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Der Israelit · 1890-07-31 · Heft 60 (31.7.1890) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 60 (31.7.1890)
Date
1890-07-31
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1111 gegen seine Erklärung gewagt hatte, und im Nachsinnen vertieft dasaß, schlich ich mich hinaus, um Auftrag zu geben, daß mein Schlafzimmer hergerichtet werde. „Bist Du müde, mein Sohn, weil Du schlafen willst?" fragte er mich bei meinem Wiedereintritt. „Durchaus nicht," erwiderte ich aus Scham vor dem jugendlichen Greis, der wer weiß wie viele durchfastete Tage und durchwachte Nächte hinter sich hatte, ohne die geringste Abspannung zu zeigen. „Hast Du Dir nicht eben Dein Schlafzimmer bestellt?" „Allerdings," erwiderte ich, „denn ich meine, es wäre Zeit, zur Ruhe zu gehen, wenn ich auch nicht gerade müde und schläfrig bin." Da erhob sich mein Vater, schlug erregt die Folianten zu und sprach mit vorwurfsvollem Tone und mit von Thränen erstickter Stimme: „Wie bist Du zurückgegangen in den wenigen Jahren, seitdem Dü Dein Vaterhaus verlassen hast. Du willst Dich zum Schlafen niederlegen, ohne das Bedürfnis; nach Ruhe zu haben, Du willst feiern, wo Du die Kraft hast, zu wachen und zu arbeiten?" „Wenn Du das thun kannst hier, bei mir, wo Deine Mutter hier neben an mit dem Tode ringt, wie mußt Du erst Dein Leben verschlafen, wenn Du fern von mir bist. Können wir über hundert Jahre nicht noch genug schlafen, und die siebenzig Jährchen, die uns Gottes Gnade hier karg zugemessen hat, die sollten wir so verträumen?" »Ich erzähle Euch dieses Beispiel von der Art und Weise wie mein Vater über jeden Augenblick seines Lebens wacht, damit es Euch nicht unglaublich klingt, wenn ich Euch sage, von wem mein Vater das Geheimniß mitgetheilt erhielt, welches uns alle beschäftigt. Ich habe ihn zwar nicht darüber befragt, aber ich weiß es aus seinem eigenen Munde, daß ihm Elijohu Hanowi schon oft selber erschienen ist und ihm noch viel dunklere Geheimnisse anvertraut hat." Es ist unmöglich die Wirkung zu beschreiben, welche diese Mittheilung bei allen Anwesenden zur Folge hatte. „Habt Ihr vielleicht selber gar schon einmal Elijohu Hanowi gesehen?" fragte einer der Kühnsten aus der Versammlung, als sich die erste Aufregung gelegt hatte? „Ja und Nein", antwortete Rabbi Simcho. „Das ist eine wunderbare Geschichte, die ich Euch aber auch erzählen will, damit nicht etwa einer an der Wahrheit meiner Worte zweifelt. „Es kam 'oft vor, daß meinen Vater eine schwierige Frage beschäftigte, für die es durchaus keine befriedigende Lösung zu geben schien. Aber wenige Tage, ja manchmal sogar wenige Stunden später, kam er Freude strahlenden Antlitzes zu mir und erklärte das scheinbar Unmögliche in so ansprechender ungezwungener Weise, daß ich meine lieberraschung nicht unterdrücken konnte. Wenn ich ihm dann meine Verwunderung über das Gehörte aussprach, wies er jede Anerkennung mit der Bemerkung zurück: Die Erklärung ist nicht von mir, Elijohu Hanowi hat sie mir mitgetheilt. „Das mag wohl fünf- oder sechsmal während einiger Jahre vorgekommen sein, da faßte ich mir einmal ein Herz und bat meinen Vater, ob ich nicht auch einmal Elijohu Hanowi sehen könne. Er wollte aber offenbar nichts davon wissen, bis ich wiederholt heftig in ihn drang und fest entschloffen war, mich nicht mehr so leicht abweisen zu lassen. „Kannst Du vierzig Tage hintereinander fasten und dabei wie sonst Thora lernen?" fragte mein Vater. „Ich glaube wohl, daß ich es für einen solchen Preis kann", erwiederte ich. „Nun dann thue es; und am Abend des vierzigsten Tages sollst Du Elijohu Hanowi sehen. „Aber es vergingen viele Jahre bis ich die Aufgabe erfüllen konnte. Endlich jedoch war mir das scheinbar Unmögliche durch langjährige, unsägliche Entsagung und Abhärtung gelungen. Am Abend des vierzigsten Tages trat ich vor meinen Vater hin