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Der Israelit · 1890-08-11 · Heft 63 (11.8.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 63 (11.8.1890)
Date
1890-08-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1162 Künste wurde für Juden ganz geschlossen; der Eintritt in's Konservatorium nur denen gestattet, welche die Erlaubniß zum Aufenthalt in Petersburg vom Stadthauptmann hatten, allein diese wurde beständig verweigert; Handwerker und Kauflente in der Ausübung ihrer Gewerbe und Geschäfte bis auf'sAeußerste bedrückt. Mit einem Wort, es ward ein Druck ausgeübt, wie ihn keine andere Nation ruhig ertragen haben würde. Doch alles Dieses erschien noch nicht genügend. Das waren Alles blos vom Minister oder von Lokalbehörden erlassene Verordnungen, die leicht umgestoßen werden konnten, wie z. B. eine liberalere Richtung eingeschlagen werden oder ein human gesinnter Minister ans Ruder kommen sollte. Man wollte diesen Zustand aus gesetzgeberische Weise sauktioniren lassen. Alles, was bereits in der Praxis angewandt worden war, sollte jetzt seine Sanktion durch den Reichsrath und dann durch die Billigung des Zaren erhalten. Auf diese Weise war man sicher, daß der Druck, den man auf die Juden ausüben wollte, um sie zu vernichten, um ihnen den ferneren Aufenhalt in Rußland unerträglich zu machen, nicht mehr von einem Personenwechsel abhängig sein würde. Doch hier hatte man sich in feinen Erwartungen etwas getäuscht. Trotzdem sich herausstellte, daß bei der angeblichen nihilistischen Verschwörung in Paris die Inden nicht die Hauptrolle gespielt hatten (die einzige Jüdin, Bromberg, wurde freigesprochen und Mendelssohn gab man als einen Urenkel des berühmten jüdischen Philosophen aus, um den verderblichen, zersetzenden Einfluß des deutschen Judenthums auf seine russischen Glaubensgenossen zu konstatiren) nahm die russische Hetzpresse doch Veranlassung, den russischen Juden die ungeheuerlichsten Anklagen in's Gesicht zu schleudern und der „Grashdanin" ging sogar so weit, die Forderung zu stellen, daß Rußland dem Beispiele der mittelalterlichen Spanier folgen und sämmtliche Juden verjagen solle. Als Ersatz dafür, daß die Juden aller bürgerlichen Rechte für verlustig erklärt wurden, ist vorgeschlagen worden, sie der Militärpflicht zu entbinden. Man wollte damit dem Vorwurfe begegnen, daß man den Juden Rechte nehme und doch fortfahre, die Blutpflicht einzufordern. Damit sollte das System beschönigt werden. (Es wäre zu wünschen, daß auch die deutschen Rabbinen demnächst einen Tag bestimmten, an welchem sich unsere Glaubensgenossen in Fasten und Gebet für unsere russischen Brüder vereinigten ns ^2 r6sn yoity 'n '2 Redaction.) ZeituugSuachrichterr und Gorrespondenzerr. Deutschland. Köln, 1. August. Den Hilfeschrei des Dr. Morris de Jonge in Berlin betr. wird der „Köln. Volksztg." von guter Hand das Folgende mitgetheilt, „um eine Irreführung der öffentlichen Meinung zu verhüten." „Herr Dr. Morris de Jonge hat seit Jahren unzweideutige Zeichen von Geistesstörung gegeben, und die Privatpersonen, welche mit ihm in Berührung kamen, haben eben so wohl, wie die Staatsanwälte und Juristen, denen er die unsinnigsten Anklagen und Strafanträge zusandte, und wie die ersten psychiatrischen Autoritäten, welche ihn untersuchten, erkannt, daß dieser bedauernswerthe Mann von Verfolgungswahn ergriffen ist. Man glaubte jedoch lange Zeit von Seiten der Familie des Kranken, von einer Etnsperrung desselben absehen zu können, da keine Gemeingefährlichkeit vorzuliegen schien. Verhaftet wurde derselbe keineswegs auf Veranlassung seiner Familie, sondern auf Antrag der Berliner zuständigen medizinischen Behörde, als er eine Klage gegen seinen Vater und eine weitere gegen den Polizeipräsidenten von Berlin eingereicht hatte. Seitdem verweigerte der Physikus Dr. Bär in Berlin trotz mehrfacher Bitten der Brüder des Kranken dessen Loslassung, ließ sich aber im Mai dieses Jahres bestimmen, ihn versuchsweise aus der Anstalt, wo er internirt war, zu entlassen. Damals schrieb derselbe zärtliche Briefe an seine Familie, schien ganz von seinem Wahne geheilt und nahm Wohnung in der Schweiz. Plötzlich aber schrieb er, alles sei Simulation gewesen, um seine Freiheit zu erlangen, reiste nach Berlin zurück und begann wieder seine völlig unbegründeten Anklagen gegen Verwandte und Glaubensgenossen, welchen Anklagen jetzt die „Kreuzzeitung" — wohl veranlaßt durch deren antisemitische Färbung — Raum gegeben hat. Die in Köln von Mitgliedern aller Konfessionen gekannte und geachtete Familie de Jonge ist ohnedem ja schwer geprüft durch die geistige Erkrankung eines einst mit glänzenden Geistesgaben ausgestatteten Angehörigen und muß es doppelt hart empfinden, in dieser Weise zum Gegenstände öffentlicher Erörterung gemacht zu werden; der Verdacht aber, daß diese Familie aus Gründen religiöser oder sonstiger Meinungsverschiedenheit einen Angehörigen seiner Freiheit habe berauben wollen, kann eben nur von einem Geisteskranken erhoben und gewiß von Niemandem, der die Verhältnisse kennt, ernstlich in Erwägung gezogen werden. Viele angesehene, christliche Mitbürger sind in der Lage, zu bestätigen, daß der Geisteszustand des Herrn Dr. Morris de Jonge schon seit langer Zeit das Bestehen krankhaften Verfolgungswahnes erkennen ließ." Durch diese von einem ultramontanen, sicher nicht philosemitischen Blatte gegebene Aufklärung wird die ungeheuerliche Leichtfertigkeit, welche die „Kreuzzeitung" in dieser Angelegenheit bewiesen

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