Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 66 (21.8.1890)
- Date
- 1890-08-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1211 sagen zu können und war dabei auch ein Gewohnheitsmensch. Das waren die Gründe seiner rituellen Gewissenhaftigkeit hinsichtlich der Speisen, eigentliche Frömmigkeit war es nicht. Er hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Letztere war bereits verheirathet; der Sohn hingegen, zur Zeit im Alter von fünfundzwanzig Jahren, war noch ledig. Diesen halten die Carlisleffchen Eheleute bei dem Plane, ihre Tochter zu verheirathen, in erster Linie in's Augenmerk genommen. Aus diesem Grunde ließ Carlisle seiner Tochter jetzt noch Unterricht in der israelitischen Religion und im hebräisch Lesen ertheilen, da er fürchtete, daß Ferdinand Kirschner keine Schwiegertochter in sein Haus aufnehmen werde, die ohne alle Kenntniß der israelitischen Religionslehre und der rituellen Vorschriftendes Judenthums ist, ja nicht einmal hebräisch Lesen kann. Ferdinand Kirschner besaß auch einiges jüdisches Wissen und eine tüchtige Geschäftskenntniß, aber außer diesem auch nichts von dem, was einen gebildeten Menschen ausmacht. Er war ein überaus stolzer, anmaßender und eigensinniger Geldprotze; doch wurde ihm Wohlthätigkeit nachgerühmt. Sein Sohn, Max Kirschner, war ein Mann von guter Bildung: er hatte sich sowohl in den specicll jüdischen Wissensfächern, sowie auch auf andern Wissensgebieten Kenntnisse erworben, hatte zuweilen auch schöngeistige Anfälle, was er dann der Welt durch in den Zeitungen veröffentlichte Gedichte kundgab, und galt allgemein für einen sehr gewiegten Geschäftsmann. Er war dem Judenthume weniger zugethan, als sein Vater, und hätte er über das Geschäft zu verfügen gehabt, so wäre cs vielleicht auch sogar am Versöhnungstage geöffnet worden. Hatte die Vorsehung ihn auch mit reichen Eltern beglückt, so hatte sie ihn dagegen mit körperlichen Reizen nicht so verschwenderisch begabt. Er war zwar von untadelhaftem Wüchse und groß und kräftig gebaut, aber sein Gesicht war eher häßlich als schön zu nennen, was er übrigens durch seine feinen, gesellschaftlichen Manircn einigermaßen auszugleichen verstand. Er war immerhin eine sehr be-- gehrenswerthe und auch von vielen der zur großen Geldaristokratie zählenden heirathslustigen jungen Damen stark begehrte Partie. Carlisle und seine Frau spekulirten für ihre Tochter stark auf ihn, und Carlisle hatte auch bei jedem Zusammentreffen mit dessen Vater es auf geschickte Weise in die Unterhaltung mit einzuflechten verstanden, daß seine Tochter jetzt von einem sehr kenntnißreichen und streng orthodoxen Gelehrten Unterricht in der israelitischen Religion erhalte. Der so glaubensschwache Carlisle glaubte tu allem Ernste an die Aufrichtigkeit der Kirschner'schen Orthodoxie! Ferdinand Kirschner hätte der Fünfzigmillionenerbin die Thüre nicht gewiesen, wenn sie auch nicht hebräisch Lesen gekonnt und keinen orthodoxen Lehrer gehabt hätte! 4- * * Mit dem zuruckgelegten sechszchnten Lebensjahre sollte Elise in die höheren Gesellschaftskreise eingeführt werden, und die Feier des sechszehnten Geburtstages sollte für dieselbe und für die in Betracht kommenden Kreise als Eintrittssignal dienen. Es ist dieses das Alter, in welchem in den höheren Gesellschaftskreisen Amerika's die jungen Damen ihre Eroberungszüge zu beginnen pflegen, um durch die von ihrer Person oder ihrem Vesitzthum ausstrahlende Lichtwirkung die in dieser Atmosphäre herumflatternden Schmetterlinge an sich zu locken. Dieser Zeitpunkt war für Fräulein Carlisle bereits ziemlich nahe gerückt. Die israelitischen Herbstfeicr- und Festtage waren verflossen und drei Wochen nach diesen erreichte Elise das sechszehnte Lebensjahr. Ungefähr vierzehn Tage vor dem Eintritte dieses Zeitpunktes saßen eines Abends Carlisle und seine Frau, in ernster Unterhaltung begriffen, zusammen im Wohnzimmer auf dem Sopha, als Elise, ein Liedchen vor sich hintrillernd, eintrat oder vielmehr hereinhüpftc, da ihre Bewegungen im Hause, in ihrem jugendlichen Frohsinn, stets mehr einem tänzelnden Hüpfen, als einem Gehen glich. „Höre, liebe Elise!" sagte der Vater zu ihr, „sage dem Herrn Mcseritzer, er möchte einige schöne Musikstücke und einige sich zum Vortragen in Gesellschaften eignende Lieder recht tüchtig mit Dir cinüben. Wir werden diesesmal an Deinem Geburtstage ein großes Festessen geben. Dasselbe soll um ein Uhr Nachmittags beginnen und wird wohl mit Allem, was dazu gehört, bis sieben Uhr dauern. Wir werden Herrn Meseritzer bitten, daß er gegen halbacht Uhr hierherkomme, da ssllt Ihr dann zusammen einige Musikstücke und dazwischen auch einige Lieder vortragen!" Elise sah ihren Vater erstaunt an. „Sagtest Du nicht, lieber Papa, daß die Mahlzeit um vier Uhr ihren Anfang nehmen solle?" fragte sie. „Allerdings!" antwortete er. „So habe ich gesagt. Warum? Was ist Dir denn dabei auffällig?" „Gegen halb acht Uhr erst soll Herr Mcseritzer kommen", hast Du hinzugefügt. „Wäre es nicht anständiger, Herrn Meseritzer auch mit zu Tische zu laden?" „Was fällt Dir ein, Elise?" antwortete Carlisle lachend. „Die ganze hohe Geldaristokratie Rew-Nork's wird anwesend sein, da können wir doch einen armen Privatlehrer, den Niemand kennt, nicht mit an die Tafel setzen!"