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Der Israelit · 1890-08-21 · Heft 66 (21.8.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 66 (21.8.1890)
Date
1890-08-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1214 blickte daher vom Himmel und seinem in wenigen Augenblicken hervortretenden Allmachtwunder Gs. hernieder zur Erde auf die hinter mir stehende Menschenmasse, und war ganz betroffen von dem, was ich da sah. Das Wunder am Himmel schien mir verschwindend klein, gegen das Wunder, das ich hier auf Erden vor mir sah. Ich übertreibe gewiß nicht, wenn ich sage, daß sich hier viel mehr als 1000 Personen eingkfunden hatten, Schweizer, Deutsche, Franzosen, Engländer, Russen, selbst 2 Chinesen in ihrer Nationaltracht und mit ihren Zöpfen waren da, um den Aufgang der Sonne zu sehen! 'n m no Wie groß ist Gottes Allmacht! Nicht, daß sie die Sonne, sondern daß sie die Siebenschläfer so früh aufstehen läßt! Welch' ein Kiddusch Haschern, welch eine Concession an Gottes Wundergröße, bedeutet die große Haschkomo dieser bunten Masse, die sonst Niesenlöcher in den Tag schläft, die sich für keinen Preis sonst ihren süßen Morgenschlaf abkaufen läßt, und sich nun in so früher Stunde eingefunden hat, um den Sonnenball, Gottes mächtigsten „Diener" für unsere Wahrnehmung, — mw —, seine Tagesbahn eröffnen zu sehen! Auf Nigi-Kulm kann man kein Zimmer unter 4—6 Franken haben. Hier wohnen die Reichsten; sie brauchen am wenigsten früh aufzustehen. Je weiter unten, desto billiger sind die Wohnungen. Die weniger Bemittelten bringen also auch hier ein größeres Opfer an Ruhe und Bequemlichkeit und erscheinen somit, wenn die materiellen Einsätze für ideale Gewinne die Maßstäbe wahrer Bildung sind, als die Gebildeteren. Die Gäste von Rigi-Kulm, welche aus den warmen Betten direkt in die winterlich kalte Morgenluft eilen, haben vor anderen noch den Vortheil, daß sie sich am leichtesten Kattarrh und Schnupfen holen. Man kennt sie vor allen durch ihre Morgentoilette heraus, an den Schlafröcken und Nachthauben, in welchen sie herumgehen. Dieses Gemisch der Toiletten ist für das Auge noch auffallender als das babylonische Sprachgewirr für das Ohr. Da steht neben einem Holländer in tadellosem, schwarzem Anzug und Cylinder eine Russin in weißer Morgenjacke, deren noch unfrisirte Locken dem pfeifenden Wind als willkommenes Spielzeug gelten. Dort hat sich ein Engländer postirt, und sieht mit dem einen Auge durch sein Fernrohr nach der Sonne, und dem andern in seinen Bädeker, um sich zu überzeugen, daß sie's auch richtig macht, wie es ihr darin vorgeschrieben ist. Eben schnarrt ein mit seinem Monocle bewaffneter preußischer Offizier sein: „Famos!", als ein allseitiges „Ah!" mir sagt, daß es letzt Zeit ist, den Kopf der Sonne zuzuwenden. Der erste glühende Streifen des aufsteigenden Sonnenballs, begrüßt von dem unvermeidlichen Alphornbläser, stieg eben empor. Noch wenige Minuten und er erhob sich höher „wie ein Bräutigam, der aus dem Brautzelte tritt und wie ein Held vor Freude strahlt, seine Bahn zu durchlaufen." Da wir vor Tagesanbruch aufgebrochen waren, hatte ich noch nicht gebetet. Ich hatte wohl daran gedacht mir Tallis und Tefillin mit heraufzunehmen und wie die Wasikin „Schema" Angesichts der ausgehenden Sonne zu beten. — Aber eine falsche Scham hatte mich davon zurückgehalten. Jetzt aber schämte ich mich auch meiner Scham. Das wunderbar ergreifende Schauspiel am Himmel hatte mich so alle kleinlichen Rücksichten für die Menschen auf der Erde vergessen lassen, daß, wenn unter den vielen Buden, eine gewesen wäre, welche Tallis und Tesillin zu vermiethen gehabt hätte, ich sofort zugegriffen hätte. Warum auch nicht? Wenn sich mein Nebenmann nicht seiner Nachtmütze schämt, wenn die Chinesen ihre eigenthümlichen Gewänder und Zöpfe ruhig zur Schau tragen dürfen, warum sollte ich mich des Harmelins und Ordensbandes schämen, das uns der Vater im Himmel in seiner Gnade gereicht hat? Ich bin fest überzeugt, daß sich keiner der anwesenden Christen daran gestoßen hätte, nur unsere eigenen, pflichtvergessenen Brüder hätten sich darüber entsetzt und geärgert, und wäre denen gerade ein bischen Aerger so gesund! Wenn ich so Gott will nächstes Jahr wieder hierher komme, hole ich sicher das Versäumte nach. Ohne der Schema-Pflicht genügen zu wollen, rangen sich mir die Worte aus dem bewegten Herzen über die bebenden Lippen: .“inN 'n 'n 'n In solcher Umgebung ahnt man die Tiefe der herrlichen Erklärung, die Raschi im Namen unserer Weisen zu diesen Worten gibt. „Höre Israel, Gott, der jetzt nur unser Gott, wird noch einmal von allen Völkern und Zungen als der einzige Gott erkannt und anerkannt werden." Die verschiedenen Religionen, Confessionen und Secten, zu welchen die Menschen sich bekennen, weit entfernt sie zu verbinden und zu verbrüdern, sondern und scheiden die Kinder eines und desselben himmlischen Vaters scharf und gegensätzlich von einander. Sie kehren so geflissentlich immer das, was sie trennt und scheidet hervor, daß sie darüber dasjenige ganz vergessen, was sie gemeinsam haben. Die Gegensätze sind so scharf und widerstreitend, daß man an die Möglichkeit einer Aussöhnung nicht mehr zu glauben wagt. Da braucht nun Gott nur Seine Sonne aufgehen zu lassen und Juden, Katholiken, Protestanten und Chinesen vergessen für

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