Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 65 (18.8.1890)
- Date
- 1890-08-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1198 sonen, das beinahe nur zur Hälfte aus Frauen und jungen Leuten, ja Kindern bestand, über die Judenfrage „vortrug". Die Mehrzahl der anwesenden Männer jedoch begab sich nach der Aussperrung in den zweiten Saal des Oertchens, welcher dem des Dr. Böckel nicht viel an Größe nachsteht und alsbald mit über 100 Personen dicht gefüllt war, um dort, wie es das hessische Vereinsgesetz erlaubt, nach Verständigung mit dem anfangs Widerspruch erhebenden Bürgermeister eine Protestversammlung abzuhalten. Nachdem die Herren Professor Dr. Stengle aus Marburg, die Redacteure Schreiber und Dr. Quarck aus Frankfurt, sowie der hessische Landtagsabgeordnete Müller und Prinz in der unter dem Vorsitz eines Einheimischen stattfindenden und von zahlreichen Bauern und Arbeitern des Orts und der Gegend besuchten Versammlung kurze Worte zur Kennzeichnung des beispiellosen Verhaltens der Böckelianer gesprochen hatten, wurde einstimmig folgende Resolution gefaßt: „Die über 100 Theilnehmer an der heute in Sandbach von Mitgliedern aller oppositionellen Parteien abgehaltenen, Jedermann zugänglichen Volksversammlung sind von der gleichzeitig stattfindenden antisemitischen „Volksversammlung" ausgesperrt worden. Die diesseitige Versammlung stellt die Thatsache dieser Ausschließung fest und überläßt der öffentlichen Meinung die Verurtheilung des feigen Verfahrens der Antisemiten, die eine Diskussion fürchten. Die Versammlung proteftirt gleichzeitig dagegen, daß die antisemitische Versammlung die Meinung der hiesigen Gegend ausdrückt." Die Theilnehmer an der Protestversammlung trennten sich mit dem Versprechen, die Agitation im Sinne der linksiiberalen Parteien im Bereiche des Odenwaldcs nun ebenfalls nicht rasten zu lassen, nachdem der Antisemitismusin der Person des Herrn Dr. Böckel, der nur tapfer hinter verschlossenen Thüren ist, ein so gründliches Fiasko vor der öffentlichen Meinung der ganzen Gegend erlitten hat. Berlin, 3. Aug. Die Universität feierte heute mit dem Geburtstage ihres Begründers, Friedrich Wilhelms III., zugleich das eigene Stiftungsfest. Auf den Festakt folgte die Verkündigung der Resultate der Preisbewerbungen. Drei Studirende hatten sich an die Lösung der von der philosophischen Fakultät für den ersten königlichen Preis gestellten Aufgabe: „lieber Ernst Plathner's wissenschaftliche Stellung zu Kant" gemacht; den Preis erhielt Benzion Seligkowitz aus Jaffa (Türkei). Ein zweiter Preis wurde 8tuä. Ml. Arthur Wreschner aus Breslau bewilligt. Berlin, 10. August. In der letzten Sitzung der Sectton für Gesundheitspflege im zehnten internationalen medizinischen Congreß bildete die Frage nach der Schädlichkeit oder Richtschädlichkeit der öffentlichen Begräbnißplätze den Hauptgegenstand der Erörterungen. Petri hebt hervor, daß die in den Leichen enthaltenen krankheiterregenden Pilze im Erdboden früher oder später zu Grunde gehen. Innerhalb welcher Zeit dies geschieht, hängt von der Beschaffenheit des Sarges und des Grabes ab. Selbst in jenen Fällen, wo die Krankheitsketme im Erdboden nicht sofort zu Grunde gehen, verlieren sie doch sehr bald ihre Wirksamkeit. Auch ist die Furcht vollständig unbegründet, daß die Krankheitserreger, die mit den Leichen in den Erdboden gelangen, von diesen aus dem Trinkwasser sich mittheilen könnten. Eine Jnfizirung des Trinkwassers würde nach Fränkel's Untersuchung nur in dem Falle möglich sein, wenn die Leichen direkt unter dem Grundwasser lägen, was aber wohl niemals vorkommt. Auch treten die von den Leichen herstammenden chemischen Zersetzungsprozesse und Leichengifte erfahrungsgemäß nicht in nachweisbaren Mengen ins Wasser über, da alle derartigen Stoffe, die etwa aus den Leichen in den Erdboden gelangen, daselbst entweder gänzlich zerstört oder doch wenigstens bis zur Unwirksamkeit verdünnt werden und somit keinen Schaden stiften können. Eine Ansammlung von größeren Mengen Kohlensäure ist nur in gemauerten Familiengrüften möglich und könnte denjenigen, welche solche Grüfte betreten, allerdings unter Umständen gefährlich werden. Solche Einzelfälle können aber bei der Entscheidung der in Rede stehenden Frage nicht in Betracht kommen. Alles in Allem darf man wohl sagen, daß jenen Argunienten, welche die Anhänger der Feuerbestattung gegen die Beerdigung geltend machen, durch die neueren Untersuchungen der Boden entzogen ist, und daß für die erstere Form der Bestattung nach dem Zuvorgesagten höchstens noch ästhetische (?) nicht aber sanitäre Gründe vorgebracht werden können. Berlin, 15. August. Ein Warschauer Telegramm der „Kreuzzeitung" meldet: Sämmtliche hier lebende fremde Juden wurden auf Befehl des Oberpolizeiministers gestern ausgewiesen. Breslau. Herr Professor Rosanes ist zum Dekan der hiesigen Universität gewählt worden. Würzburg, 6. August. Sicher wird es die meisten Leser interessiren, wenn ich Ihnen berichte, daß sämmtliche Zöglinge der hies. isr. Lehrerbildungsanstalt, 17 an der Zahl, die Austrittsprüfung am Kgl. Seminar dahier bestanden und zwar weitaus die meisten mit sehr gutem Erfolge. Dieses glänzende Resultat ist ein neuer Beweis von den Leistungen obiger Anstalt, die nicht nur ihrer Tendenz gemäß ihren Zöglingen ein gründliches jüdisches Wissen, verbunden mit echt religiöser Gesinnungstüchtigkeit zu vermitteln bestrebt ist, sondern sie auch