Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1094 was ihm am Verftändniß des inneren Werthes fehlt; er muß auf Abwege gerathen, und die Mitglieder jener Vereine, die ihre religiösen Gefühle und Satzungen in solche Formen gießen wollten, verließen, wenn sie auch die besten Intentionen hatten, ohne daß sie es wußten oder wollten, den Boden des göttlichen Gesetzes. Einer dieser Vereine war die Gesellschaft der Nasiräer. Ihre Mitglieder verpflichteten sich, Dinge, die sonst zu genießen gestattet sind, zur Ehre Gottes zu meiden. Wir haben aber nicht die Berechtigung, Dinge, deren Gebrauch uns gestattet ist, willkürlich für unseren Gebrauch auszuschließen und sie uns gleichsam zu verbieten (Vgl. Hirsch's Choreb § 47). Wie Wenige verstehen es, imb -nrfc sich zur Ehre Gottes die Nasirweihe zu gedenk Und selbst sie müssen nach Ablauf der Entsagungsfrist ein Sühneopfer bringen, 7»,-, p rin nygB' ’s1?, da er sich des Weines enthält (nuyn 11 a.). Wie sinnig ist doch die Discussion zwischen Mar Samuel und R. Elieser (ibid) über die Frage, ob der freiwillig Fastende ein Heiliger oder ein Unreiner sei. — Nur der sich seiner hehren und heiligen Aufgabe vollständig bewußte Mensch darf sich vielleicht zeitweise aus dem Kreise des socialen Lebens zurückziehen und sich eine Pflicht, eine Heiligung auferlegen, wenn er glaubt, dadurch seiner Aufgabe als Mensch und Mitglied des Gottcsvolkes klar zu werden. Folgende Geschichte, die uns in einer Boraitho (tu IV. Tosephta) mitgethcilt wird, und die uns einer unserer Freunde in Verse gebracht, soll uns das Wesen eines solchen Gelübdes näher vor Augen führen: Die Locken des Nasiräers. Wer ist der Jüngling in des Tempels Hallen? Sein Auge leuchtet mild und klar, Es fließt herunter in des Baches Wallen Sein golden glänzend Lockenhaar. Die hohe Stirne offen, frei und eben, Doch bleich das schöne Angesicht, Als hänge an dem schwunggeübten Leben Der Sorgen bleiernes Gewicht. Er tritt mit freier Haltung, sanfter Sitte Vor Simeon den Frommen hin Und er beginnt mit süßem Laut die Bitte, Indem die Wangen ihm erglühn. „O, Hort im Glück und Trost im bittren Leide, Ich komm mein Haupthaar Gott zu weihn, Entsagen will ich jeder Lebensfreude, Laß mich ein Nasiräer sein." Der Priester hört die rührend weiche Rede Und schaut den Jüngling forschend an: „Du kämpfst zu früh, mein Sohn, die Lebenssehde Was hat das Leben Dir gethan?" Noch zog kein Grames-Aar die düstren Kreise Um Dein geliebtes schönes Haupt; Wie mag das Leben sinken Dir im Preise, Das keine Blüthe Dir geraubt?" Der Jüngling dann mit thränenfeuchtem Blicke Zum hohen ernsten Priester spricht: „Vermeiden will ich, ach des Lebens Tücke, Bevor mein Herz im Jammer bricht. Ich saß, die Schafe meines Vaters weidend An einem spiegelhellen Bach, Die Abendsonne von der Erde scheidend Verglühte purpurn nach und nach. Noch strahlt zum Theil das Helle Sonnensiegel Am Himmelsbrief von Gottes Hand, Da — sah mein Bild ich in des Baches Spiegel, Wie ich gelehnt an seinen Rand. Und Stimmen des Verführers wurden rege In meiner arglos siillen Brust, Zu suchen auf verbotnem, eitlen Wege Die arge Welt und ihre Lust. Des Leibes Schmuck als Lockung zu gebrauchen, Mir zu erschleichen Frauengunst, Und reine Herzen giftig anzuhauchen Mit falscher Lippen Lügendunst. Da sprang ich auf, von heißer Scham erglühend: Soll Schönheit ködern Dir die Welt? Hat Gott den Leib geschmückt so reizend, blühend, Zur Sünde, die in Staub zerfällt? Zurück will ich, den Schmuck dem Himmel geben, Entfliehn den Lockungen in Eil', Der Welt entsagen und in Mangel leben, Doch retten rasch mein Seelenheil! Drum komme ich zu Dir in meinem Leide, Mein stolzes Haupthaar Gott zu weih'n, Entsagen will ich jeder Lebensfreude, Laß mich ein Nasiräer sein!" Der Priester drauf zum Jüngling spricht in Wehmut, Indem er seine Stirne küßt: „Heil Dir, mein Sohn und Deiner frommen Demut! Dich segne Gott, der ewig ist! Und wenn auch Deine goldnen Locken fallen. Dein Haupt umstrahlet schönre Zier; Der Seele Schmuck, der schönste wohl von allen, Er leuchtet, blühet für und für." Ein Gelübde, wie es dieser Jüngling gethan, ist erlaubt. Davon spricht die Thora, wenn sie sagt: (Numeri VI 2,) nV i'rrb tu tu inH *6b’ o jwn in »»n Ein Mann oder eine Frau, die es sich versprechen, das Gelübde eines Nasirs zu halten, ein Nasir zur Ehre Gottes zu sein re. Rambam fügt (nvru 'n 14 X) hinzu: „wer aus solche Art ein Gelübde thut, dessen Haupt schmückt die Gotteskrone, denn er ist heilig dem Ewigen." Deshalb ist der Talmud auch den Vegetarianern, die, trotzdem es erlaubt ist, kein Fleisch zu essen, nicht besonders wohl gesinnt. So sagt Raw Chisda: