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Der Israelit · 1890-08-18 · Heft 65 (18.8.1890) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 65 (18.8.1890)
Date
1890-08-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1196 so wonnig zu Muthe. Sie erhob sich ein wenig, stemmte ihren Arm in das Kissen und legte ihr kluges Köpfchen nachdenklich in die Hand. „Wirklich ein gefährlicher, ein gar gefährlicher Mensch, dieser Meseritzer; er läßt mir selbst im Schlafe keine Ruhe!" murmelte sie mit seligem Lächeln vor sich hin. Dann verfiel sie wieder in ernstes Träumen. Sie fühlte sich von Gefühlen durchwogt, die sie bis jetzt noch nicht gekannt hatte. „Ich weiß es jetzt ganz gewiß," sagte sie plötzlich, sich schnell im Bette emporrichtend, „ich liebe ihn! Ich könnte schwören darauf!" Sie erschrack nicht über die schon vor einigen Tagen in ihr aufgetauchte, aber jetzt zur vollen Ueberzeugung gelangte Erkenntniß; aber sie s§h jetzt die Nothwendigkeit ein, ihre Blicke und ihr Thun zu bewachen, damit die Mutter nichts davon bemerke. Sie hatte sie schon am gestrigen Nachmittage so befremdlich angesehen und sie gefragt, warum sie so träumerisch dasitze und ihre Handarbeit in den Schooß gelegt habe. Davor müsse sie sich ferner hüten, sonst könnte ihr Liebestraum eine arge Störung erleiden. „Ob er mich wohl auch liebt V fragte sie sich jetzt selbst. „O, ja!" gab sie sich zur Antwort. „Als gestern beim Unterrichte, wie ich selbst empfunden habe, ohne daß ich es wollte, ein so recht warmer Strahl aus meinen Augen zu ihm hinüberflog, da leuchtete es auch in seinen Augen so eigenthümltch auf, daß er selbst darüber zu erschrecken schien und schnell die Augen niederschlug. Das ist mir ein sicheres Zeichen, daß er mich auch liebt. Ja, die Augen sind deutlich sprechende Liebesboten, aber auch arge Verräther. Wunderbar ist es mir nur, daß man ihre Sprache so schnell verstehen lernt und daß, wie ich glaube, ein Jeder sie versteht. Darum aber auch Vorsicht!" Sie sah nach dem ihrem Bette gegenüber befindlichen Regulator, um zu sehen, wie lange es noch dauert, bis Meseritzer wieder kommt. „Noch drei Stunden!" sagte sie. „Schrecklich lange!" Dann stand sie auf und begab sich nach vollendeter Morgentoilette in das Familienzimmer. Sie war ein willensstarkes Menschenkind und wußte sich zu beherrschen. Wenn sie von nun an beim Unterrichte Meseritzer gegenübersaß und die Mutter wachehaltend, wie immer, ihren Platz auf dem Sopha einnahm, hätte auch der aufmerksamste Beobachter weder ihren Blicken, noch ihren Miene» anzumerken vermocht, daß ihr Herz von heißer Liebe zu ihrem Gegenüber entbrannt sei; wendete aber die Mutter einmal den Rücken oder verließ auf einen Augenblick das Zinnner, dann ließ der Aufblick zu ihm ihn bis in's Innerste ihres Herzens schauen. Er suchte sich zu bezwingen und schlug jedesmal die Augen erschrocken nieder; aber sein Herz wurde doch von diesem Blicke in Aufruhr versetzt, und wenn er wieder aufsah, spielte die in seinem Innern angefachte Glut noch in seinen Augen. Elise bemerkte das jedesmal und war vollkommen damit zufrieden. Sie wußte, daß er sie liebe; das genügte ihr jetzt und füllte ihr Herz mit Glückesgefühl. Wenn e r jeder Zutagetretung seiner Gefühle so viel als möglich zu wehren suchte, um sich keines Vertrauensmißbrauches gegen die Eltern seiner Schülerin schuldig zu macheu, so wollte sie mit kluger Ueberlegung das Verhältniß jetzt nicht so weit führen, daß eine Störung ihres Unterrichtes dadurch hätte veranlaßt werden können. Zur geeigneten Stunde wollte sie dann später ihren Eltern ihr Herz eröffnen. Sie sehnte sich nach diesem Augenblicke, verstand aber zu warten. So waren fast anderthalb Jahre verflossen, ohne daß dem stattfindenden Verhältnisse eine Störung oder auch nur eine Trübung widerfahren wäre. Da wurde ihm aber plötzlich vierzehn Tage vor dem sechszehnten Geburtstage des Fräulein Earlisle ein jähes Ende bereitet. Den Anlaß hierzu bildete ein mit dieser Feier in Verbindung stehender Vorfall. (Fortsetzung folgt.) ..Israelit- und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig. halbjährig oder vierteljährig. Alle Bnchhandlungeii und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel fU bestehen bei E. F. St rinacker. Lripstg. Dohptatz 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Eours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzasenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Heinrich Rickert über den Antisemitismus. — Zur Lage der Juden in Rußland. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Darmstadt. Aus dem hessischen Odenwald. Berlin. Breslau. Würzburg. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Wien. Lipto - St. Miklos. — Rumänien : Bukarest. — Feuilleton; Eine bekannte Melodie. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Das ungarische Rabbiner-Seminar. — Litterarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Straßburg i. E. — Oefterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des ,.Israelit" u. ..Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Drn.t und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu eine Beilage.

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