Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1098 merksamkeit zollen und schenken wird, welche dasselbe in jeder dm tj; einnimmt und ein nehmen soll. Die Anzahl dieser Männer ist jedoch zu gering. als daß sie mit dem nöthigen Nachdruck jene Strömung bekämpfen könnten, welche dahin zielt, aus den drei Pfeilern, auf welchen das Gebäude der jüdischen Religion ruht o'onn roV’Dtf may min, den letzten derselben, die Mildthätigkeit als Hauptstütze des Judenthnms herauszuheben. Es soll keineswegs verkannt werden, daß die Wohlthätigkeits- Anstalten der Pariser Gemeinde als mustergiltig betrachtet werden können. Wie ein in unzählige Zweige sich entfaltender Fruchtbaum, bringen die verschiedenen zahlreichen Institutionen der Wohlthätigkeit hier den Unbemittelten und Hilflosen der Heimath, sowie den aus der Fremde ihren Segen und Schutz gegen Noth und Elend. Genügt jedoch die Erfüllung dieser wichtigen Pflicht allein, allen Anforderungen unsrer heiligen Religion? Stellt letztere nicht vielmehr an die Spitze der uns gebotenen Obliegenheiten die Pflege des Thorastudiums -ujd n"ni und die Betätigung der moy durch getreuliche Ausübung sämmtlicher Gottesgebote? In der Nichtbeachtung dieses Grundsatzes liegt die Ursache des mit jedem Tage zunehmenden Jndifferentismus in Bezug auf Religion, und hierin ist der Verfall des religiösen Lebens zu suchen. Wir sind weit davon entfernt für diese traurige Erscheinung das französische Rabbiuat allein verantwortlich zu machen. Es hat auch anderwärts ein Nivellirungssystem Platz gegriffen, welches den Begriff von Religion auf ein allgemeines Humanitäts-Prinzip herabschrauben möchte und das französische Rabbiuat steht ja offiziell auf dem Boden der Entscheidungen des unter Napoleon I. einberufenen Sanhedrin, dus bekanntlich die Integrität des schriftlichen und mündlichen Gesetzes feierlich proklamirte. Trotzdem darf nicht verschwiegen werden, da'; Seitens mancher geistigen Führer der Gemeinden obenerwähnte irrthümliche Richtung begünstigt wird, und daß dieselben bei Behandlung religiöser Fragen Nachgiebigkeit, ein gewisses 1ai886r taire, und zwar gerade in solchen Fällen, wo Widerstand geboten wäre, sich zu Schulden kommen lassen. So gelten Orgel und Confirmation beispielsweise, trotz des angeblich conservativen Standpunktes, als nach dem jüdischen Religionsgesetze erlaubte Institutionen. Auch hat die Majorität des hiesigen jüdischen Publikums sich ganz hinein gelebt und man erblickt hierin eine der schönsten Errungenschaften unseres Jahrhunderts. Ist es zu verwundern, wenn so mancher Paragraph des my into sich eine Vernachlässigung gefallen lassen muß und dessen Inhalt sich nicht immer der gebührenden Beachtung zu erfreuen hat. Hat deßhalb das hiesige Judenthum größere Erfolge zu verzeichnen? Die Tausend und aber Tausend Jünglinge und Jungfrauen, welche in Unkenntniß der Glaubenslehre und des Inhaltes unsre heiligen Thora ins Leben treten und sich über die wichtigsten Gottesgebote hinwegsetzen, sind dieselben nicht ein beredtes Zeugniß von der das wahre Judenthum bedrohenden Gefahr, welche diese Situation in sich bürgt? — Es nützt nichts, die traurige Erscheinung von dem mit jedem Tage zunehmenden Verfalle des religiösen Lebens zu verschweigen. Es kann demselben nur durch eine ernste und aufrichtige Rückkehr in die Bahnen des traditionellen Judenthumes Einhalt gethan werden. Vielleicht gelingt es, das religiöse Heil des gegenwärtigen und zukünftigen Geschlechtes durch Berufung eines energischen gottbegeisterten Führers nid* djtjdV nst wn zum Seelenhirten dieser großen Gemeinde zu begründen. Wenn es möglich wäre, einen Mann zu finden, der es verstände, die hier noch vorhandenen guten Elemente um sich zu sammeln, und der sein Hauptaugenmerk darauf richtete rutsn^ niop Tinn$> dem Thora-Studium den ihm gebührenden Werth und Platz einzuräumen, jenem Studium nämlich, das noth, aus reiner Absicht und die Befolgung einer nixo wegen, geschieht, wenn das Streben desselben darauf gerichtet die Liebe zum wahren Jndenthume durch die rrmy Ausübung und Beobachtung sämmtlicher Gottcsgebote zu erwecken, dann kann das französische Judenthum stolz aus seine Erfolge und seine sonst so glänzende Stellung sein. Es werden dann auch die verklärten Söhne Frankreichs, die großen Tossafisten aus den lichten Höhen mit Genugthuung auf das Werk ihrer Nachkommen schauen. England. London, 26. Juli. Am Donnerstag Abend, 5 Uhr, fand, wie Sie bereits berichtet haben, die Versammlung der von allen jüdischen Gemeinden des Großbritanischen Reiches zur Rabbinerwahl Delegirten statt. Obzwar die formelle Wahl gemäß des Parlamentsbeschlusses von dem Council der United Synagogue und sämmtlicher zur Besoldung des Chief-Rabbi's beitragenden Gemeinden vollzogen wird, so hatte diese Versammlung den Zweck, die einzelnen Punkte betreff der Wahl und Stellung des zukünftigen geistlichen Oberhauptes zu besprechen. Lord Rothschild, als Präsident des Conncil's hatte den Vorsitz. Er drückte unter Anderem den Wunsch aus, daß der Chief Rabbi in der City, woselbst die Tausenden von eingewanderten polnischen Glaubensbrüdern sich aufhalten, wohnen solle, damit er „ein Mann des Volkes" und nicht ein bloser Beamter sei, welcher Vorschlag von Mr. Samuel Montagu lebhaft unterstützt, von den Delegirten des Westend's