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Der Israelit · 1890-08-14 · Heft 64 (14.8.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 64 (14.8.1890)
Date
1890-08-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1186 Jede Woge des blauen Sees, jede Matte mit ihrem wechselnden Grün, jeder einzelne Felsblock ist eine Schönheit für sich, aber das ganze Ensemble ist so ergreifend, daß das Wort zu schwach ist, um all' das Herrliche zu schildern. Dazu erhebt sich im Hintergrund die ganze Alpenpracht, welche mit einem blendend weißen Schnee- und Eisgürtcl alles umfaßt und ein Gemälde hinzaubert, in dem ewiger Tod und ewiges Leben sich die Hand reichen. Die Häuser, welche die Menschen an diese Bergriesen geklebt haben, kommen mir wie Nürnberger Spielfächelchen vor, wie die kleinen, farbigen Holzhäuschen, mit welchen unsere Kleinen spielen. Noch kleiner und kleinlicher aber erscheinen mir die Menschen, wenigstens diejenigen, die ich bis jetzt zu beobachten Gelegenheit hatte. Gestern Abend sitze ich am „Känzli", um den Untergang der Sonne Zu beobachten. Sie soll kalendermäßig um 7 Uhr 25 Min. untergehen. Ich war schon eine volle Stunde vorher da und mustre die Gegend unter und die Menschen neben mir. Es mögen gewiß hundert Personen gewesen sein, die sich ohne Zweifel zu demselben Zweck eingefuuden haben. Sie schauen der Sonne in's Auge und lassen geblendet den Blick wieder sinken. Es ist noch zu früh. Nur bei ihrem Ausgang und ihrem Niedergang lassen sich die Sonne — und die Menschen — in's Auge schauen, in der langen Zeit, die dazwischen liegt, blenden sie und sind unnahbar. Meine Umgebung wird unruhig, zieht die Uhr, zieht die Handschuhe an und als es eben sieben schlägt, verläßt ein Trupp nach dem anderen den Ort, au dem sich in wenigen Minuten das Schauspiel entfalten soll, für welches sie doch lediglich gekommen waren. Etwa dreißig Personen mögen zurückgeblieben sein, aber als es zehn, fünfzehn Minuten nach sieben wird, concentriren auch diese sich rückwärts, so daß, als nun der unbeschreiblich großartige Moment des Sonnenuntergangs wirklich cintrat, außer mir noch drei Personen da waren, und der Besitzer eines Telescops, welcher für einen halben Franken die Herrlichkeit der Gegend mit Commentar durch sein Sehrohr sehen läßt. An diesen Mann wandte ich mich mit der Frage, woher es denn komme, daß die Leute alle in hellen Haufen davonlaufen, ehe der Moment eintritt, den sie doch so sehnlich erwarten. „Ja, lieber Herr", sagte dieser mit einem überlegenen Lächeln, „das kommt daher, daß Punkt sieben Uhr sowohl im Hotel Kaltbad, als auch im Hotel Bellvue tadle d’liote gespeist wird, und da möchte denn Niemand gern zu spät kommen." „Sie spassen," erwiederte ich, „die Leute kommen auf den Rigi, doch nicht um zu essen, sondern um die großartigen Naturschönheitcn zu sehen. Essen können die Leute zu Hanse doch auch, aber den Sonnenuntergang, wie wir ihn eben bewundert haben, den kann doch keine table d’höte ersetzen? „Es ist doch so, wie ich Ihnen sage", meinte der geriebene Gegend- und Menschenkenner. „Die Leute lausen hierher in der Meinung, die Sonne hätte vielleicht doch ein bischen Einsicht und accomodire ihren Gang den unwandelbaren Gesetzen der tadle d’höte. Unter den Leuten, die hier waren, sinden sich Fürsten, Millionäre, Größen aller Art, die im Lause des Jahres so gewöhnt sind, ihren Willen gethan zu bekommen, daß sie vielleicht glauben, die Sonne gehe ihnen zu Liebe heute ein halbes Stündchen früher unter. Wenn sie es dann nicht thut, dann beruhigen sich die Leute dabei, wenigstens das ihrige gethan zu haben. Sie haben doch dem Sonnenuntergänge zu Liebe ihre Füße in Bewegung gesetzt, und bereden sich vielleicht auch, das Schauspiel wirklich gesehen zu haben, wenn sie die vergoldete Fläche des Baldeggsees sahen, welchem die scheidende Sonne zuerst ihre goldenen Strahlen zum Abschied hingießt. — Wenn Sie noch wenige Minuten warten, so werden Sie eine Anzahl der Leute Wiedersehen. Sie haben ihr Essen in aller Hast hineingeworfen und kommen nun zurück in der Hoffnung, das biblische Wunder werde sich wiederholen, die Sonne werde eine Zeit lang still stehen und mit ihrem Untergang so lange warten , bis die tadle ä’höte aufgehoben ist." Kaum hatte mein Instruktor zu Ende ge-! sprochen, so kamen auch wirklich einige der Marodeure zurück, und bedauerten schmerzlich, daß sie zu spät gekommen waren. Die bereits niedergegangene Sonne goß eben ihr schönstes Alpenglühen ans die im großen Kreise gruppirten Schnee- und Eisspitzeu und verklärte noch die sie tragenden kahlen Fels- > Massen mit ihrem feenhaften blau-rothen Schimmer. I Der Anblick war so überwältigend, daß ei l selbst den blasirten tadle - d’höte - Menschen ein! „Ach l" abrang, dann gingen sie nach Hause zum I Feuerwerk und zur Neunion! I Daß hier oben, wo Gott Sein Feuerwerk ml so mächtig ergreifender Weise leuchten läßt, and) I Menschen ihre Raketen verpuffen lassen, finde iÄ l kleinlich und mindestens sonderbar. In der reiner. | durchsichtigen Lust hier oben funkeln die Sternei heller, leuchtet der Mond klarer, zucken die BliUi glühender und grollen die Donner dumpfer, nie» unten in der Tiefe. Und die Menschen, die hier» heraufgeklettert kamen, haben für alles das kein» Auge, wenigstens kein rechtes. Sie lassen mich» allein auf dem Känzli sitzen und ergötzen sich an» Cottilloii-Sternen. Aber für die am Nachthimmcl,» der sich über ihnen wölbt, sind sie blind. Wenn» der Vollmond mit seinem milden Schimmer Bcrgi

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