Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 59 (28.7.1890)
- Date
- 1890-07-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1083 Man wollte sich an den Ortsgouverneur um Hilfe wenden, aber der umsichtige Polizeimeister besetzte das Gouvernements-Gebäude mit seinen Schergen und kein Israelit wurde zugelassen, um eine Beschwerde vorzubringen. Endlich nahm man die Intervention der höheren Landesstelle in Anspruch. Dieselbe hob auch wirklich das Verbot auf, damit aber ist die Sache keineswegs erledigt. Der Herr Polizeimeister belegte die jüdische Gemeinde mit einem Tribute von dreitausend Rubel angeblich zur Verschönerung der Stadt und so lange diese Brandschatzung nicht erlegt sein wird, hält er seinen Ukas aufrecht, denn er behauptet, daß er in seinem Revier unbeschränkte Machtbefugniß besitze, daß ihm niemand was zu befehlen habe, und schließlich meint er, seien die Juden im Czarenreiche rechts- und schutzlos, weßhalb er nach Willkür verfahren könne. Er entbot zu sich die Reichsten der isr. Bevölkerung, dekretirte für jeden den Thcilbetrag der obigen Contribution und verlangte die sofortige Entrichtung. Die Herren weigerten sich natürlich, worauf ihnen in der Amtsstube Peies und Bart abgeschnittcn und sie buchstäblich mißhandelt wurden. Einer der Drangsalirten gab einem Polizeidiener ein Geldstück für seine „Friseurdienste", wofür er zwei Ohrfeigen einheimste. Gegen diese Gewaltthaten wurde beim Ministerium Protest erhoben, bis jetzt aber ist noch keine Antwort eingetroffen, und der Polizeimeister, der, trotzdem er erst in den Dreißigern, bereits den obersten Rang bekleidet, fährt fort sein Amt zu mißbrauchen und die Juden zu chikaniren. — Frankreich. Paris, im Juli. Herr Zederbaum, Herausgeber des „Hamelitz" in Petersburg, weilt seit einiger Zeit in hiesiger Stadt, um für die Colonisation in Palästina zu wirken. Derselbe hatte schon mehrmals in diesem Betreffe Confercnzen mit dem Oberrabbiner Z. Kahn, sowie auch mit Herrn Baron Edmund v. Rothschild. Ucber das Resultat seiner Bemühungen werde ich Gelegenheit haben Ihnen zu berichten. Sonntag den 15. v. M., Abends 7 Uhr veranstaltete der Verein B'ne-Zion dahier zu Ehren des Herrn Zedcrbaum ein Bankett im Hotel-Restaurant International, woran auch der rühmlichst bekannte Rabbi Schneier Sachs Theil nahm. Den Reigen der Reden eröffnete der Sekretär des Vereins Herr Dulwasdi, indem derselbe eine hebräische, wohldurchdachte Begrüßungsrede an Herrn Zederbaum hielt, die von demselben ebenfalls in hebräischer Sprache beantwortet wurde.; Sodann sprachen die Herren Prag, Spanier j und noch viele Herren alle in warmer Begeisterung! für j Küche und Keller, sowie das ganze Arrange- > ment waren vorzüglich und gereichten dem Besitzer dieses neuen Etablissements zur großen Ehre. Lange nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft mit dem gegenseitigen Wunsche nsan na«6 Bei dieser Gelegenheit können wir nicht unterlassen zu erwähnen, daß durch die Errichtung dieses neuen Restaurants einem hier längst gefühlten Bedürfnisse abgeholfen ist, indem dasselbe bei st r e n g ritueller vorzüglicher Küche allen Anforderungen der Zeit entspricht und empfehlen wir dasselbe allen Israeliten, die hierher kommen, angelegentlichst.8. Rußland. Petersburg. Der Ausgang des Nihilisten- Prozeffes in Paris beschäftigt natürlich auch die öffentliche Meinung in Rußland und wird auch innerhalb der jüdischen Kreise viel besprochen. Als die Nachricht von der Verhaftung jener Terroristen eintraf, beeilte sich die antisemitische Hetzpresse, allen voran die große Eloake des Fürsten Meschtscherski, der „Grashdanin", die Juden als die „Oberhäupter der Anarchisten-Verschwörung" zu dcnunziren und in den wüstesten Schimpfereien gegen Juden und Judenthum sich zu ergehen. In ihrer heutigen Nummer geißeln die „Nowisti" dieses Preßtreiben mit den Worten: „Und jetzt, wo der Prozeß beendet, fragen wir — wo sind die Juden, die Fürst Meschtscherski an die Spitze des Anarchismus" stellte und um derentwillen er nicht blos Verlust des Rechtes ans Bildung, sondern auch überhaupt auf Existenz für alle russischen Juden verlangte? Wo sind diese „jüdischen Spitzführer" und „Leiter des Anarchismus?" . . . Von allen Angeklagten war nur Sophie Vromberg eine Jüdin und diese wurde freigesprochen. Alle klebrigen waren entweder echte Russen, oder jedenfalls keine Inden. Reinstein ist ein Ehrist, der eine echt orthodoxe Russin geheirathet hat. Lawrenius ist schwedischer oder finnischer Herkunft. Nakaschidse ist ein Grusinier, Landesen — ein Deutscher. Wo sind denn die Inden? Ja, sie fehlen eben in diesem Prozesse! Dem Allem gegenüber müßte Fürst Meschtscherski, eingedenk dessen, was er vor einem Monat schrieb, nunmehr ausrufen: „Bemerkenswerth ist cs, daß unter den Anarchisten keine oder fast gar keine Juden anzutresfen waren, ungeachtet dessen, daß die Zeitungs-Jndenhasser hartnäckig und gewaltsam sie hineintreibcn in die Sphäre des Pessimismus, der Verneinung und der subversiven Elemente!" Aber natürlich werden die Herren Meschtscherski Solches nicht „bemerken." England. London, .17. Juli. Der Lord Mayor Sir Henry Jsaacs empfing heute Nachmittag die Mitglieder und Delegirten der verschiedenen Friedens¬ und Schiedgerichtsgesellschaften, welche die Woche hindurch in der Westminster Stadthalle getagt hatten. Nach der Vorstellung der Delegirten begab sich die