Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 59 (28.7.1890)
- Date
- 1890-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448081--30447-2478225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1078 Amerika. New - Uork, im Juli. Am 11. Tamus (29. Juni) fand die feierliche Einführung des Rabbiners der Congregation pns arw, Herrn D r. Philipp Klein statt. Diese Feier gestaltete sich zu einer erhebenden Kundgebung religiöser Begeisterung und wird allen Theilnehmern ewig unvergeßlich bleiben. Wenige Tage zuvor war Herr Dr. Klein, ein geborener Ungar, aus seinem bisherigen Wohnsitz Libau in Rußland, wo er eine sehr gedeihliche, langjährige Wirksamkeit als Oberrabbiner entfaltet hat, in hiesiger Stadt angelangt. Der Ruf hervorragender talmudischer und allgemeiner Gelehrsamkeit, einer ernsten, aufrichtigen Frömmigkeit, eines ehrenfesten, unbestechlichen Charakters ging ihm voran. Schon vor Wochen hatte er seiner hiesigen Gemeinde gegenüber die Entschlossenheit und Mannhaftigkeit seines Wesens bethätigt. Im Begriff von Libau abzureisen, gelangte zu seiner Kunde, daß die Frauengallerie in der Synagoge der Gemeinde Oheb Zedek eines Gitters entbehre, wie ein solches nach dem uralten Brauch in keinem israelitischen Gotteshause fehlen darf. Er schrieb unverzüglich hierher, daß er sein Amt nicht antreten könne, wenn ihm nicht die bündigste Versicherung ertheilt werde, daß dieser Mangel in der Synagoge sofort abgestellt werde. Er würde niemals auch um ein Haarbreit von dem abweichen, was Gesetz und religiöser Brauch in Israel geheiligt habe u. s. w. u. s. w. Dieses Schreiben rief hier, wo man an eine solche Entschiedenheit in religiösen Dingen seitens der Rabbiner nicht sehr gewöhnt ist, großes Erstaunen hervor. Es ehrt aber die Gemeindeorgane, daß diese Consequenz ihnen hohe Achtung einftößte und sie sich der Erkenntniß nicht verschlossen, daß der Erwählte der Gemeinde ein Mann seltener Charakterstärke und Ueberzeugungstreue sei, der die religiösen Interessen der Gemeinde in ernster Gewissenhaftigkeit zu wahren entschlossen sei. Man beglückwünschte sich zu einem solchen geistlichen Oberhaupt und theilte Herrn Dr. Klein auf telegraphischem Wege das volle Einverständniß der Gemeinde mit dem Inhalt seines Schreibens mit. Fast die sämmtlichen Mitglieder der Gemeinde hatten sich am Landungsplätze eingefunden, um den mit dem Dampfschiff „Lahn" von Bremen anlangenden Rabbiner mit seiner Familie zu empfangen. Die Auffahrt nach dem von der Gemeinde Herrn Dr. Klein zur Wohnung angewiesenen und mit reichem Komfort ausgeftatteten Hause 118 Rivington Street erfolgte unter dem Geleite von mehr als fünfzig Equipagen. Lange bevor die Einführungsfeierltchkeit in der Synagoge angesetzt war, hatte sich in der Norfolk Street, an welcher das Gotteshaus belegen ist, eine ungeheuere Menschenmenge eingefunden, so daß seitens der Polizei besondere Anstrengungen nothwendig waren, um die Ordnung aufrecht zu halten. Die Synagoge war bis in den letzten Winkel hinein fast überfüllt. Gegen 3 Uhr wurde Herr Dr. Klein von den Herren Schwarz und Price, dem ehemaligen Präsidenten der Gemeinde, zur Estrade geleitet, worauf der gegenwärtige Präses der Verwaltung, Herr Herrmann, das Wort zu einer ebenso herzlichen wie inhaltsvollen Begrüßung des neuen Rabbiners ergriff. Nach ihm sprachen die Vorsteher Herren Schlesinger und Stern und führten Herrn Dr. Klein zur Kanzel. Der markigen, glänzenden Antrittsrede des Herrn Rabbiner, welche fast eine Stunde in Anspruch nahm, lauschte die große Versammlung in athemloser Spannung. Sie übte einen gewaltigen Eindruck auf die Zuhörer aus. Als der Redner kurz und kräftig seinen Standpunkt dahin präcisirte, daß das Religionsgesetz in allen seinen Bestimmungen einzig und allein die Richtschnur seines Handelns sei und er sich weder durch irgend ein Statut, ein Reglement oder einen persönlichen Willen an dessen striktes Durchführung hindern und sich auch nicht durch Orts- und Zeitverhältnisse hierin von dem gerade vorgezeichneten Wege des Gesetzes ablenken lasten werde, da erhoben sich fast unbeabsichtigt die Zuhörer von ihren Sitzen und neigten das Haupt vor dem kühnen Bekenntnisse des Mannes, der furcht- und rückhaltlos der ihm fremden Gemeinde die ganze Entschiedenheit seines Charakters zeigte. Man muß die hiesigen Verhältnisse kennen, um diese Huldigung ganz zu würdigen. Das Judenthum, so fuhr alsdann der Redner fort, das alte von Gott gegebene Gesetz steht nicht im Widerspruche mit wahrer Bildung, mit echter Wissenschaft: Hand in Hand mit allem Wahren und Edlen im echt Menschlichen soll die treueste, gewissenhafteste Erfüllung des Judenthums sich bewähren. — Nach der Rede wurde Herr Dr. Klein von allen Seiten beglückwünscht. Es herrscht nur eine Stimme tiefster Hochachtung und Anerkennung über diese erste Amtshandlung. An dem zu Ehren Dr. Kleins veranstalteten Festbankete, das sich der synagogalen Feier anfchloß, nahmen 400 Personen Theil. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Harrison, der Vicepräsident Morton, der vormalige Präsident Cleveland und andere an der Spitze des Staats stehende Männer hatten herzliche Beglückwünschungsschreiben gesendet