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Der Israelit · 1890-08-18 · Heft 65 (18.8.1890) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 65 (18.8.1890)
Date
1890-08-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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( ne^r. Buchhandluji^ ^■'VfCFURT XXXI. Jahrgang. M 65. Zsmelit u..d Jeschmun. Bcitrditift mt fötöenuta W. Geistes uuö iftt. Lebens in Ans. Geinelnbe nnb Llbnie. Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 18. August SOSO (1890). Leitender Artikel. Heinrich Rickert über den Antisemitismus. Mainz, 17. August. Daß Nichtjuden sich des armen gehetzten Israel zur Zeit früherer Bedrückungen angenommen und seine Angreifer zu Boden geschmettert, ist eine bekannte Thatsache und sie bildet die rot noy, die Lichtsäule innerhalb der langen Leidensgeschichte unseres Volkes. In neuerer Zeit hingegen scheinen die Vertheidiger des Gottesvolkes immer spärlicher geworden zu sein. Die modernen Judenhasfer sind mit einem solchen Geschrei und Gezeter und einem so wüsten Lärm gleich von vornherein aufgetreten, daß die Edlen der Nation, aus Furcht, überschrieen zu werden, eS vorgezogen haben, diesen unanständigen Elementen fern zu bleiben und sich lieber in Schweigen zu hüllen. Das Gejohle wurde aber immer lauter und unerträglicher, „Vernunft ward Unsinn, Unsinn, Plage." und ein längeres müßiges Zuschauen scheint nunmehr auch den einsichtigen nichtjüdischen Kreisen von Verderben zu sein. Der in der Ueberschrift genannte gefeierte Parlamentarier, der Führer der freisinnigen Parteien im deutschen Reichstage, hat deshalb in der letztwöchentlichen Nummer der „Nation" unter der Ueberschrift: „Die Judenverfolgung iu Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts" das Wort ergriffen und dadurch gezeigt, daß er zu den 'Ton E&iyn moN, zu den Gerechten der Nationen zählt, von welchen unsere Weisen sagen, daß ihnen die ewige Glückseligkeit zu Theil werde. Der Artikel lautet: „Sechs und ein halbes Jahrhundert sind verflossen, seit Papst Jnnocenz IV. zun: Schutz der bedrängten und verfolgten Juden eine Bulle erließ. „Einige Geistliche und Fürsten" — heißt es in der Bulle — „Edle und Mächtige eurer Länder erdenken, um das Vermögen der Juden an sich zu reißen, gottlose Anschläge gegen sie und erfinden Anlässe . . . Im Widerspruch gegen die ihnen vom apostolischen Stuhl gewährten Privilegien, gegen Gott und seine Gerechtigkeit, bedrücken sie durch Nahrungsentziehur.g, Kerkerhaft, andere Quälereien und Drangsale die Juden, legen ihnen allerhand Strafen auf und verdammen sie zuweilen sogar zum Tode, so daß sie, obgleich unter Fürstlichkeiten lebend, die das Ehristenthum bekennen, doch schlimmer daran sind, als ihre Vorfahren in Aegypten unter den Pharaonen. ... Da wir sie nicht gequält wissen wollen, so befehlen wir, daß ihr euch ihnen freundlich und gütig zeigt. Wo ihr ungerechte Angriffe gegen sie wahrnehmt, stellet sie ab und gebet nicht zu, daß sie in Zukunft durch solche und ähnliche Bedrückungen heimgesucht werden." Eine lange Kulturarbeit liegt zwischen damals und heute. Körperlich gemißhandelt, gefoltert, verbrannt wird heute der Jude nicht mehr: das verbieten nicht nur die Gesetze, sondern auch unsere „milderen Sitten". Aber die Grundanschauungen, die Art zu denken und zu fühlen, aus denen jene vergeblich mit dem Kirchenbann belegten Akte verabscheuungswürdiger Rohheit entsprangen — hat auch sie die lange Kulturarbeit überwunden ¥ Freilich — auf dem Papier, in unserer Verfassung, in unseren Gesetzen ist Alles so wohl geordnet, wie es die „Civilisation", die wir erworben haben, verlangt. In allen konstitutionellen Staaten Europas ist die Gleichberechtigung der Konfessionen anerkannt. Man hat diesen Grundsatz sogar unter europäische Garantie gestellt. Die Mächte, welche aus dem Kongreß von 1878 den Berliner Vertrag Unterzeichneten, schrieben Bulgarien, Serbien und Rumänien als Bedingung für die Aufnahme unter die europäischen Staaten in den §§ 34 und 35 des Vertrages ausdrücklich vor, daß wegen des religiösen Glaubens und Bekenntnisses Niemand in dem Genuß der bürgerlichen Rechte, der Ausübung der verschiedenen Berufs- und Erwerbszweige beschränkt oder von der Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehrenstellen ausgeschjoffen werden solle. Derselbe Grundsatz befindet sich in der preußischen Verfassung und iu dem deutsche» Gesetz vom 3. Juli 1869. Wie aber steht es bei uns niit der Ihatsächlichen Durchführung dieser gesetzlichen Bestimmungen ¥ Werden die Juden in Wirklichkeit zu allen Aemteru und Ehrenstellen zugelassen ¥ Sind sie in einer der Qualifikation entsprechenden Zahl Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamte ¥ Rein. Aber damit nicht genug. Obwohl sie thatsächlich zurückgesetzt und von den wichtigen Aemtern ausgeschlossen werden, macht sich jetzt eine Bewegung breit, die sich offen als Ziel setzt, sogar den schon in dem preußischen Edikt vom II. März 1812 proklamirten Grundsatz zu beseitigen, daß die Juden „für Einländer und Staatsbürger zu achten seien." Die Antisemiten haben seit 1880 ihre Taktik geändert. Damals versuchte man durch eine in ganz Deutschland gleichmäßig in Szene gesetzte Petitionsagitation Erfolge zu erzielen. Nachdem der Petitionssturm von 1880 kläglich gescheitert war, fing man es anders an. Einzelne Bezirke wurden ausgesucht, und auf diese die ganze Agitationskraft vereinigt. Man hatte es zunächst auf Posen, Oberschlesien und Hessen abgesehen. In den ersteren beiden preußischen Provinzen scheint die antisemitische Wühlerei noch kein nennenswerthes Resultat erzielt zu haben. Anders in Hessen. Hier haben es die Judenhasser verstanden, die thatsächlich in großen Kreisen vorhandene Unzufriedenheit mit den jetzigen Zuständen in ihr Fahrwasser zu leiten. Auf konservativem Boden — in Marburg — hat der Antisemitismus im Jahre 1887 den ersten Reichstagswahler-

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