Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 66 (21.8.1890)
- Date
- 1890-08-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„Herr Meseritzer ist mein Lehrer, lieber Papa!" „Das ändert nichts an der Sache. Dafür wird er bezahlt!" „Das Bezuhltwerden ändert auch nichts an der Sache, lieber Papa!" antwortete Elise mit einiger Erregung. „Es läßt sich ein Jeder seine Leistungen bezahlen, vom Höchsten bis zum Niedrigsten. Üebrigens ist Herr Meseritzer ein durch Character und Wissen so hochstehender Mensch, daß er sich eine solche Behandlung sicher gar nicht gefallen lassen wird. Ich bin überzeugt," fuhr sie mit steigender Erregung fort, „er wird dafür danken, den hohen, sich eben von reichbesetzter Tafel wohlgesättigt erhebenden Geldmännern, die sich in ihrem Hochmuthsdünkel vielleicht für entwürdigt gehalten hätten, wenn dieser an Geist und Wissen ihnen so überlegene Mann neben ihnen an der Tafel gesessen hätte, auch noch etwas vorzuspielen und vorzusingen, damit die Verdauung bei ihnen besser von statten gehe." „Was für eine Sprache erlaubst Du Dir, Elise?" ries Carlisle, zornig von seinem Sitze aufspringend. „Ich werde das schon mit Herrn Meseritzer abmachen. Glaubst Du etwa, ich verlange das unentgeltlich von ihm?" „Immer das Geld! Als ob es gar nichts Höheres gebe, als dieses! Als ob man um des Geldes willen auch sein Ehrgefühl in sich ersticken müßte!" rief Elise schmerzvoll aus. „Ich muß Dir indessen sagen, lieber Papa, wenn auch Herr Meseritzer es thun wollte, so würde ich es nicht thun. Ich würde mich bei der ganzen Festlichkeit nicht blicken lassen. Ich würde es unmöglich ertragen können, daß mein Lehrer, dem ich so unendlich viel verdanke, so geringschätzig behandelt werde!" „Du scheinst heute nicht ganz bei Sinnen zu sein, Elise!" ries Carlisle heftig. „Gehe auf Dein Zimmer." „Lieber Papa werde nicht so heftig", flehte sie. „Ich will Euch ja nicht kränken und war ja immer eine folgsame Tochter; aber in diesem hier vorliegenden Falle kann ich nicht anders handeln. Ich kann und werde Herrn Meseritzer nicht so herabwürdigen lassen." „Hat Dir Meseritzer vielleicht den Kopf verdreht?" rief Carlisle zornig. „Meseritzer hat mir den Kopf nicht verdreh! und hat nie ein Wort zu mir gesprochen, das nicht den Unterricht betraf, und bei diesem war ja die liebe Mutter stets gegenwärtig." „Oder hast Du Dich vielleicht in ihn vernarrt? Ich will nicht hoffen, daß Du Dich so weit vergessen konntest!" Elise schwieg still und senkte weinend das Haupt. Carlisle betrachtete sie einige Sekunden mit zornsprühenden Augen, dann herrschte er ihr zu: „Hier gestehe! Hast Du Dich etwa gar in Meseritzer verliebt?" Elise fiel ihrem Vater zu Füßen und umklammerte seine Knie. „Lieber Papa!" stieß sie schluchzend hervor, „sei nicht hart gegen mich, Du warst es ja nie! Ja, ich liebe Meseritzer und werde nie aufhören, ihn zu lieben. Ich werde nie einen Andern lieben, nie einem Andern angehören können!" Er stieß sie hart von sich und sagte: „Mädchen, rede kein tolles Zeug! Gehe mir ans den Augen und erscheine nicht wieder vor mir, bis Du Dir diese Tollheit ans dem Sinne geschlagen hast." „Lieber Papa!" rief sie, „nimm' dieses harte Wort zurück. Ich würde sonst nie wieder vor Dir erscheinen dürfen; denn es ist keine Tollheit, was Du so nennst, und ich kann und werde es mir nie aus dem Sinne schlagen!" Die immer stärker hervorbrechenden Thränen verhinderten sie am Weiterfprechen, sie erhob sich und verließ eilig das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel zu beziehen bei E. F. Kteinacker, Leipzig. Rohplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Eours. — Directe Francoznsendnng unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einznsenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Die Liebe zur Thora. — Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Wreschen. Straßburg. Würzburg. Ans Unrerfranken. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Budapest. — Frankreich: Paris. — Holland: Amsterdam. — England: London. — Feuilleton: Eine bekannte Melodie. Inhalt der Beilage: Feuilleton: Reisebriefe aus der Schweiz. Inhalt d. „Blätter f. d. isr. Schule": Unum necessarium. — Ans Stadt und Land. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit' n.„Jeschnrun", Schottstr. Nr. 2. Mainz. Druil und Verlag der Job. Wirth'schen Hofbuchdrnckcrei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierz« zwei Beilagen.