mit der Bitte, mich nun Elijohu Hanowi. schauen zu lassen. „Gehe ins Beth-Hamidrasch", lautete die väterliche Weisung, „lasse es hell erleuchten, lerne dort die Nacht hindurch, sorge aber dafür, daß Du ganz allein bleibst, dann wird Dir der Prophet Elijohu, er werde zum Guten gedacht, erscheinen." „Ganz allein im Beth-Hamidrasch zu sein, Rabbaußai, das ist in unserer thorabeflissenen, gottesfürchtigen Gemeinde nicht leicht, wie Ihr wißt. — Als ich in das Beth-Hamidrasch eintrat, es war mitten im strengsten Winter, war Dasselbe wie gewöhnlich überfüllt, bis sich nach und nach etwa gegen zehn Uhr der größte Theil entfernt hatte und nur noch wenige zurückbliebcn. Diese wenigen veranlaßte ich durch Bitten und Vorstellungen aller Art nrich heute Nacht allein zu lassen. Es hielt schwer, bis ich sie endlich bewegen konnte, sich meinem ungewöhnlichen Verlangen zu fügen. Endlich war ich allein. Zur Vorsicht wollte ich die Thüre schließen, aber kaum hatte ich sie geschlossen, wird an dieselbe gepocht. Ich öffne und Israel Glaser, der halb erfroren von seiner Arbeit aus F. zurückkam, bat mich um Einlaß. Er sei so durchgefroren, daß er nicht weiter könne, wenn er sich nicht ein Stündchen in dem gut geheizten Beth-Hamidrasch erholen dürfe. Da immer noch nicht Mitternacht war, um welche Zeit ich die Erscheinung erst erwartete, hegte ich Mitleid mit dem armen Manne und ich ließ ihn eintreten. Kaum saß er an dem warmen Ofen, so schlief er fest ein und ich hatte nach einer Stunde alle Mühe ihn wach zu bekommen. Er wollte durchaus die Nacht im Bet-Hamidrasch zubringen, wie er es schon oft gethan hatte. Ich bemerkte ihm, dies sei heute unmöglich, das Beth-Hamidrasch werde geschloffen und sei heute Nacht für Niemanden zugänglich. „Israel Glaser wurde bei dieser Mittheilung ganz ungeberdig. Das sei eine schöne Ordnung, ein Beth-Hamidrasch, das Tag und Nacht für jeden offen stünde, zu schließen. Morgen wolle er es in der ganzen Khille bekannt machen und es vor allen Dingen dem Rabbiner klagen, daß man nicht mehr zu jeder Zeit ins Beshamidrasch dürfe. Es war schon fast Mitternacht und nur mit vielen Drohungen und guten Worten brachte ich's zu Wege, daß er das Beth-Hamidrasch verließ. Rasch wollte ich die Thüre verriegeln, in der festen Ueberzeugung, der erwartete hohe Gast werde sich auch durch verschlossene Thüren Eingang zu verschaffen wissen. „Aber ich war noch nicht die Treppe oben, als wieder an die Thüre gepocht wurde. Ich vermuthete, Israel Glaser müsse noch einmal zurückgekommen sein, und da ich fürchtete, er könne vor dem Hause Tumult anfangen, so eilte ich rasch zurück, um ihn zu beruhigen. Diesmal war es ein Hausirer mit schwerem Packen, der durchfroren und durchnäßt von dem ungewöhnlischen Schneesturm, der draußen tobte, um Einlaß in das Bethamidrasch flehte. „Jetzt war meine Geduld zu Ende. Denkt Euch, nach vierzigtägigem Fasten und in der fieberhaften Erwartung des mir Bevorstehenden, wäre auch vielleicht ein anderer in mehr als gewöhnliche Aufregung gerathen, wenn ihm nun alles durch diese Zudringlichkeiten in Frage sollte gestellt werden. Ich wies den Eindringling kurz und barsch ab, das Beth-Hamidrasch sei keine Wärmeanstalt für umherziehendes Volk, das man nicht kenne, er möge seines Weges gehen. — Der Hausirer, der schwer unter seiner Last keuchte, bctheuerte, er sei verloren, wenn er diesem Sturm weiter ausgesetzt bleibe, aber ich blieb diesmal hart, schloß die Thüre heftig zu und ging zu meiner Gemoro zurück. „Der Sturm raste, daß die Fenster klirrten, ich blickte zu ihnen empor, als sollte der ersehnte Geist durch sie kommen; denn jetzt schlug es gerade zwölf, aber der Sturm legte sich bald wieder. Ich dachte unwillkürlich an das Wort Elijahus: „Nicht im Sturme ist Gott." Dann folgte kurz nach Mitternacht eine lautlose Stille, die ich als die

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