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Der Israelit · 1890-07-31 · Heft 60 (31.7.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 60 (31.7.1890)
Date
1890-07-31
Page
– (sequence 18)
Language
German
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zwischen Feuer und Wasser. Wie haben wir's doch voriges Jahr gemacht, als unsere Pfingsten und Euer Schewuos zusammenfielen? Wasser kann man zur Noth schon den Tag zuvor tragen, aber die Zimmer Heizen, das kann man nicht vorher, wenn man den anderen Tag nicht frieren will." Sundel mußte das zugestehen und versprach, die Frage heute Abend im Bes-Hamidrasch zur Discussion zu stellen. In Trosk gibt es, wie in allen russischen Gemeinden, verschiedene Bothe Midrasch. Die Schneider, die Kutscher, die Wasserträger und fast alle sonstigen Professionisten haben ihr besonderes Lehrhaus, in welchem sie täglich ihr Gebet verrichten und Abends, nach der harten Arbeit des Tages, sich zusammenfinden, um dem Studium der Thora einige Stunden zu widmen. Diese Professionisten bilden besondere Chebroth, von welchen jede ihren Vortragenden Lehrer (Rebbe) hat. Diesem wollte Sundel die Frage heute Abend vorlegeu. Aber Sundel hattx es heute Abend schlecht getroffen. Als er in das Beth Hamidrasch eintrat, traf er schon einen großen Theil der Genossen versammelt, aber gelernt wurde noch nicht, obwohl die Bücher offen da lagen. Eine ungewöhnliche Erregung sprach aus allen Mienen. In wenigen Minuten hatte Sundel erfahren, was vorlag. Für die Leser, welche mit den Personalien der Gemeinde Trosk weniger bekannt find, möge hier Folgendes bemerkt werden: Die Seele der ganzen Gemeinde war der greise, tiefgelchrtc, gottcsfnrchtige Rabbiner Rabbi Joel. Seit einigen Tagen war die Rabbinerin schwer erkrankt und in allen Bethäusern wurden unablässig heiße Gebete für deren Genesung zum Himmel gesandt. Vor wenigen Stunden nun hatte der Rabbiner durch den Gemeindediener mittheilen lassen, man möge die Gebete für die Kranke einstellen, dieselbe sei gerettet. Und doch hatten weder die Aerzte, noch die zahlreichen Besucher und Besucherinnen irgend welche Veränderung in dem Zustande der Kranken constatiren können. Aber während Alle rathlos das Krankenbett umstanden, war der Gatte aus seinem Lernzimmer in die Krankenstube getreten und hatte mit verklärtem Blick den Anwesenden mitgetheilt, sie mögen unbesorgt sich zurückziehen, Gott habe das Gebet der Gemeinde erhört, die Kranke sei gerettet. Niemand hätte gewagt, den Rabbiner zu fragen, woher ihm diese Gewißheit geworden sei, auch wenn er sich nicht sofort wieder zurückgezogen hätte. Um so reichlicher ergingen sich Alle in Vermuthungen über diesen wunderbaren Zwischenfall. Die einen vermutheten, Rabbi Joel habe durch ein Traumgesicht die gute Nachricht erhalten, andere glaubten, als berühmter Kabbalist habe der Rabbiner das Geheimniß mit Zuhilfenahme der Kabbala ergründet und eben waltete im Beth Hamidrasch die Discussion über den geheimnißvollen Vorgang, als gerade Sundel eintrat. Rabbi Schmelke, der Vortragende Lehrer der Chewro, hatte eben eine Prise genommen und trommelte mit einem überlegenen Lächeln auf dem Deckel feiner Tabaksdose. Er ließ ruhig die Discussion wogen, wußte er ja, daß cr zuletzt doch interpellirt werde, um endgiltig seine Meinung über den mysteriösen Vorgang zu sagen. — Rabbi Schmelke's triumphirende Ruhe mitten in der hochgradigen Erregung verfehlte ihre Wirkung nicht. Es dauerte nicht lange und einer der Kühnsten wagte an den Rebbe die Frage, was er denn eigentlich von der Sache halte. Dieser nahm wiederum eine Prise und hob mit gedämpfter Stimme an: „Es weiß keiner von Euch, was hier eigentlich vorgeht, und ich weiß nicht, ob man den Emmes so laut Jedem sagen darf. Das aber kann ich Euch sagen, alles, was ich heute Abend über die Sache hier gehört habe, ist hewel hawolim." Die apodiktische Gewißheit, mit welcher dieses Urtheil abgegeben wurde, ließ keinen Zweifel mehr darüber, daß Reb Schmelke mehr wußte, als sich die Schulweisheit seiner Zuhörer träumen ließ. Man drang nun