Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1099 aber bekämpft und schließlich von der Majorität der Versammlung angenommen wurde. Es lag ferner eine Eingabe von Mr. Davidson, unterstützt von vielen Gemeindcmitgliedern dahin gehend vor, daß ein Consistorium, aus Geistlichen und Laien zusammengesetzt, errichtet werden solle. Mr. Joseph Levy opponirte hiergegen, sich darauf stützend, daß Diejenigen, welche über religiöse Fragen entscheiden, dazu autorisirt sein müssen, woraus der Präsident versicherte, daß nur ein Beth-Din constituirt werden solle, ein offizieller Beschluß wurde jedoch hierüber nicht gefaßt. Auch über einen anderen Vorschlag Seitens des Abgeordneten von Dublin, daß sämmtliche Provinzialgemeinden ähnlich den Londoner Synagogen einen Council errichten sollten, wurde kein Beschluß gefaßt. Die Versammlung war im Prinzip darüber einig, daß Dr. Hermann Adler »"j znm zukünftigen Chief Rabbi erwählt werde und die offizielle Ernennung desselben in aller Kürze vorzunehmen sei. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Hugo wiederholte seinen Besuch in der That sehr bald, und bald verging kein Abend, an dcnr er nicht wenigstens eine Stunde in dem ihm sehr sympathischen Familienkreise verbrachte. Seine Freunde neckten ihn bereits mit seinem täglichen Besuch bei der schönen Frau Meierhos, aber er versicherte mit Recht, daß er mit Bella weit weniger verkehre als mit deren Eltern; namentlich war cs ihr Vater, dessen geistvoller Unterhaltung er stundenlang lauschen konnte. Auch mit den Kindern plauderte er gern, wußte sie durch sinnige Kleinigkeiten zu überraschen und sich an ihrem Jubel zu ergötzen. Otto pflegte ihn auch häufig in seinem Zimmer auszusuchen, ihm zu erzählen von allen den wichtigen Angelegenheiten, die sich in der Schule zutrugcn, die er besuchte, und auch von dem Unterricht, den sein Großvater ihm ertheilte. Für diesen letzteren intcressirte sich Wildau ganz besonders, das hatte er nie für möglich gehalten, daß man mit Kindern in diesem zarten Alter von solch' ernsten Dingen in dieser scharfsinnigen Weise sich aussprcchen könnte. „Wissen Sie," sagte er eines Abends, als er in Meierhof's Familienzimmer mit Bärwald sich unterhielt, „daß ich große Lust hätte, mit Otto zusammen bei Ihnen den Talmud zu studiren." „Ich bezweifle, daß diese Lust lauge anhalten würde", entgegnete Bärwald lächelnd. „Warum bezweifeln Sie das?" fragte Wildau lebhaft, „Otto's Lust scheint von Woche zu Woche sich zu steigern und doch ist er noch ein Kind und in allem übrigen noch so überaus kindlich, daß ich oft staune, wenn er mir von seinem Talmudstudium erzählt und sich dabei zuweilen, ich möchte fast sagen, wie ein Philosoph ausdrückt." „Wir Juden sind für das Talmudstudium geboren," erwiderte Bärwald, „es ist für uns heilige Pflicht, in dem Gesetze zu forschen, und Otto ist ein braver Knabe und ein scharfsinniger Kopf, darum steigert sich sein Eifer, je mehr er lernt. Für den Nichtjuden jedoch wäre das Talmudstudium nichts weiter als spitzfindige Casuiftik und —" Er ward unterbrochen, Meierhof trat auf ihn zu. „Ich bitte um Entschuldigung, daß ich störe," sagte er, „aber draußen ist ein Bote vom Hospital, der mit Ihnen, lieber Papa, sprechen möchte." „Laß' ihn hereinkommen," siel Bella ein, „der Papa braucht doch nicht zu ihm hinauszugehen.'' „Gewiß nicht, Otto führe den Mann herein." Gleich daraus trat der Mann in das Zimmer, Bärwald ging ihm entgegen. „Sie wünschten mich zu sprechen?" „Wenn ich die Ehre habe, Herrn Bärwald —" „Das ist mein Name, was wünschen Sie?" „Eine Schwerkranke läßt Herrn Bärwald dringend bitten, zu ihr in das Wiedener Hospital kommen zu wollen." „Aber doch heute Abend nicht mehr," sagte Frau Bärwald erregt, „es ist ein schreckliches Wetter und dieser weite Weg." „Gnädige Frau," versetzte der Bote, „der Arzt bezweifelt, daß die Kranke die Nacht überleben werde — und sie wimmert beständig, sie könne nicht sterben, bevor sie nicht Herrn Bärwald gesprochen habe." „So werde ich sogleich mit Ihnen gehen", erwiderte Bärwald, und begab sich in das anstoßende Zimmer, wo er seinen Ueberrock abgelegt hatte. Seine Frau schüttelte unmuthig den Kopf. „Bei diesem Wetter — wissen Sie nicht, wie die Kranke heißt?" wandte sie sich an den Boten. „Anna Sedlisky, gnädige Frau, sie sagt, sie habe bei Ihnen gedient." „Anna Sedlisky —" wiederholte Frau Bärwald sinnend, „ach, Du lieber Gott!" ries sie plötzlich, „das war die Amme von dem seligen Kind." „Sie scheinen besorgt, liebe Mama," sagte Meierhof, „wenn cs Ihnen recht ist, begleite ich den Papa." „Wenn Du so freundlich sein wolltest, das