Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 66 (21.8.1890)
- Date
- 1890-08-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1222 wäre, in welcher nicht die Kirche die Hauptrolle spielte. Es soll das unsern christlichen Pädagogen nicht zum Vorwurf gereichen, im Gegentheil verdient es Anerkennung, daß sie ohne Unterschied die Religion als den Mittelpunkt alles Unterrichts, aller Gesittung und Bildung bezeichnen. Haben wir nun auch mit unsern christlichen Brüdern dasselbe Ziel: die Menschheit zu veredeln, zu erziehen, zu bilden, zur Glückseligkeit zu führen rc., so gehen doch unsere Wege, sobald wir auf das Gebiet der Religion kommen, so lange auseinander, bis wir im Streben und Ringen nach Wahrheit uns in der gefundenen Wahrheit wiederfinden: als Kinder eines Gottes. Der Unterricht in einer jüdischen Schule gestaltet sich anders, als in einer christlichen. Eine konfessionslose Schule käme uns ebenso als ein Unding vor, wie die auf dem Aussterbeetat stehende Simultanschule. Mag man über Humanität, Nächstenliebe, Verbrüderung u. s. w. faseln, so viel man will, Jeder muß seinem angestammten Glauben treu bleiben, ihn ganz und tief erfassen und nach seinen Grundsätzen Gutes wirken und stiften. Der jüd ische Lehrer wird daher den Unterricht anders gestalten müssen, als der christliche Kollege. Mau denke sich eine Geschichtsstunde, in welcher von einem Herrscher die christlichen Tugenden hervorgehoben, eine Lesestunde, in welcher immer Wiederdas Cüristenthum in den Vordergrund tritt, eine Gesangstuude, in welcher etwa das Lied „Ach bleib mit Deiner Gnade" besprochen würde. Es wird aus dem Gesagten genügend ersichtlich sein, daß wir nach Einrichtung und Erhaltung jüdischer Schulen streben müssen, in welchen nach dem Sinne unserer heiligen Religion gelehrt wird. Allen Respekt vor den christlichen Tugenden, haben dock die Frommen aller Völker Theil an der zukünftigen Welt, aber noch gehen unsere Wege auseinander, wie schon bereits gesagt und es gilt hier der Grundsatz: „Jeder für sich!" Wollen wir uns aber eine konfessionelle Schule schaffen, so müssen wir auch nach zweierlei streben: erstens, daß der Unterricht in Geschichte, Pädagogik und Litteratur auf den jüdischen Seminarien von jüdischen Lehrern, in jüdischem Sinne und Geiste vorgetragen werde und zweitens, daß alle Lehr- und Lern büch er in diesen Fächern auch von jüdischen Pädagogen bearbeitet werden. Eins thut aber vor allen andern Dingen noth: die H erausgabe von Schulbüchern, die in echtem jüdischen Sinne und Geiste geschrieben wären. In manchen Unterrtchtsgegenständen ist ja schon der Anfang gemacht; doch gibt es nicht allein solche, die auf den ersten Blick verrathen, daß der betr. Autor nur etwas schreiben wollte, sondern auch solche, welche wegen ihrer Oberflächlichkeit ganz überflüssig sind. Man sehe sich beispielsweise das Haester- Blumenfeld'sche Lesebuch (Essen 1884) an. Dasselbe enthält Tendenzen und Sittenlehren, Ausdrücke und Geschichten, die in einer christlichen Schule ebenso uothwendig sein mögen, wie sie in der jüdischen höchst überflüssig und verderblich sind. Ich wünschte, daß die jüdischen Aufsichtsbehörden doch endlich einmal für ein anderes Lesebuch sorgten. Im Anschluß an die sehr gelinde Besprechung des *) S. Correspondenten, mache ich Rabbiner und Lehrer auf folgende Stellen aufmerksam, die ich im Laufe der Zeit gefunden und die mir sehr anstößig sind. S. 95 Nr. 111. - S. 223 Nr. 32. S. 261 Nr. 56. — S. 374 Nr. 4. S. 375 Nr. 46. — S. 451 Nr. 57. S. 449 Nr. 54. — S. 491 Nr. 2. S. 388 Nr. 11 u. s. w. u. s. w. Uebrignes darf ein Schulbuch nicht tendenziös gefärbt sein, das sollte ein Verfasser beherzigen, sich zum Vortheile und dem Judenthum zur Ehre. Man lese nur.die von mir angeführten Stellen und überzeuge sich davon, daß meine Bemerkungen nicht leichtsinnig dahingeworfen sind. Die Schulbücher für paritätische oder Simultanschulen sind ohne Salz und Schmalz und am wenigsten zu empfehlen. Ich erspare mir die von allerhand Sorten in jüdischen Schulen gebräuchlichen Schulbücher anzuführen, es ist schon etwas geleistet in der Schulbücherlitteratur! — aber zweckmäßig sind die Bücher und Büchlein nicht alle. Unsern jüdischen Schulen fehlt es aber zu allermeist au den passenden Schulbüchern und wäre es dringend uothwendig, daß bald gediegene Schulmänner für die jüdische Schule sorgten. Es läßt sich nun leichter über eine Sache schreiben, als die Sache selbst ausführen, meine Absicht war es eben nur, die reiferen Lehrer zur Arbeit anzuregen und dahin wirken zu helfen, daß wir unsere Pädagogik auf eigene Füße stellen, daß wir uns nicht noth dürftig behelfen brauchen mit Dingen, die unserm innersten Innern fremd sind. Und so schließe ich denn mit den Worten: In magnis et voluisse sat est. In großen Dingen gewollt zu haben, genügt schon. »-Di? n\T nn *) Ich hatte diesen Artikel schon früher eingeschickt.