Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1890)
- Date
- 1890-08-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1119 Feuilleton. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Es war ein bleiches, bohlaugiges Antlitz, das dort zuckend auf dem Kissen ruhte, während die fiberglühenden Augen ängstlich fragend den ihr gegenüber Sitzenden betrachtete. „Sind Sie Herr Bärwald?" fragte sie ächzend, „M. L. Bärwald, der früher in P. gewohnt hat?" „Der bin ich," entgegnete dieser, „Sie haben nach mir gefragt." „Ja, ja," flüsterte die Kranke mit sichtlicher Anstrengung, „ich mußte Sie sprechen, sonst kann ich nicht sterben. — Schon bevor ich in's Hospital gekommen bin — wollte ich zu Ihnen — dreimal bin ich vor Ihrer Thür gewesen — aber ich habe mich nicht hinein getraut — ich habe mich immer gefürchtet, Sie werden mich einsperren lassen —". „Seien Sie unbesorgt," erwiederte Bärwald sanft, „was Sie mir auch gethan haben, ich trage es Ihnen nicht nach — ich verzeihe Ihnen alles." „Dank Ihnen, dank Ihnen, lieber Herr. — Ach, ich hätte Ihnen gleich alles sagen sollen — das wäre besser gewesen — während denn jetzt — jetzt — ach — Sie wissen ja gar nicht —" „Mit Bestimmtheit weiß ich es freilich nicht — aber vermuthet haben wir cs immer, daß Sic Schuld haben an dem Tode unseres Kindes." „Nein," stammelte die Kranke, „nein, das ist cs nicht." „Dann weiß ich in der That nicht, was Sie meinen." „Das — können Sie auch nicht wissen," stieß sie hervor in unheimlich steigender Erregung, während die Hände auf dem Deckbett zuckend umherfuhren, als wollten sie nach unsichtbaren Gegenständen greifen, „darum — darum —" „Beruhigen Sie sich," sagte Bärwald, „ich wiederhole Ihnen nochmals, was Sie uns auch gethan haben mögen, wir verzeihen Ihnen alles." „Dank! — Dank! — Aber — Sie müssen's wissen —". „Wenn es Ihnen eine Beruhigung gewährt, cs mir mitzutheilen, will ich Sie gern anhören — nur strengen Sie sich nicht an und regen Sie sich nicht noch mehr auf. Was geschehen ist, ist geschehen." „Sie müssen's wissen," fuhr sie stammelnd fort, „ich — ich — Hab' Sie bestohlen — Wäsche vom Kind — und von Ihrer Frau — und viel Geld — viel Geld." „Ich verzeihe Ihnen alles", wiederholte Bärwald. „Wenn ich das — früher gewußt hätte — aber — aber — mein Geliebter hat gesagt — Sie lassen mich einsperren — und — darum — darum — habe ich's nicht gesagt — aber jetzt — jetzt — Sie müssen's wissen." Einen Augenblick hielt sie inne, fuhr sich mit den zuckenden Händen über die Stirn und sprach dann etwas zusammenhängender weiter. „Ich bin mit Ihrer Frau und Ihrem Kind in A. gewesen — und da ist auch mein Kind gewesen — bei der Mutter von meinem Geliebten — und alles, was ich gestohlen habe, habe ich zu der gebracht - und — und — da ist das Hochwasser gekommen — in das Haus, worin Ihre Frau gewohnt hat — und — und — mit einemmal ist Ihr Kind weggewesen — mit sammt der Wiege — wo's hingekommen ist, weiß ich nicht — ich bin zu meinen! Kind gelaufen — das hat im Bett gelegen — und das Bett ist voll Wasser gewesen — und das Kind war todt — ich hab's herausgerissen — und bin wie verrückt mit dem todten Kind herumgelanfen — und die Leute, bei denen Ihre Frau gewohnt hat — haben mich gesehen mit dem todten Kind — und haben gemeint, es wäre Ihr Kind — und weil ich mich gefürchtet habe, weil es Ihre Wäsche angehabt hat — und weil ich mir auch gedacht habe — Sie können's leichter begraben lassen — darum habe ich auch gesagt, daß es Ihr Kind ist — aber das ist nicht wahr gewesen — Sie haben mein Kind begraben — „Und mein Kind," stammelte Bärwald, „wohin ist mein Kind gekommen?" Die Kranke zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht — es wird wohl auch ertrunken sein — ich habe Ihnen doch gesagt — es ist weggewesen mit sammt der Wiege." Bärwald hatte die Hände vor das Gefickt geschlagen, ein Aechzen entrang sich seiner Brust. „Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?" „Weil ich Ihnen so viel gestohlen habe — weil ich mich gefürchtet habe — aber — jetzt — jetzt — wissen Sie alles — und — und — ©ie haben doch gesagt — daß Sie mir alles verzeihen", fügte sie flehend hinzu. „Ich verzeihe Ihnen alles", wiederholte Bärwald, indem er nicht ohne Anstrengung aufstand.