdrückung des Judenthums durch die Willkür allgewaltiger Rabbiner und Vorsteher der Reform, welche sich der Unterstützung des Staates zu sichern gewußt hatten, zu schildern. Die Reform, welche es noch bis zur gegenwärtigen Stunde vermocht hat, ein in sich conseguentes positives Programm ihres Bekenntnisses festzustellen, hatte die Keckheit, sich als das wahre Judenthum dem Staate gegenüber zu geriren, dem gegenüber das alte, wahre, orthodoxe Judenthum als ein Schisma zu erklären sei, für welches in der Gegenwart kein Raum vorhanden sein dürfe. Und diese ungeheure Lüge fand Glauben, so daß in der That das orthodoxe Bekenntniß, das in Wirklichkeit eben das einzige, alte Judenthum ist, das einzig geschichtlich berechtigte Judenthum, für welches die Väter die Gemeinden errichtet, die Synagogen gebaut, die Schulen gegründet, das Gemeindevermögen angesammelt haben, geächtet und unterdrückt worden ist. Und da wagt man heute der historischen Wahrheit iu's Antlitz zu schlagen und die Orthodoxen der Zanksucht zu zeihen, da wagt man gegen sie die falsche Anschuldigung zu erheben, daß sie es waren, „welche das Band der Einheit lockerten und in manche Gemeinde den Keil der Spaltung hineintrieben!" (Fortsetzung folgt.) Zur Lage der Juden in HUrßkand. Petersburg, 15. Aug. Die Nachrichten über eine bevorstehende Verschärfung der Gesetze, betr. die Rechte der Juden in Rußland, haben nicht verfehlt, durch den bedeutenden Eindruck, den sie an manchen Orten gemacht, durch die Manifestationen, die sie im englischen Parlamente und im Senate zu Washington hervorgerufen haben, auch hier großes Aufsehen zu erregen. Für die mit dem Stande der Gesetzgebung betreffs der Juden vertrauten Kreise in St. Petersburg war es vom Anfänge ait klar, daß die Nachrichten der „Times" zum größten Theile zumindest auf starken Uebertreibungen beruhen. Man wußte speciell, daß die härteste der von der „Times" angeführten Bestimmungen, nämlich jene, welcher zufolge Juden in ganz Rußland, das Königreich Polen inbegriffen, nur mehr in Städten wohnen und weder Landgüter besitzen, noch pachten dürfen, thatsächlich nicht exiftirt und auch nicht in Vorschlag gebracht ist. Allerdings war in der letzten Zeit vielfach die Rede von gewissen pro-