Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1112 sichere Vorbotin des Propheten hielt. Es wurde ein Uhr, zwei Uhr, gespannt horchte ich auf jede Bewegung, sah in die Höhe, sah seitwärts, rückwärts, aber den Propheten sah ich nicht, dann sing eine plötzliche Müdigkeit an sich geltend zu machen, nur mit Mühe widerstand ich dem Schlaf, ging auf und ab, legte die glühende Stirn an die Eisblumen auf den Fensterscheiben, setzte mich nieder, stand wieder auf, bis eine Stunde nach der anderen und endlich die ganze Nacht vergangen war; aber Elijohu Hanowi war nicht erschienen. „Ta mit dem ersten Morgengrauen klopfte es an die noch immer verschlossene Thür. Ich stürze die Treppe hinunter und öffne: es waren die regelmäßigen Besucher des Beth-Hamidrasch, die sich zum Morgengebet eingefunden hatten, und die ich nun enttäuscht passiren ließ. „Nach dem Morgengebet suchte ich meinen Vater in seinem Lernzimmer auf. „Hast Du Elijohu Hanowi gesehen und ihm Scholaum (den Friedensgruß) geboten und hat er ihn Dir erwidert?" fragte mein Vater gespannt, als ich eintrat. „Elijohu," erwiderte ich, „war nicht da, ich habe ihm also nicht Scholaum entbieten können." „Unmöglich," erwiederte mein Vater, „Du mußt ihn gesehen und gesprochen haben." „Ich erzählte nun meinem Vater alles, wie es sich zugetragen hatte, welche Mühe ich hatte, um nur das Beth- Hamidrasch von Besuchern frei zu halten, wie ich schon vor Mitternacht an ganz allein in den erleuchteten Räumen lernte, und wie mir gewiß dessen Anwesenheit nicht hätte entgehen können. „Eine kurze Weile sann mein Vater nach; dann unterbrach er sich plötzlich: „War nicht ein Hausirer bei Dir, der einen schweren Packen auf dem Rücken trug?" „Allerdings", antwortete ich und erzählte nun den Vorgang. „Ter Mann, den Du in Sturm und Wetter von Deiner Thüre gejagt hast, war Elijohu Hanowi! In dieser Gestalt war er auch mir zum erstenmale erschienen!" Vor Schreck und Bestürzung drohte ich bei diesen Worten fast umzusinken, und es dauerte lange, bis ich wieder die nöthige Ruhe fand. „Mein Vater," rief ich aus, „aber ich habe das, was ich gethan habe, doch nur auf Tein ausdrückliches Geheiß gethan, Niemanden in dieser Nacht eiuzulassen!" „Mein Vater ergriff meine Rechte und sprach: „Du bist würdig, Elijohu zu schauen, aber nicht ihm den Friedensgruß zu entbieten und diesen Gruß von ihm erwidert zu erhalten. Und wenn Du statt 40 Tage, 40 Jahre gesaftet hättest, Dein auffahrendes Benehmen gegen den vermeintlichen Hausirer hat alles wieder verdorben. Elijohu hat Dir gezeigt, daß Du noch nicht auf der Stufe bist, auf der Du Dich wähntest. Wie konntest Du auch glauben, ich hätte Dich geheißen, einen frierenden, hilflosen, seiner Last erliegenden Unglücklichen in die kalte Winternacht zu jagen, und daß Du Dich durch eine solche That Elijohu's Segen würdig machtest! Und wenn ich je eine solche Ungeheuerlichkeit von Dir verlangt hätte, hättest Du einem solchem Ansinnen Folge leisten dürfen? Wenn die Worte des Meisters mit denen des Schülers sich widersprechen, muß man dann nicht dem Meister folgen? Der Meister hat uns gesagt: „Liebet den Fremdling", und wenn Dein Vater, der geringste unter den Schülern, in der That verlangt hätte: „Verjage den Fremdling von Deiner Schwelle", hättest Du dann wirklich mir folgen dürfen?!" „Ahnt Ihr jetzt, Rabbaußai, wer meinem Vater die Botschaft von der Rettung der treuen Gefährtin seines Lebens gebracht haben mag? — Tann habe ich Euch nichts weiter zu sagen." Mit lautloser Spannung waren alle Anwesenden diesen Mittheilungen gefolgt. In ihrer Ueberraschung hatten sie kaum bemerkt, wie Rabbi Simcho sofort die Versammlung verließ. Auch Rabbi Schmelke klappte den Mnauros Hamoaur wieder zu, denn er durfte heute Abend nicht mehr aus die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zählen. Stumm und erregt verließen alle das Beth-Hamidrasch und selbst Sundel hatte ganz an die Frage vergessen, die ihm so schwer auf dem Herzen lag. Erst als er zu Hause seiner Frau die wunderbare Geschichte erzählt hatte, fiel ihm sein Freund Iwan und die harbe Kaschje ein, die er morgen beantworten sollte.^ Vergebens zermartete er sich den Kopf, bis er endlich, überwältigt von all dem, was auf ihn eingestürmt war, fest einschlies. Da erschien ihm im Schlafe der Hausirer mit dem schweren Pancken. Er sah ihn im Traume, wie er die Last abwars und wie die hehre Gestalt nun ungebeugt in härenem Mantel das lockenumrahmte Gesicht zu ihm wandte und lächelnd sprach: „Dein Freund Iwan fragt: Wer in den Zeiten von Moschiach am Schabbos heizen wird, wenn doch alle Menschen den Sabbat heiligen werden? Zeige ihm morgen die Stelle im Propheten Jeschajo, wo es im 26. Vers des 30. Capitels bereits verkündet ist: „Das Licht des Mondes wird wie das Licht der „Sonne und das Licht der Sonne wird siebenfach so stark „als das Licht der sieben Schöpfungstage werden, um die „Zeit, wenn Gott den Bruch Seines Volkes verbinden, „und die Verstümmelung seines Schlages heilen wird." Dein Freund wird daraus ersehen, daß, wenn in Moschiach's Zeiten der Mond das Licht der Sonne und diese das Licht der sieben Schöpfungstage siebenfach überstrahlt, man nicht nur am Sabbat, sondern auch an den Wochentagen nicht mehr zu heizen braucht; denn es ist die Zeit, die ganz Schabbos ^isl!" _ Als morgens Sundel erwachte, eilte er sofort zu Reb L-chmelke und erzählte ihm den ganzen Vorgang. Dieser hörte erstaunt den Bericht an und sprach dann erregt, indem er Sundels biedere Rechte ergriff: „Ich habe immer gewußt, daß Ihr ein frommer, gottesfürchtiger Mann seid, aber daß Euch Elijohu Hanowi im Traume erscheint, das hätte ich niemals gedacht. — Aschre mi scherooh Ponow Ba-Chalom! Glücklich geborgen nennen die Weisen denjenigen, der sein Gesicht im Traume sieht; Ihr seid der Glückliche." Auflösung des Preis-Näthsels in der Belletr. Beilage zu Nr. 48. 1. Golt 2. Qrthograf 3. Tir;a' 4. Thorah 5. Ebrac 6. SchatneS 7. Fädon 8. Urkunde 9. Ramses 10. Cyrus 11. Henrici 12. Thaw. a) Gottesfurcht. b) Wissenschaft. Verantwortliche Rebaction: Oscar Lehmann in Mainz.— Expedition deS „JSraelit" u. „Jefchurun", Schottstraße Nr.2, Mainz. Druck und Verlag der 3oh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actten-Gesellschaft in Mainz.