Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-07-21 · Heft 57 (21.7.1890) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 57 (21.7.1890)
Date
1890-07-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448079--30406-2478182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1039 Eine belrcinttte Melodie. Eine Erzählung von B. Haus e. (Fortsetzung.) Die geschilderten Vorgänge hatten in weiten Kreisen Aufsehen erregt und ein grelles Licht auf die für Männer, denen erst ein so schweres und langwieriges Studium die Befähigung und Berechtigung zu diesem wichtigen Amte verschaffen kann, unsichere und unwürdige Stellung vieler Rabbiner der Jetztzeit in einem so großen Theile der Gemeinde geworfen. Wie mancher tüchtige Rabbiner mag sich unter diesem unnatürlichen Drucke schon genöthigt gesehen haben, sein bestes Können und Wollen zur Unthätigkeit zu verdammen! Wie mancher sehr befähigte junge Mann mag schon durch dieses arge Mißverhältniß vor der Ergreifung eines Berufes zurückgeschrcckt sein, dem er vielleicht zur Zierde hätte gereichen können! Auch bei Adolf Meseritzer war dieses Letztere der Fall gewesen. Unter dem Eindrücke des vor seinen Augen sich abspielenden Trauerspieles hatte er den Entschluß gefaßt, feinem Studium eine andere Richtung zu geben. Seine Eltern, ebenfalls aufs schmerzlichste von den berichteten Vorgängen berührt, gaben hierzu ihre Einwilligung, dem Sohne die Wahl der Fachwissenschaft überlassend. Dieser entschied sich für Philologie, um sich dem Hähern Lehrfache widmen zu können, da bei dem freiem Hauche, der seit dem Jahre 1848 Deutschland durchwehte, auch die Israeliten hoffen zu dürfen glaubten, an der Ausübung dieses Berufes an höheren staatlichen und städtischen Schulen durch konfessionelle Engherzigkeit des Staates fernerhin nicht mehr behindert zu werden. Er setzte das bisher noch nebenbei betriebene Talmudstudium ganz bei Seite und warf sich mit ungemeinem Eifer auf das Studium der alten und neuen Sprachen, so daß er bereits mit achtzehn Jahren die Gymnasialstudien vollendet hatte und das Gymnasium mit einem glänzenden Zeugnisse der Reise verließ. Er dachte in einigen Wochen schon die Universität zu beziehen, als sein Lebensplan abermals eine Umänderung erleiden mußte. Der warme Freiheitshauch des achtundvierziger Jahres war bald wieder durch eine, aus einem höhern Luftbereiche hervorquellende kalte Luftschichte, wenn auch nicht ganz verdrängt, doch so sehr mit kalten Lufttheilchen durchdrungen und erfüllt worden, daß die Eisblume Reaction gar gut in derselben zu gedeihen anfing. Die Juden, welche auf Grund ihres zum Staatsdienste berechtigenden Studiums auf staatliche Verwendung Anspruch machten, und zu diesen gehörten ja auch die Candidaten des höhern Lehrfaches, wurden zuerst von dem eisigen Odem der Reaction berührt, wie ja die Juden fast immer die ersten Opfer einer jeden rückläufigen Bewegung der Weltgeschichte gewesen sind! Ein der Heimathsstadt Meseritzer's angehörender jüdischer Studiosus der Philologie hatte seine Universitätsstudien bereits vollendet und war eben bei der Regierung vorstellig geworden, ihn irgend einem Gymnasium zur Ableistung des vorgeschriebenen Uebungsjahres zuzuweisen, hatte aber den Bescheid erhalten, daß israelitische Lehramtskandidaten an christlichen höheren Schulen, sei es nun im Staats- oder im städtischen Dienste, weder zur Ableistung des Uebungsjahres zugelassen, noch je Verwendung finden werden; nur bei einer specifisch israel. höhern Schule könnte das stattfinden. Da aber in ganz Deutschland nur drei specifisch isral. höhere Schulanstalten bestehen, so waren die Aussichten sehr beschränkt, und der vor ganz Kurzem noch so hoffnungverheißende Horizont zeigte plötzlich eine arge Trübung. Eine persönliche Vorstellung des jungen Candidaten beim Cultusminister lieferte kein anderes Ergebniß. Er theilte diese traurige Nachricht alsbald Adolf Meseritzer mit. Aus diesen hatte dieselbe die Wirkung eines kalten Sturzbades. Sie schlug alle seine Hoffnungen zu Boden. Nachdem er den ersten Schreck und die erste Niedergeschlagenheit überwunden hatte, erfaßten ihn gewaltiger Zorn und maßlose Erbitterung, und er schwur hoch und heilig, einem Vaterlande den Rücken zu kehren, das ihm nur Pflichten auflcge, ohne ihm auch die ihm zukommenden Rechte zu gewähren. Von diesem Augenblicke an stand der Entschluß fest bei ihm, nach Nordamerika auszuwandern, wo man solche Ausschließungen nicht kenne. Sein Vater, der in dem achtundvierziger Jahre schwere Geschäftsverluste erlitten hatte, welche sein Vermögen sehr geschwächt hatten, und dem es daher bei seiner zahlreichen Familie schwer geworden wäre, die Kosten des Universitätsstudiums für seinen Sohn zu erschwingen, gab, wenn auch mit schwerem Herzen, seine Einwilligung hierzu; die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.