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Der Israelit · 1890-08-18 · Heft 65 (18.8.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 65 (18.8.1890)
Date
1890-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage;u M 65 öcs „Isrnr Jtfd)urutt” Leitender Artikel. Das ungarische Rabbiner-Seminar. Die ungarische ncologe Judenheit verfügt über eine Anstalt, die in sehr vieler Beziehung Mustergiltig genannt zu werden verdient; ich meine nämlich das ungarische Landes - Rabbiner-Seminar in Budapest. Das Gebäude ist ein wahrhafter Prachtbau, dem keine einzige der gleichnamigen Anstalten auf der weiten und breiten Erdenrunde gleichkommt — und auch kein Wunder, hatte ja dasselbe seiner Zeit mehrere Hunderttausende von Gulden aus dem gemeinsamen ung. - jüdischen Schul-Fonds verschlungen; — auch innerlich ist dasselbe bestens ausgestattet, es ist gesorgt für alle modernen Einrichtungen und Einteilungen einer auf der Höhe der Zeit stehenden Hochschule. Sie besitzt eine sehr reichhaltige Bibliothek jüdischen und profanen Inhaltes, leidet auch keinen Mangel an Lehrkräften, die sich sowohl eines gewissen Rufes, als auch einer guten Besoldung erfreuen; auch an Schülern fehlt cs nicht, die aus allen Gegenden und Theilen des weiten Ungarlandes Hinströmen, um sich einst vom süßen Brode des Doktor-Rabbinerthums ernähren zu können; mit einem Worte, Alles ist in der besten Ordnung und läßt nichts zu wünschen übrig. Doch für Eines scheint man in dieser Anstalt vergessen zu haben, zu sorgen, für ein Fünkchen jüdisch-religiösen Geistes, für die jüdisch-religiöse Erziehung der einstigen Volkserziehcr und Verkünder des Wortes Gottes. Es ist wohl wahr, daß dies ein Artikel ist, auf den Seitens der hicrländischen, löblichen, neologen Gemeinden blutwenig, oder besser gesagt, gar nicht rcflektirt wird; ihnen kommt es bei der Wahl eines Rabbiners einzig und allein daraus an, daß er ein tapferer Phrasenheld sein soll. Im Interesse des Rufes der Anstalt sollten die Leiter donoris causa dafür Sorge tragen, daß die hier ausgebildeten Seelsorger auch ein Quintchen Religiosität auf ihre Seelsorger-Laufbahn mitnchmen. Daß dem aber nicht so ist, dafür liefern ihre eigenen , Zöglinge, ihre bereits fix und fertig dastehenden ' ehrwürdigen Herren Rabbi's, sehr eklatante Beweise. Ich bin nicht im Stande, alle herrlichen Leistungen und unsterblichen Verdienste der großen und kleinen rabbinischen Heroen aus dem ung. Rabbiner-Seminar aufzuzählen, dazu würde ein vielbändiges ^Buch kaum ausreichen — ein verdienstvolles Unter- Lnehmen, das ich gern einem Andern gönne. — AAber charakteristisch genug und der Erwähnung Wwerth ist es, daß der erste Rabbiner aus dem , schönen ung. Rabbiner-Seminar, der — nebenbei bemerkt — nicht etwa in eine n^np r6np kam, sondern einem bekannten strammen Reformhelden folgte, gleich das Bedürfniß fühlte, durch ratikale, das Wesen des Judenthums vernichtende neue Reformen seinen Vorgänger zu verdunkeln. Er hatte nichts Eiligeres zu tyun, als in seiner Gemeinde das Geiger'sche Gebetbuch einzuführen und, wie es einem Mann von humaner Bildung und Gesinnung ziemt, konnte er nicht umhin, in öffentlichen, religiösen (!) Vorträgen sich für die Civil-Ehe zu begeistern. — Ein zweiter Zögling der in Rede stehenden Anstalt, dessen Frömmigkeit in ung. jüd. neologen Kreisen sprichwörtlich ist, und auf den seine Meister und Lehrer mit Stolz und Genugtuung Hinweisen, nimmt keinen Anstand, in öffentlicher Schrift Geiger den größten jüdischen Theologen des Jahrhunderts zu nennen und seine Ansichten über Thora und Religion zu billigen. — Ein Dritter, der erst vor Kurzen! in der Temesvarer Fabrikstadt angestellte Rabbiner Dr. Kohlbach (Temesvar hat das seltene Glück, nunmehr 2 neologe Rabbiner zu besitzen), verkündigte von der Kanzel herab, daß sich die jüdische Religion Zeit und Umständen fügen und anpassen muß, daß ihre heiligen Satzungen nur so lange Gesetzeskraft besitzen und daher vom Juden nur so lange befolgt und respektirt werden können und müssen, bis sie mit den jeweiligen Landesgesetzen, mit den von der Gesellschaft angenommenen und sancttonirten Sitten und Gebräuchen nicht collidircn. Denn — ruft unser Rabbi mit frommem Pathos aus — njh nj"i*). Nicht wahr, ein schöner vin tt6won, herrliche goldene Lehren aus dem Munde eines Rabbiners! llebrigens ist es der Zweck dieser Zeilen nicht, die religiöse, oder besser gesagt, irrreligiöse Richtung unserer Herren Neologen zu kennzeichnen. Denn einerseits ist diese ja zur Genüge bekannt, andererseits ist sie ja eine und dieselbe, die der Neologen aller Herren Länder; aber räthselhaft muß doch das Verfahren unserer ungarländischen Neologen bleiben, daß sie bei solcher Tendenz noch den nicht sehr rühmeuswerthen Muth besitzen, ihre orth. Stammes- und Landes-Genossen, weil sie von ihrem Rabbiner-Seminar und sonstigen Bestrebungen nichts wissen wollen, als Finsterlinge und Friedens-- störer zu verschreien und sie auch als solche bei der hohen Regierung fortwährend zu dcnunziren. — Wir wollen sie nicht in ihren Bestrebungen und Irrungen behindern, mögen sie sich mit demselben *) Dr. K. hat diese seine Antrittsrede auch drucken lassen zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt.

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