Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 65 (18.8.1890)
- Date
- 1890-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1190 folg errungen; Dr. Böcke! beseitigte den bisherigen Abgeordneten Dr. Grimm. Bei den Februarwahlen dieses Jahres haben die Antisemiten nicht nur Marburg behauptet, sondern noch weitere 4 Sitze in Kurhessen und Oberhessen, welche bis dahin durch Nationalliberale und Konservative vertreten waren, gewonnen. Die Sozialdemokraten betrachten sich als die Erben der Antisemiten. Sie glauben, daß dieselben für sie die Vorarbeit leisten, zuerst einmal „die bürgerlichen Parteien" zu zerreiben. „Der Antisemitismus ist nur ein Durchgaugsstadiunr" — sagte vor Kurzem ein sozialdemokratischer Führer — „er arbeitet schließlich doch nur für uns." Diese Anschauung hat Manches für sich. Wer sich erst über „den jüdischen Kapitalismus" richtig zu ereifern gelernt hat, der ist ohne Schwierigkeit auch, „gegen den Kapitalismus" überhaupt in Zorn zu bringen. Thalsächlich hat denn auch eine nicht unerhebliche Zahl früherer antisemitischer Wähler bei späteren Wahlen in mehreren Wahlkreisen für die sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt. Durch die Erfolge bei den letzten Wahlen erinuthigt, arbeiten die Antisemiten mit erhöhtem Eifer weiter, zunächst in Hessen. Die Landbevölkerung haben sie durch ihre unermüdliche Agitation von Dorf zu Dorf, durch Zeitungen und Flugblätter, Gründung von Bauernvereinen u. s. wgewonnen. Die Gegenparteien sind ihnen einstweilen nicht gewachsen. Es fehlt ihnen an genügender Organisation, an Kräften, an einer wirksamen Lokalpresse. Wenn bei ben jetzt int Groscherzogthum Hessen stattgehabten Landagswahlen die Antisemiten Sitze nicht eroberten, so darf man daraus leine weiter gehenden Schlüsse ziehen*). Die Theilnahme der Bevölkerung für diese Wahlen war überhaupt eine äußerst schwache; 20, höchstens 25 Prozent haben ihr Wahlrecht ausgeübt. Mit dem bestehenden veralteten Wahlsystem waren die Wähler nicht in Bewegung zu bringen. Von Hessen tragen die Antisemiten ihre Agitation neuerdings weiter, vorzugsweise nach Baden. Sie hoffen dort einen günstigen Boden zu finden, weil Baden nächst einigen preußischen Provinzen, Hessen und Elsaß-Lothringen, die meisten Juden hat — je 169 unter 10,000 nach der Statistik von 1885; in Hessen waren die Zahl je 273, in Elsaß-Lothringen je 236 Juden unter 10,000 Einwohnern. Auch in Baden hat man es, wie in Hessen, vorzugsweise ans die Landbevölkerung abgesehen. In den einzelnen Wahlkreisen werden Vereine mit „Kriegskassen" zu „denr heiligen Kampf" — wörtlich steht es so in einem Aufruf — und besondere antisemitische Blatter gegründet. Von zwei solcher seit einem Monat dort erscheinenden Wochenblättern — dem „Badischen Volksboteu" in Todtnau und dem „Bürger- und Bauernfreund" in Ilvesheim bei Mannheim — sind mir die bisher erschienenen Nummern zugegangen. Sie enthalten nichts als eine fanatische Hetzerei von Anfang bis zu Ende. Selbst der Jnseratentheil muß diesem Zwecke dienen. Das Programur der Deutsch-Sozialen in Baden, welches neben dem Rohtabakmonopol die wöchentliche Normalarbeitszeit und den tvöchentlichen Mindestlohn verlangt, findet in diesen Blättern eine (Ergänzung, tvelche an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. „Internationale Vereinbarungen, insbesondere gegen die gefahrdrohende Anhäusung des jüdischen Kapitals"; — von Staatswegen angeordnete Untersuchung, ob in der jüdischen Religionslehre (Talmud und rabbinische Litteralur) etwas „Staatsgesährliches" enthalten sei—; Aufhebung der Gleichberechtigung und Stellung der Juden tinter Fremde »recht; — Ausschluß derselben von allen communalen und staatlichen Aemtern, von dem Dienst im Heer, von dem Dienst als Schöffen und Geschworene, sowie von sonstigen Ehrenämtern; — das ist das Programm, auf Grund dessen man die badische Landbevölkerung gegen unsere jüdischen Mitbürger zu sammeln hofft. Der bei Mann¬ *) Wie ich eben lese, haben die Antisemiten Butzbach von den Nationalliberalen wider