Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 65 (18.8.1890)
- Date
- 1890-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1192 In Folge dessen bitte ich ergebenst Eure Excellenz, mir ausführliche Antworten und Zahlenberichte bis zum 1. Mai 1889 aus die vorgelegten Fragen zukommen zu lassen." Hiernach ist Wohl kein Zweifel möglich, daß die Ausweisung der in den Dörfern des Ansiedelungs- Rayons wohnenden Juden beabsichtigt worden ist. Wenn die „Nowoje Wremja" bemerkt, daß in Rußland Niemand von der Absicht, „die Millionen Juden Mann für Mann aus Rußland zu vertreiben", gehört habe, so kann man dem russischen Blatte nur antworten, daß man auch im Auslande davon nichts gehört und Niemand Aehnltches gemeldet habe. Nur von der Verweisung fast einer Million Juden aus den Dörfern in die Städte ist die Rede gewesen. Dann bemerkt die „Nowoje Wremja" spitzig: Vor Allem besitzen wir nicht 41/2 Millionen Juden, sondern wahrscheinlich noch mehr als 8 Millionen, und wenn wir auf diese Weise 41/* Millionen hinaus expedirt hätten, würden uns immer noch 31/2 Millionen nachbleiben, d. h. unendlich viel mehr, als man in Rußland — nach dem Beispiel anderer Staaten — zurücklassen könnte. Wenn es möglich wäre, die Juden im Wege einer Massenausweisung aus Rußland loszuwerden, so wäre es für den Staat sogar vortheilhaft, selbst eine Anleihe zu machen, um die Auswandernden zu unterstützen und ihnen Prämien zu bewilligen. Leider kann aber die Juden frage nicht durch Mittel der Ausweisung radikal gelöst werden. Auch diese Auslassung ist für den in Rußland herrschenden Geist bezeichnend. Ja ros lau. Die traurige Geschichte einer Verfolgung seitens russischer Behörden erzählt der ehemals hier ansässig gewesene Schuhmacher Michael Bernstein in einer Petition an den Minister. Er wendet sich an denselben, um einigermaßen eine Entschädigung zu erhalten für die von den russischen Behörden so lange ausgestandene ungerechte Behandlung. Versehen mit einem aus dem Bezirksamte in Jaroslau ausgestellten Passe, welcher vom russischen Gesandten vidirt, ließ sich Bernstein vor neun Jahren in Lomßo (russisch Polen) nieder, wo er seinen Lebensunterhalt, ohne den geringsten Grund zur Unzufriedenheit zu geben, durch die ihm gewohnte Beschäftigung verdient. Im verflossenen Jahre wurde er plötzlich einmal unl 1 Uhr Nachts von Lieutenant Galizien ausgesucht, in dessen Begleitung sich der Polizeikommissär und zwölf Gendarmen befanden. Da er verdächtig war, ein österreichischer Spion zu sein, so wurde bei ihm eine gründliche Hausdurchsuchung gehalten, die jedoch zu keinem Resultate führte. Es wurde ihm gestattet, in Lomßo zu bleiben, doch mußte er sich verpflichten, keine österreichischen Arbeiter aufzunehmen. Obwohl er seinem Versprechen pünktlich nachkam, wurde er im April d. I. verhaftet, durch acht Tage im Gefängniß gehalten und dann in Ketten nach Warschau gebracht. Von hier wurde er eine Woche später nach Piotrkow eskorirt und nach weiteren fünf Wochen über die Grenze gesetzt, ohne daß ihm der Grund aller dieser Maßregeln bekannt war. Sein Weib wurde ausgewiesen und hatte nicht einmal Zeit, über das bewegliche Vermögen ihres Mannes Verfügungen zu treffen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Darmftadt, 15. August. Die in Butzbach zur zweiten hessischen Kammer vollzogene Wahl des Antisemiten Köhler soll, wie der „Frkf. Zeit." mitgetheilt wird, angefochten werden, da einer der für die Wahl Köhlers eingetretencn Wahlmänner die hessische Staatsangehörigkeit nicht besitzt. Ist das zutreffend, so muß die Wahl für ungiltig erklärt werden, da sie bekanntlich bei Stimmengleichheit durch das Loos entschieden wurde. Aus dem hessischen Odenwald, 10. Aug. Wenn man aus dem kläglichen Debüt der Antisemiten im Odenwald, das dieselben heute gaben, auf die Zukunft der antisemitschen Bewegung überhaupt in unserer Gegend schließen darf, so wird dieselbe eine traurige sein. War doch das Haupt der ganzen Agitation, Dr. Böckel aus Marburg, von einem Neophyten des Antisemitismus, der kürzlich einen Prozeß gegen einen jüdischen Händler verloren hat, herbeigeholt worden, und hatten die öffentlichen Blätter des Mümlingthales, oas bei Höchst an die Odenwaldbahn stößt, doch seit mehreren Tagen wiederholt angekündigt, daß eine „große antisemitische Volksversammlung" in dem zwischen Höchst und Neustadt liegenden Dörfchen Sandbach stattfinden sollte, das nebenbei nicht einen einzigen jüdischen Einwohner zählt und irgendwelche öffentliche Versammlungen bei seiner Kleinheit und Abgelegenheit noch gar nicht gehabt hat. Nun kam das „Volk" allerdings, aber kein Volk, das Herr Dr. Böckel brauchen konnte, nämlich Anhänger aller oppositioneller Parteien aus der engeren und weiteren Umgegend. Die Folge war, baß die Einberufer der Versammlung das Lokal der „Volks-Versammlung" lange vor Beginn der Versammlung sperrten, und zwar mit Unterstützung der in ganz unnöthiger Weise aufgebotenen Gendarmerie, sodaß unter scharfer Kontrole nur antisemitische Parteigenossen nebst Weibern und Kindern in den Saal gelassen wurden, wo Dr. Böckel nunmehr ungestört durch bösen Widerspruch vor einem Publikum von ca. 150 Per-