Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 63 (11.8.1890)
- Date
- 1890-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1154 kannt haben, die die bestehenden Gemeinden gegründet und ausgestattet habeu, und daß die Reform nicht nur etwas Neues, sondern auch das conträre Gegentheil zu dem Religionsbekenntniß der alten Gemeinde ist? Wer der inneren Entwickelung der Gemeinden auch nur einigermaßen gefolgt ist, wird verneinen können , daß die Reform die Orthodoxie angegriffen und ihr den Vernichtungskampf angekündigt hat und diesen Kampf mit aller Leidenschaft bis in die Gegenwart hinein geführt hat? Und dennoch wagt man diese Thatsachen zu leugnen, und jetzt, wo die Orthodoxie unter Gottes Beistand und Dank den großen Männern, welche als Führer und Lehrer in der schweren Zeit dem orthodoxen Judenthum erstanden sind, nicht als der Besiegte zu Boden liegt, sondern in verjüngter Kraft das Haupt erhoben hat, den Orthodoxen Streitsucht vorzuwerfen, als ob sie die Angreifer gewesen, und den Gegensatz als einen kaum nennenswerthen zu bezeichnen. So hat z. B. der Deutsch-Israelitische Gemeindebund das Letztere in feierlicher Weise unter Berufung auf Gutachten von Seiten der „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" in Berlin, des „Jüdisch-Theologischen Seminars" in Breslau und des „Bet-Hamidrasch" in Wien den preußischen Ministern im Jahre 1876 erklärt, als es sich darum handelte, die von orthodoxer Seile veranlaßte, von dem Abgeordneten L a s k e r eingebrachte Resolution hinsichtlich der Ausdehnung des erlassenen Gesetzes über den Austritt aus den Kirchengemeinden auf die Synagogengemeinden zu hintertreiben. Es dürfte nicht uninteressant sein — namentlich auch im Hinblick auf die von „einer" unter dem Titel: „Israelitische Wochenschrift" erscheinenden „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" der Orthodoxie und der geschichtlichen Wahrheit gegenüber eingenommenen Haltung — mitzutheilen, wie vor einem halben Jahrhundert bereits eine im Dienste' der Reform wirkende Zeitschrift, „Israelitische Annalen," deren Redakteur Dr. I. M. Jost war, die vorhandenen „religiösen Gegensätze" erkannt und ausgesprochen hat. „Jost zählt in Nr. 4 der „Jsr. Annalen" vom 22. Janauar 1841 nur einige Gegensätze auf, ohne solche systematisch zu ordnen und die vorhandenen Gegensätze damit erschöpfen zu wollen. Er betonte nachdrücklich dabei, daß „jede Formfrage in Wahrheit doch eine Lehrsatz frage ist." Die von Jost erkannten Gegensätze saßt er in folgende zehn Punkte: 1) Die äußerlichen Formen der jüdischen Religion sind theils unmittelbare Gesetze Gottes, theils deren mit denselben gegebenen traditionellen Folgerungen, deren streitige Punkte durch Entscheidungen erledigt worden; Gegensatz: Diese Formen sind nicht allesammt Gesetze Gottes, sondern zum Theil nur Jutcpretationen derselben durch spätere Gelehrte, zunl Theil unter deren Vertretern streitig, und zur Erledigung gab cs keine Autorität. 2) Geschichtlich bestehende Ceremonien und Gebräuche einer Gemeinde, gleichviel, durch welche Autorität eingeführt, bleiben verbindend für den Ort, wo sie bestehen; Gegensatz: Was ohne unmittelbare Nachweisuug seines höheren gesetzlichen Ursprungs besteht, entbehrt des religiösen Grundes und hat daher keine bindende Kraft. 3) Die asketischen und gesetzlichen Uebungen der jüdischen Religion sind Selbstzweck, sie erhalten diese Religion in ihrer lebendigen Ausbildung. Deren Veränderung ändert die Natur und das Leben der Religion selbst; Gegensatz: Sie sind als Formen nur die Träger des Gedankens, der, ohne seine Natur zu verändern, auch andere Formen annehmen kann und selbige bereits geändert hat. 4) Alle diese Formen sind die wahren Aeußerungen des inneren Lebens, ohne sie erstirbt das Bewußtsein. Je größer ihre Zahl, desto stärker ihre Wirkung; Gegensatz: Religiöse Formen im Allgemeinen erstarren leicht im Leben zu bewußtlosen Thätigkeiten; je größer ihre Zahl, desto gedankenloser ihre Hebung und desto geringer das Bewußsein. 5) Asketische Uebungen ziehen ab von des Lebens Eitelkeiten und erhöhen die Gesittung; je zahlreicher, desto wirksamer; Gegensatz: Sie ziehen es zugleich ab von des Lebens Thätigkeit und Pflichten; je größer daher ihre Zahl, desto geringer die Theilnahme für's Allgemeine. 6) Die Asketischen Uebungen flößen Demuth und Gehorsam ein; je zahlreicher desto stärker die Lebensregel; Gegensatz: Sie flößen leise Ueberspannung und Fanatismus, oder auch irriges Selbstgefühl ein, und die größere Zahl isolirt die Menschen zu einer selbfttäuschenden Werkheiligkeit. Daher ist zu wünschen, daß Maß gehalten werde; 7) . Je pünktlicher die Befolgung der Pflichten, desto eher gewöhnt man sich, die des Staates und der Menschheit zu erfüllen; Gegensatz: Religiöse Pflichten können, je größer ihre Zahl, desto eher mit denen des Staatsbürgers in Collission kommen und die größte Verlegenheit bereiten. Daher sollte man diese in: Voraus meiden.