Erwarten gewonnen. heim erscheinende „Bürger- und Bauernfreund" hat noch einige ganz besondere Forderungen. Er will den Juden das Recht entziehen, für öffentliche Blätter zu schreiben oder solche zu verlegen (ausgenommen Zeitungen für Inden), er will ihnen atlch den Handel mit Tabak, Wein, Getreide und Branntwein verbieten! In welchem Geiste diese Blätter geschrieben sind, wird am besten aus einer kurzen Antwort hervorgehen, welche der Jvelsheiiner „Bürger- und Banernfreund" im Briefkasten der Nr. 4 gibt: „H. in H. Sie wenden gegen unser Bemühen ein: das Evangelium geböte — den Nächsten zu lieben. Die Inden sind nicht unsere Nächsten, sondern die F e r n st e n. Juden lieben, das kann nur Gott, in dessen Hand sie ein räthselhaftes Werkzeug sind. Wir müssen sie ebenso verabscheuen, wie den Teufel" n. s. w. Gegen eine solche Agitation auch nur ein Wort;u verlieren, werden sicherlich Viele nicht der Mühe Werth halten. So weit, meinen sie — kann doch irgend ein erheblicher Theil des deutschen Volkes nicht zurückgekommen sein, daß er an derartiger Moral auch nur vorübergehend Geschmack findet. Ich bezweifle es, daß ein solcher Optimismus nach den Erfahrungen, die wir im letzten Jahrzehnt in Deutschland ge macht haben, angebracht ist. Haß, Eigennutz, Konkurrenzneid, Bersolgungssncht und ähnliche niedrige Leidenschaften können auch noch am Schlüsse des neunzehnten Jahrhunderts die bedenklichsten Früchte hervorbringen, wenn ihnen gegenüber nicht durch eine starke öffentliche Meinung in deutlicher Weise die Staatsraison geltend gemacht wird. Wo aber zeigt sich gegen die Antisemiten in Deutschland eine starke öffentliche Meinung? Wo sind diejenigen, welche kraft ihrer Stellung in erster Reihe berufen wären, gegen diese vcrfassilngS- und kulturwidrige Hetze ein Veto einzulegen L In Preußen waren vor Einführung der Verfassung unter den Vorkämpfern für die Gleichberechtigung der Inden Männer der höchsten Aristokratie. Man vergleiche nur die Reden, mit denen Prinz Biron von Kurland, Fürst zu Lynar, Graf von Dyhrn, Graf v. Ziethen, Graf v. Nedern, Gras Lsiork n. A. in der Herrcnkurie des vereinigten Landtags von 1847 für unsere jüdischen Mitbürger eintraten, mit denen aus neuester Zeit ' Gras Ziethen hatte sogar den Muth ans den Erfahrungen seines Lebens — und er erklärte oft mit Juden znsammengekontinen zu sein — zu bezeugen, daß er sie „als erfahrene, betriebsame, als gute, edle Menschen angetrosfen habe." Selbst die Abgeordneten von Bismarck- Schönhausen, der nachmalige Reichskanzler, konnte in seiner von den Antisemiten so vielfach für ihre Zwecke citirten und im Uebrigen „vom Geist des Mittelalters" durchwehten Rede gegen die Zulassung der Jlldeit zu den obrigkeitlichen Aemtern (Sitzung des vereinigten Landtags vom 15. Juni 1847) nicht umhin einzuräumen: „Ich gestehe zu, daß in Berlin und über Haupt in größeren Städten die Jndenschaft fast durchaus aus achtniigswerthen Leuten besteht; ich gebe zu, daß solche auf dem Lande nicht bloß zu den Ausnahmen gehören, obgleich ich sagen ntuß, daß der entgegengesetzte Fall vorkoimne." Wer heute solches Zeugnis; abfegt, wie es Graf v. Ziethen gethan, muß sich darauf gefaßt machen, in den Verdacht zu kommen, daß er sich in irgend einer pekuniären Abhängigkeit von den Juden befindet. „Judenknecht", „bezahlter Jndenanwalt" das sind die Ehrentitel, die man sich leicht erwerben kann, wenn man auch nur für die staatsbürgerlichen Rechte der Inden eintritt: und es unterliegt leider keinem Zweifel — und nur deßhalb erwähne ich dies hier — daß es viele sehr ehrenwerthc Ehristen gibt, welche die Schmach der Judenhetze fühlen, ihre Gefahr erkennen, und sich doch lediglich durch die Besorgnis; vor solchen elenden Verdächtigungen davon zurückschrecken lassen, offen Farbe zu bekennen und vorzugehen. Wer vor solchen Gemeinheiten zaghaft die Segel streicht, kann allerdings ernste öffentliche Pflichten nicht erfülleit. Es ist eine bei den Antisemiten sehr beliebte Methode, gewisse verwerfliche Eigenschaften und Schlechtigkeiten, wie den