Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448082--30462-2478241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1096 Ziehung vom 3. Juli 1869, wonach Juden denselben Schutz wie Angehörige anderer Konfessionen genießen. Derartige Hetzartikel, wie die in den fraglichen Flugblättern enthaltenen, können leicht den öffentlichen Frieden gefährden." Aus Baden. Der Vorstand des Landes- Vereins zur Erziehung israel. Waisen im Großherzogthum Baden versendet soeben seinen zweiten Jahresbericht. Derselbe enthält zunächst die s. Z. auch in diesem Blatte mitgetheilte höchst ehrenvolle und gütige Zuschrift, mit welcher Skönigl. Hoheit der Großherzog von Baden, die Zusendung des ersten Jahresberichts hatte erwidern lassen, und konstatirt sodann die weitere Erstarkung des Vereins. Dieser besitzt nach einem kaum zweijährigen Bestand ein festes Kapital von 51000 M., die Gesammteinnahme des Jahres 1889 betrugen 18000 M., darunter 10,000 M. an regelmäßigen Mitgliederbeiträgen. Die dem Vereine gemachten Stiftungen haben sich um zwei vermehrt, zwei weitere werden demnächst rechtskräftig werden. Seine Thätigkeit cröffnete der Verein sodann im October 1889 mit der Aufnahme von 17 Waisen. Der Jahresbericht enthält zum Schluffe noch einen warmen Nachruf für den Mitgründer und stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstandes, den diesem Verein, wie der Gemeinde Bruchsal, deren Vorsteher er war, früh entrissenen ErnstWertheimer, sowie für den als Fürsorger für Waisen thätig gewesenen Jonas Daube in Königsbach. Die erste statutenmäßige Generalversammlung des Vereins fand am 13. Juli in Offenburg statt und war von Vertretern aller Bezirke Badens, im Ganzen von etwa 100 Personen besucht. Der Bericht, den der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Bezirks-Rabbiner Dr. Eschelbacher in Bruchsal erstattete, erweckte das ungetheilte Interesse der Versammlung. Er berichtete zunächst, daß seit dem Abschlüsse des gedruckten Jahresberichts, das Vereinsvermögen sich um 14,000 M. vermehrt habe, durch eine hochherzige Stiftung, welche die Herren Ferdinand Sulzberger aus Obergrombach bei Bruchsal, Jonas und Sa muel W eil*) aus Emmendingen, sämmtlich jetzt in New-Aork wohnhaft, zum Andenken an ihre Gattin und Schwester, die früh verstorbene Frau Rosa Sulzberger, dem Vereine überwiesen haben. Aber trotz aller bisherigen Leistungen müsse die seither bewährte *) Herr Jonas Weil, der fortdauernd sein lebhaftes Interesse sür die Glaubensgenossen seines Heimathlandes bekundet, hat auch auf die in diesem Blatte mitgctheilte Nachricht von der in Karlsruhe erfolgten Gründung eines Vereins zur Beförderung des Handwerks unter den Israeliten einem Vorstandsmitgliede desselben M. 200 übersandt und sich zur jährlichen Zahlung von 10 Mitglieder-Beiträgcn bereit erklärt. Opferwilligkeit noch für lange hinaus sich bethätigen und auch auf manche dem Vereine noch gleichgiltig gegenüberstehenden Gemeinden sich ausdehneu, wenn derselbe seiner Ausgabe Nachkommen solle, daß in Zukunft keine badische Gemeinde sich für bedürftige Waisen au die öffentliche Mildthätigkeit zu wenden habe, sondern der Verein jeder Zeit in der Lage sei, helfend eiuzutreten. Die Größe dieses Bedürfnisses, der Nothstand, der nicht mir in leiblicher, sondern oft noch viel mehr in geistiger Beziehung bestehe, wurde sodann eingehend dargelegt. Für die größere Oeffentlichkeit mag einfach die Anführung von Zahlen genügen. Obwohl der seit längerer Zeit thätige Waisenverein in Mannheim gegen 40 Kinder, zumeist aus Baden, versorgt, war der neugegründete Landesverein gleichwohl genöthigt, bereits zu Ostern d. I. die Zahl der in seine Fürsorge genommenen Waisen von 17 auf 28 zu erhöhen und es mag hierbei hinzugefügt werden, daß in einer an die Generalversammlung sich anschließenden Vorstandssitzung die Ausnahme von 5 weiteren Kindern beschlossen wurde. Die Versorgung geschieht bis zur Erbauung eines Waisenhauses durch Unterbringung der Kinder bei braven, religiösen, nicht ganz unbemittelten Pflegeeltern, in einzelnen Fällen auch durch Gewährung von Erziehungs-Beiträgen an die Angehörigen der Kinder. Die Mittheilungen, welche bisher sowohl über die in Pflege genommenen Waisen, als auch über ihre Erzieher von den ihnen vom Vereine gestellten Fürsorger eingegangen sind, lauten durchweg befriedigend. Zwei Waisen sind nach Zurücklegung des 14. Lebensjahres bereits aus der unmittelbaren Fürsorge des Vereins entlassen worden, und werden z. B. zu dessen Beihilfe und Mitwirkung für einen Lebensberuf vorbereitet. Somit hat der Verein nach kaum zweijährigem Bestände seine Notwendigkeit, wie seine Lebenskraft ausreichend begründet und darf einer gedeihlichen Wirksamkeit mit Zuversicht für eine weite Zukunft entgegensetzen. Die begeisterte Zustimmung, welche dieser Bericht bei allen Anwesenden fand, prägte sich sodann im ganzen Verlauf der Verhandlungen aus, die vorgelegten Statutenänderungen fanden bei eingehender Berathung derselben fast durchweg einstimmige Annahme. Als Ort der nächsten Generalversammlung wurde Heidelberg bestimmt und alle Theilnehmer verließen die Versammlung mit bem Bewußtsein, daß die Israeliten Badens mit dem Waisenvereine ein Werk begründet haben, dessen segensreiche Wohlthaten noch späte Geschlechter ihnen danken werden und das der Unteistützung und Förderung eines jeden fühlenden Menschen würdig ist.