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Der Israelit · 1890-07-21 · Heft 57 (21.7.1890) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 57 (21.7.1890)
Date
1890-07-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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1040 Mutter stimmte diesem Plane erst nach langem Zögern und vielen Thränen endlich auch bei. So war es gekommen, daß wir diesen, zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden jungen Mann jetzt in Amerika landen sehen. Ob es ihm dort gelingen wird? Sein Aeußeres ist ja ungemein bestechend und scheint einen gediegenen, festen Geist und ein warmempfindendes Gemüth widerzuspiegeln. Und vorsichtig, ist er ja auch zu Werke gegangen, um seine Hoffnung in der neuen Welt nicht auf einen Stein setzen zu müssen! Da man bekanntlich in Amerika nicht immer gleich in dem Fache Beschäftigung und Geltung erlangt, zu dem man sich in Europa vorbereitet hat, so hatte er sich, um sich für den Nothsall auch noch zur Verwendung im Geschäftsleben brauchbar zu machen, vor seiner Abreise nach Amerika ein Vierteljahr lang im Geschäfte seines Vaters mit der kaufmännischen Buchführung bekannt gemacht und war dann in einem befreundeten Bankhause ebenfalls drei Monate lang als Volontär als zweiter Buchhalter thätig gewesen. Was ihn bei seinen Mitreisenden so beliebt gemacht hatte, waren außer seinem freundlichen und liebenswürdigem Wesen einige besondere Eigenschaften, die wohl geeignet sind, einem Menschen gesellschaftliche Beliebtheit zu verschaffen. Er tvar ein ausgezeichneter Clavierspieler und vorzüglicher Sänger. Musikalisches Talent und stimmliche Begabung hatten sich in der Familie Kolischer'S fortvererbt. Die sämmtlichen Geschwister des Adolf Meseritzer trieben ein wenig Musik und waren gute Sänger; er aber war der ausgezeichnetste unter ihnen. Er sang einen prächtigen, gutgeschulten Heldentenor, der jeden Zuhörer entzückte. Als er nun eines Abends auf dem Verdecke saß und ein Mitreisender ein Lied auf einer Zither spielte, fing er plötzlich an, dieses Spiel mit voller Stimme zu begleiten. Alle auf dem Verdecke Sitzenden schnellten erstaunt in die Höhe und sahen nach dem -sänger hin, dessen Stimme so bezaubernd schön und so mächtig klang. Nach einigen Sekunden schon hatte sich ein großer Kreis von Zuhörern um die beiden Vortragenden versammelt. Auch der Kapi tän des Schiffes war voll Verwunderung herbeigeeilt, und da er ein guter Violinist war, so holte er eilends seine Violine herbei, und nach einigen Minuten rauschten die Tonwcllen eines anderthalbstündigen Concertes über das Verdeck und die stille Wasserfläche dahin. Da während der ganzen Reise das Wetter sehr günstig blieb, so wiederholte sich der Kunstgenuß an jedem Abende zum großen Vergnügen der sämmtlichen Mitreisenden. Das hatte Meseritzer bei den Mitreisenden so beliebt gemacht. Der Kapitän hatte außerdem in der Unterhaltung mit demselben bald herausgefunden, daß er hier einen wissenschaftlich gebildeten jungen Mann vor sich habe, und so hatte sich bald ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen Beiden gebildet, das sie so oft als möglich zusammenführte und ihnen die Reise sehr angenehm machte. (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, 25. Juli, 8. Ab. Samstag, 26. Juli. 9. Ab. pm ‘w onm. Sonntag, 27. Juli, 10. Ab. nmj 2N3 'ü. Sabbat-Ausgang 8 Uhr 40 Min. (Mainzer Uhr). Ausgang des Fasttags 8 Uhr 85 Min. Lübeck, 14. Juli. Vorgestern OM'2 'S 'p rQW, fand in Travemünde die Einweihung des neuen Betsaales statt. Der Besuch dieses freundlich gelegenen, von Lübeck nur 40 Minuten entfernten Seebades von seiten religiöser Glaubensgenossen hat von Jahr zu Jahr so sehr zugenommen, daß die Lokalitäten des dortigen Restaurateurs Joseph Goldschmitt durchaus nicht mehr hinreichteu. Er hat sich nun ein eigenes, schönes und großes Haus gekauft in nächster Nähe des Kurhauses und der Badeanstalt, dasselbe mit einer ca. 80 Personen fassenden Veranda rings umgeben und einen herrlichen, luftigen, mindestens für 150 Personen reichlich Raum gewährenden Speisesaal angebant. Das freiliegende, vom Straßengeräusch entfernte, auf den Kurgarten gehende Hotel ist eines der schönsten, jüdischen Hotels, die ich je gesehen. Die Einrichtung ist sowohl den Anforderungen der Neuzeit vollkommen entsprechend, als auch namentlich den religiösen Ansprüchen durchaus genügend. Es ist eine besondere „fleischige" und eine ganz davon getrennte „milchige" Küche vorhanden; der große riSlLk-Ofen, in welchem für eine noch so große Zahl von Gästen Essen „gesetzt" werden kann, ist verschließbar, so daß ohne Wissen der Hanssrau niemand an das Feuer und die Speisen gelangen kann; die, streng religiöse, gewissenhafte und fleißige Wirthin ist stets selbst bei der Hand; Herr Golbschmitt, der Sohn des bekannten ->SD in Hamburg, war bereits, ehe er die Restauration besaß, allgemein als streng religiöser Mann bekannt, so daß ich in der Thal keine Restauration kenne, in welcher man niit größerer Beruhigung essen könnte als in dieser. Milch wird eingemolken, Wein nur von den zuverlässigsten Handlungen bezogen, Brod backt Frau Goldschmitt für solche, die "D^S NSI2 *inu in ihrem eigenen Ofen. In der Etage sind eine größere Anzahl von gut eingerichteten Logirzimmern. Das geräumigste dieser Zimmer nun hat das Eomitö der Kurgäste, an dessen Spitze Herr Arni m I o s e p h a t aus Hamburg und Herr Jacob W ü r z b u r g aus Lübeck stehen, von dem Besitzer gemiethet und zu einem freundlichen Betsaal einrichten lassen. Die Einweihung dieses EHpis UJ?D fand nun, wie bereits bemerkt, nstt' statt. Die Feier war naturgemäß schlicht und bescheiden und doch für alle Theilnehmer erhebend und weihevoll. Außer den anwesenden Badegästen waren auch der Gemeindepräses von Lübeck, Herr H. Meyer und das Vorstandsmitglied Herr H. Mechlenburg, der Einladung gefolgt. — Der bis dahin trübe und regnerische Himmel ward durch diese Einweihung freundlich gestimmt. Er lächelt seither in unbewölkter Bläue mit mildem warmen Sonnenstrahl. Hoffentlich lockt er recht viele Badegäste nach Travemünde und erblickt in dem freundlichen Betsaale täglich die nöthige Anzahl Andächtiger zu gemeinsamem Gebete. Dr. Carlebach, Rabbiner.

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