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Der Israelit · 1890-08-21 · Heft 66 (21.8.1890) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 66 (21.8.1890)
Date
1890-08-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang._ Mage)» ^?66 des,.Isrllelit"8-„Irschurun" Feuilleton. Weiseöriefe aus der Schweiz. Von E. Hattenfelser. II. Rigi-Kulm, 17. Ab. Mein lieber Freund! Gestern hat uns der liebe nat? einen Rasttag gebracht, der uns Neulingen im Bergsteigen sehr gut bekam. Je länger man hier oben weilt, desto leichter wirds einem in der Brust, Lunge, den Beinen und dem Portemonnaie. Selbst größere und anstrengendere Touren ermüden nicht mehr, wenn man mit leichteren, stufenweise zunehmenden Ausflügen beginnt. Ich werde von hier aus größere Touren machen und meine Familie zurücklassen, sobald ich noch einen Begleiter außer meinem Regenschirm gefunden habe. Heute Morgen war um 2 Uhr große Revetlle, denn wir wollten alle, auch die Kleinen, den Sonnenaufgang auf Rigi-Kulm sehen. Der Rigi ist nämlich nicht, wie man gewöhnlich glaubt, ein einzelner Berg, sondern ein ganzer Gebirgsftock, der 8—10 Stunden im Umfang und eine Anzahl Kuppen, Höhen und Vorsprünge hat, von welchen jeder seine eigenartigen Reize und Vorzüge besitzt. Während man auf Kaltbad vom Känzli (ein Vorsprung, )er wie eine Kanzel sich frei erhebt, und daher den Namen hat) am besten den Untergang der Sonne )eobachten kann, ist für den Aufgang der Sonne lligi-Kulm der geeignetste Punkt. Es war 3 Uhr bis wir alle fix und fertig waren. Man kann den Weg von Kaltbad bis Kulm bequem in V/2 Stunden machen und da die Sonne erst ca. 4^/z Uhr aufging, so hatten wir Vorsprung genug vor der Sonne. Der Vollmond zeigte uns den Weg, zum großen Berdruß meines fünfjährigen Kronprinzen, der noch nie so früh auf war und sich ärgerte, daß der Mond doch noch früher auf dem Platze war als er. Auch die Kühe mit ihren Glocken um den Hals waren schon munter und unten von dem noch 3/4 Stunden tiefer liegenden Rigiklösterli tönte das Jodeln einiger jungen Burschen, die ebenfalls im Begriffe waren der Sonne ihre Morgenvisite zu machen. Wir kamen nach Staffelhöhe, von wo nach Rigistaffel auch von den Fußgängern in Ermangelung eines andern Weges der Schienenstrang der Bergbahn benützt wird; zur großen Freude der Kinder, die einmal ungestraft auf den Eisenbahnschienen sich tummeln durften. In Rigistaffel, wo sich schon mehr Genossen einfanden, hatten uns auch die Jodler eingeholt und nun gings steil hinauf nach Kulm. Jetzt kam auch ein Extrazug von Vitznau herauf, dicht gefüllt mit Sonnen-Aufgangs- Enthusiasten, die nun noch vor uns ihr Reiseziel erreicht hatten. Auf der Kuppe angelangt, lag das massive Hotel und seine Gäste noch in tiefem Schlaf. Es war kurz vor 4 Uhr, aber wir fanden gewiß schon 200 Personen oben, als wir auf der Höhe angelangt waren. Ein kalter Wind empfing uns und wir waren nun froh mit den Plaids und Ueberziehern, die wir mitgebracht hatten. Der Mond leuchtete immer noch, aber er blickte fahl und blaß drein, wie es nach einer durchwachten Nacht nicht anders zu erwarten ist. Einer der Jodler meinte, es wäre der blasse Neid über die Aufmerksamkeit, welche alle der Sonne zollen, während man den Mond nur im Kalender suche. Jetzt fing die Stelle am Horizont, an welcher die Sonne in einer halben Stunde aufgehen sollte an, sich in ein violettes Roth zu hüllen. Ein Alphornbläser ging gravitätischen Schritts ins Hotel und blies in den Corridoren die Schläfer wach. Von allen Seiten sah man aus der Tiefe die Touristen herbeiwandern. Der Horizont färbte sich immer röther, der Mond dahinten wurde immer blasser und die Sterne hatten sich ganz zurückgezogen. Jetzt wurden zahllose Verkaufsbuden aufgeschlagen, in denen man Stöcke, Bilder, Holzschnitzereien, Erfrischungen und alles Mögliche und Unmögliche in aller Frühe kaufen konnte. Der Alphornbläser richtete jetzt sein Horn nach der Richtung der Sonne zu, und blies so laut, daß mich mein Söhnchen am Rocke zupfte, und schadenfroh meinte: „Jetzt wird sie erst geweckt!" Unverwandt blickte alles nach dem Punkte, an welchem in wenigen Minuten die Sonne in ihrer Pracht aus der Tiefe heraufsteigen sollte. Vorbote, das Morgenroth mit seinem rosigen Schimmer, umfluthete schon längst die weißen Häupter der Schneeriesen in der weiten Runde, während es tief im Thal, auf dem Zugersee noch zu dämmern schien. Alles harrte in athemloser Spannung dem Einttitt der Sonne entgegen. Die Erwartung nahm alle Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß ich ganz an meine lieben Menschen und ihre Musterung vergessen hatte. Und doch werfen solche Momente, welche auch den blasirtesten Alltagsphilister für wenige Augenblicke aus dem ausgetretenen Geleise seiner Tretmühle reißen, die hellsten Reflexe auf den Charakter. Ich

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