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Der Israelit · 1890-08-11 · Heft 63 (11.8.1890) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 63 (11.8.1890)
Date
1890-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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M 63 Israelit u«d Jeschurun Zeltschrifl M frntim iitö. Geistes und W. Keims in Ass. Gemlidr md KWe. Genlrak-Organ für das orthodoxe IudenLhum. Begründet von vr Lehmann in Mainz. Montag, den 11. August 5650 (1890). Leitender Artikel. Der Gegensatz in den Gemeinden. Von Isaak Hirsch. Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit und Unerschrockenheit so oft die Wahrheit verleugnet und Thatsachen entstellt werden, um die Harm- und Gedankenlosen zu täuschen. Diejenigen, welche sich dergestalt in den Dienst der Lüge stellen, dünken sich ungemein klug und freuen sich ihrer Schlauheit, wenn sie gewahren, daß cs ihnen in der That gelungen ist, für ihren Trug Glauben zu finden. Sie vergessen aber, daß die Wirklichkeit nicht durch die Lüge aufgehoben werden kann, und die unerbittliche Logik der Thatsachen auch den blödesten Augen früher oder später den Trug enthüllen wird. Die Leugnung einer historischen, die Nichtanerkennung einer logischen Wahrheit ändert an dem Bestand derselben nicht das Mindeste, wohl aber rächt sich die Lüge immer an ihrem Urheber und Gläubigen, weil nur aus der Erkenntniß der Wahrheit ein vernünftiges und sittliches Handeln entspringen kann. Eine hundert Mal wiederholte Lüge wird immer Lüge sein, selbst wenn tausend Gimpel sie für Wahrheit halten. Pfefferkorn, Eisenmenger, Schudt, Marr, Rohling, Brinrann und Tausende ihrer Genossen mögen noch so viele Unwahrheiten über die Juden verbreiten, den von ihnen verleumdeten Juden haften dennoch nicht die Nichtswürdigkeiten an, welche sie ihnelt andichten. Freilich schaden den Verleumdeten diese Büdereien zeitweilig: Man hat sie um dieser Anschwärzungen willen in vergangenen Tagen verachtet, gedrückt, gequält, vertrieben, gemordet. Und Manche möchten in der Gegenwart ebenso mit ihnen verfahren; aber der Endzweck jener Lügen — die gänzliche Vernichtung der Juden — ist doch nicht erreicht worden und wird niemals erreicht werden. Für den durch Lügen in seiner Ehre, seinem Rechte, seinem Vermögen, seiner Freiheit, seinem Leben Angegriffenen und Verletzten kann es vielleicht gleich sein, ob die über ihn ausgestreuten Unwahrheiten auf bewußter Täuschung, oder auf Jrrthum, Kurzsichtigkeit und Dummheit beruhen. Der Schaden, den er erleidet, wird von ihm schmerzlich empfunden. Die ans Fahrlässigkeit mich treffende Kugel verwundet und tödtet mich ebenso, wie das mich zur Zielscheibe nehmende Todesgeschoß. Der Verleumder, d. h. Derjenige, welcher im vollen Bewußtsein der Unwahrheit seiner Behauptung die rechtswidrige Handlung verübt, ist aber weit verächtlicher und straffälliger, als der im guten Glauben an die Lüge Handelnde. Der fanatisirte Pöbel, welcher sengend und mordend in die Judengasse einbrach und ein Gott wohlgefälliges Werk zu üben vermeinte, wenn er seine Wuth an den Juden ausließ, verdient nicht im Entferntesten den Abscheu, wie der Wohlgelahrte und Hochmögende, der wider besseres Wissen den Juden verleumdete. Aber nicht nur in den Beziehungen der Juden zu ihren Mitmenschen drängt sich diese Wahrnehmung auf, sondern — und das ist um so schmerzlicher — auch in den Gegensätzen innerhalb des eigenen Kreises treten in den aus diesen entspringenden Kämpfen Erscheinungen zu Tage, welche der gleichen, Eingangs erwähnten Beharrlichkeit und Unerschrockenheit entstammen. Wer in die Geschichte der „religiösen Wirren" innerhalb der deutschen Gemeinde während dieses Jahrhunderts nur einigermaßen hinetngeblickt hat, wird in Abrede nehmen können, daß ein tief einschneidender Gegensatz vorhanden ist, welcher als „Reform" und „Orthodoxie" sich geltend macht? Wer nur einigermaßen mit dem Inhalt des jüdischen Religionsgesetzes bekannt ist, wird in Abrede nehmen mögen, daß dieser Gegensatz, weit entfernt, sich etwa auf unwesentlichere Punkte zu beschränken, die grundlegenden Prinzipien des Judenthums berührt? Wer nicht geradezu offenkundige Thatsachen abzuleugnen die Stirn hat, vermag in Abrede zu nehmen, daß die Orhodoxie das alte, überlieferte Judenthum ist, zu welchem sich die Vorfahren be-

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