Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1890)
- Date
- 1890-08-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448083--30484-2478264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1117 und es unnöthig erscheint, die übrigen im Auflösungs- Erlasse enthaltenen Gründe auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Das „Vaterland" wurde aber nicht umsonst in einer berüchtigten Sophistenschule herangezogen, und um dieser Schule Ehre zu machen, gibt es der Einschiebnug: „abgesehen von den übrigen ihm Auflösungs-Erlasse angegebenen Gründen" eine ganz eigenartige Deutung. Nach dem feudalen Antisemitenblatt soll das Reichsgericht mit seinem Erkenntniß gesagt haben: Nicht wegen Antisemitismus, sondern wegen unpatriotischen Verhaltens werdet ihr aufgelöst! Mit anderen Worten, das Reichsgericht soll nach der Behauptung des „Vaterland" zwischen Antisemitismus und Staatsfcindlichkeit unterschieden, die Staatsfeindlichkeit verpönt, den Antisenlitismus, und zwar — wie das Junkerblatt betont — den aggressiven Antisemitismus für erlaubt erklärt haben. Verdrehungen und Fälschungen ist man bei dieser Couleur gewohnt; wollte das „Vaterland" ans diese Methode des Kampfes verzichten, dann müßte es einfach zu erscheinen aufhören. Allein das Stück, welches da geleistet wird, gehört doch schon zu den kecksten, die selbst das „Vaterland" zuwege gebracht hat. Dem Reichsgerichte, welches zur Wahrung der staatsgrnndgesetzlich gewährleisteten Rechte der Staatsbürger eingesetzt wurde, wird hier zugemuthet, daß es den Antisemitismus unter seine Fittige genommen habe, welcher die Negation der Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze, der allen Staatsbürgern gewährleisteten Glaubens- und Gewissensfreiheit ist und die Unabhängigkeit der bürgerlichen und politischen Rechte von bem Religions - Bekenntnisse leugnet. Wir begreifen die Sehnsucht nach einer solchen autoritativen Erklärung seitens eines Organes, welches den aggressiven Antisemitismus in seiner rohesten Form Pflegt und alljährlich in der Osterwoche mit bewußtem Zwecke das Märchen vom Blutritnale erzählt. Es käme indessen auf die Probe an. Wenn die Regierung sich einmal entschließen sollte, den Vereinen und Versammlungen, in welchen der „christliche" Antisemitismus nach dem Recepte des „Vaterland" cultivirt wird, einige Beachtung zu schenken, dann könnte das feudale Organ in drastischer Weise der plumpen Fälschung überführt werden, die es heute begangen hat. Frankreich. Paris. Bericht der „Alliance Jsraelite Universelle" vom 1. und 2. Semester 1889. (Fortsetzung.) (Israeliten Bulgariens.) Eine große Veränderung hat sich seit einigen Jahren in der Lage der bulgarischen Israeliten vollzogen. Durch den Berliner Vertrag dazu berechtigt, an den Privilegien und Lasten aller Bürger theilzunehmen, von der Regierung und den städtischen Behörden mit großer Gerechtigkeit behandelt, haben die Israeliten alsbald begriffen, daß ihrem Patriotismus neue Pflichten obliegen, und sie haben sich mit großem Eifer an den Maßregeln der Behörden zur moralischen und geistigen Hebung des Landes betheiligt. In allen bedeutenden Städten sieht man Hochschulen und Gymnasien errichten; die Elementarschulen verdoppeln sich. Die israelitischen Gemeinden sind der Bewegung gefolgt und wetteifern mit den Behörden, um der israel. Jugend eine gute Elementarerziehung zu geben. Besonders in Sofia hat sich die Gemeinde große Opfer auferlegt, um ihre Schulen in bulgarische Schulen umzuwandeln und den Unterricht der nationalen Sprache daselbst zu fördern. Das Central-Comit« freute sich, diese Initiative dadurch zu unterstützen, daß es der Gemeinde zwei seiner besten Professoren zur Leitung dieser Schulen zur Verfügung stellte. Diesem Beispiel folgte die Gemeinde von Rnstchuk, die das Central - Comite darum ersuchte, die Schulen wieder zu öffnen, welche vor einigen Jahren geschlossen werden mußten. In den anderen Schulen, die die Alliance in dem Fürstenthum gründete, ist das Lehrprogramm demjenigen der bulgarischen Schulen angepaßt, j Die Zahl der Elementarschulen der Alliance j beträgt augenblicklich 55, wovon'33 Knaben- und 22 Mädchenschulen. Das Personal besteht aus 294! Lehrer und Lehrerinnen, worunter 116 in den Norj malschulen für die Lehrer der Alliance gebildet wurden. Die Schnlbevölkerung betrug im Jahre 1889 7,106 Knaben und 4,322 Mädchen, also im ganzen 11,428 Zöglinge, gegen 10,331 Schüler im Jahre 1888. Diese Zunahme von mehr denn 1,000 Zöglingen ist zuvörderst aus der Gründung der Mädchenschule in Sofia und Aleppo entstanden, von der Wiedereröffnung der Schulen zu Rustschuk (geschlossen 1885) und der Knabenschule in Tanger, schließlich durch die Zunahme der Schüler in mehreren Anstalten. Um diesen neuen Bedürfnissen zu genügen, mußte die Zahl der Lehrer, der Schulzimmer, das Mobiliar und Schulmaterial erhöht werden. Diese Schöpfungen erklären die großen Ausgaben, welche 1889 für die Schulen geleistet wurden und die die Summe von 376,779 Frcs. erreichten. Es muß hinzugefügt werden, daß die zunehmende Verarmung der israel. Gemeinden des Orients die Alliance veranlaßt hat, gewisse Ausgaben zu bestreiten, die ehemals aus lokalen Mitteln gedeckt wurden.