Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1890)
- Date
- 1890-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1118 Außer den Schulen, welche unter der Leitung des Central-Comltös stehen, subventionirt die Alliance noch verschiedene Schulanstalten, die nicht unter ihrer Leitung stehen, die jedoch für würdig erachtet wurden, gestützt und gefördert zu werden, vornehmlich die jüdische Waisenanstalt zu Jerusalem, die türkische Schule zu Constantinopel unter der Leitung des Herrn Conorte. Andere haben, ohne eine regelmäßige Subvention zu erhalten, dieses Jahr ausnahmsweise Unterstützungen oder Subventionen in Schulmaterial oder Büchern erhalten. Bewegt durch das große Elend, welches in zahlreichen Gemeinden des Orients herrscht, und welches oft die ärmeren Kinder nöthigt, trotz Regen und Kälte in Lumpen und barfuß die Schule zu besuchen, hat das Central-Comitö in diesem Jahre 10,000 Frcs. ungefähr daran gewendet, die bedürftigsten Schüler in den verschiedenen Ortschaften der Türkei und Marokkos mit Kleidern und Schuhwerk zu versorgen. Es mußten große Summen zur Reparatur der der Alliance gehörigen Schulgebäude verwendet werden, besonders in Constantinopel, Philipoppolis, «alonicht und Tunis. Es wären noch große Verbesserungen und folglich große Ausgaben nöthig, um in den Elementarschulen eine wünschenswerte Organisation und Einrichtung einzuführen. Bei vielen Schulen sind die Gebäude Miethslokale, ungenügend, unbequem, schlecht eingerichtet; fast überall müßte die Zahl der Lehrer vermehrt werden; das Eentral-Eomite muß zu sparsam verfahren in der Anschaffung von Schulmaterial und Büchern; trotz dieser Lücken und Unvollkommenheiten sind die Fortschritte, welche die Schulen in der jüdischen Bevölkerung gemacht haben, ganz bedeutend; in einzelnen Gegenden haben sie die Sitten und Gewohnheiten der Israeliten umgewandelt, in Städten, wo die Alliance seit lange Schulen besitzt, findet man jetzt eine wohlerzogene Jugend, die in der Lage ist, die Wohlthaten der Civilisation zu schätzen. Es ist ein Gegenstand des Staunens, man kann sagen der Bewunderung, für Leute, welche die Gemeinden des Orients und Afrika's vor zwanzig Jahren gesehen, und sie heute besuchen, so große Veränderungen in den Sitten der Israeliten anzutreffen. Zum größten Theil haben die Mädchenschulen zu dieser moralischen Umwälzung der israelitischen Gemeinde beigetragen. Die Alliance hat, indem sie der Erziehung und Bildung der jungen Mädchen Vorschub leistete und sie auf gleiche Stufe mit ihren Brüdern und künftigen Gatten stellte, das Niveau der jüdischen Familie im Orient gehoben und an der zukünftigen Frau eine vorzügliche Mitarbeiterin gewonnen. Durch ihre Intelligenz und Thätigkeit, welche die Schule befestigt und entwickelt hat, ist die Frau die geachtete Gefährtin ihres Mannes geworden, die aufmerksame Hüterin ihrer Wirthschaft, die Erzieherin der eigenen Kinder und folglich, das beste, zuversichtlichste Mittel des Fortschritts unter den Israeliten. Zu Ende des Jahres 1888 und im Jahre 1889 sind die Schulen der europäischen Türkei, Bulgariens, Smyrna's, Brussa's und Tunis von einem Mitglied und den Secretären des Eentral- Comita's besucht worden. Ihre Berichte bestätigen die Vorzüglichkeit des Werkes der Schulen; sie bilden auch ein glänzendes Zeugniß für das Lehrerpersonal, dessen Fleiß, Eifer und Hingabe über jedes Lob erhaben sind und denen das Central- Comit« hiermit seinen Dank uud seine Anerkennung abstattet. (Fortsetzung folgt). Rußland. Aus Bialystock wird uns folgender fast unglaubliche Vorfall gemeldet: Ein kleiner Knabe hatte sich in den Garten des Bahnarztes Dr. Agronowskr eingeschlichen und dort Stachelbeeren gepflückt. Von dem betreffenden Herrn dabei betroffen, wurde er zuerst 6 Stunden eingesperrt gehalten. Sodann tätowirte der Arzt ihm auf der Nase ein Kreuz und auf der Stirn, dem Kinn und den beiden Backen das Wort „Dieb" in deutscher, russischer, polnischer und jüdischer Schrift ein, so daß das Gesicht des unglücklichen Knaben gänzlich verunstaltet ist. Obgleich der Knabe jüdischen Glaubens ist, hat sich dennoch die Staatsanwaltschaft seiner angenommen und gegen'den Arzt den Prozeß eingeleitet. Der Arzt hatte schon den Eltern des Jungen 5000 Rubel Entschädigung geboten, wenn sie von dem Prozesse abließen, was jedoch nicht angenommen wurde. Dieser Vorfall hält ganz Bialystock in Ausregung. Einige Tage hierauf starb dem Doktor ein seit längerer Zeit kränkelndes Kind und streute er jetzt das Gerücht aus, die Juden hätten es aus Rache vergiftet. (!) Die Polizei hat nun geeignete Maßregeln ergriffen, einem Krawalle vorzubeugen. England. London, 31. Juli. Im Unterhaus erklärte Fergusson, daß der englische Geschäftsträger in Petersburg im vorigen Monat berichtet habe, daß die russische Regierung gegenwärtig keine Maßregeln erwäge, welche den Juden die Rechte entzögen, welche sie jetzt im russischen Reiche besäßen.