erst recht in ihn, das Geheimniß zu enthüllen; aber Reb Schmelke blieb fest. Einen Einzigen gebe es außer dem Rabbiner, der in der Gemeinde um den wahren Sachverhalt wisse, den wolle er befragen, ob man öffentlich darüber sprechen dürfe. Er wolle sich rasch zu dem Betreffenden begeben, in einer Viertelstunde sei er zurück. Tie Pause benützte Sundel, seine Frage zur Sprache zu bringen, aber er fand nicht die nöthige Aufmerksamkeit. Sic war auch kaum recht zur Diskussion gestellt, als Reb Schmelke wieder zurück kam und mit ihm ein Fremder, in Pelz gehüllt, den Alle sofort als den Sohn des Rabbiners erkannten, der eine Rabbinerstelle in M. bekleidete und der auf die Nachricht von der Krankheit seiner Mutter vor einigen Tagen nach Trosk geeilt war. Er war der würdige Sohn seines Vaters, im besten Mannesalter stehend. Die Weisheit der Thora, der er seine Tage und Nächte gewidmet hatte, leuchtete aus seinen Zügen, ebenso sprach sich in jeder Geste und Miene die Redlichkeit und Wahrhaftigkeit seines ganzen Wesens aus, dem Niemand einen unwahren Gedanken, noch weniger ein unwahres Wort zugetraut hätte. Der Sohn des Rabbiners — er hieß Rabbi Simcho — begab sich sofort auf den Platz Reb Schmelke's und sprach unter lautloser Stille zu feiner zahlreichen Zuhörerschaft: „Rabbaußai! Ich muß Euch zunächst meinen Dank sagen für die ungewöhnlichen Beweise der Anhänglichkeit und Verehrung, die Ihr in den jüngsten, schweren Tagen durch die heißen Gebete bekundet habt, die Ihr Tag und Nacht für das Leben meiner theuren Mutter zum himmlischen Vater gebetet. Sie ist gerettet, und gewiß hat sie Euer Gebet gerettet. Sagen doch unsere Weisen, gesegnet sei ihr Andenken: Größer ist Derjenige, welcher sich von der Arbeit seiner Hände nährt, als der Gottesfürchtige. Ihr aber, die Ihr mit dem Adel der Arbeit auch die innige Gottesfurcht verbindet, Euer Gebet ist gewiß nicht unerhört verhallt und hat die Genesung meiner theuren Mutier herbeigeführt. Sie schläft in diesem Augenblicke einen ruhigen, erquickenden Schlaf. Wenn sie aus demselben in einigen Stunden erwacht fein wird, werden auch wir ihre Genrsung constatiren können, die mein Vater jetzt schon verkündet hat. Woher dies mein Vater weiß? O, meine Freunde, er lebt und wirkt schon länger als ein halbes Jahrhundert als Euer Aller Vater in unserer Mitte, aber Niemand kennt seine Größe, seine Enthaltsamkeit und seine Heiligkeit in ihrer ganzen Tiefe. Auch ich, sein ältester Sohn und Schüler, maße mir dies nicht an, aber ich darf wohl sagen, daß der langjährige Verkehr mit ihm mir manches enthüllt hat, was anderen ein ewiges Geheimniß bleibt. Seine Middoth freilich , seine Liebe zur Thora, seine Ausdauer für ihre Erforschung steht so einzig da, daß ich täglich neue, ungeahnte Seiten dieser eigentlichen Größe entdecke. „Als ich z. B. diesen Dienstag Abend ankam, hatte ich kaum einen Blick auf meine kranke Mutter geworfen, als er mich durch einen Wink aufforderte, ihm in sein Zimmer zu folgen. „Wir wollen lernen," sagte er, und in wenigen Minuten waren wir in den Gegenstand vertieft, der ihn jetzt gerade beschäftigt hatte. Ich konnte nur schwer den äußerst verwickelten, schwierigen Gedanken folgen, die mein Vater mit rascher Leichtigkeit entwickelte. Mein Sinnen und Denken weilten im Krankenzimmer, aber er schien die ganze Welt um sich vergessen zu haben, für ihn existirte jetzt nur das schwere Stück Gcmoro und der harbe Rambam, der es noch schwieriger machte, sowie die Nothwendigkeit, hier eine befriedigende Lösung zu finden. Und er hatte sie gefunden. Wie strahlte sein Gesicht und wie glänzte die Freude aus seinen Hellen Augen, die noch kur^ vorher mit Thränen des Gebets um die theure Mutter gefüllt waren! Wir mochten so gewiß fünf Stunden in gemeinsamem Studium vertieft dagcscsscn sein, als die Natur anfing, ihr Recht geltend zu machen. Ich hatte noch nichts gegessen oder getrunken und war zudem müde von der Reise. Als mein Vater eben über die Widerlegung eines Eiuwandes uachdachte, den ich

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