Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-07-21 · Heft 57 (21.7.1890) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 57 (21.7.1890)
Date
1890-07-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448079--30404-2478180
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 57 des „Israelit & Ieschurun? Literarischer Wericht. Frankfurter Israelitischer Volks-Kalender nebst Jüd. Hotel-Adreßbuch. Achter Jahrgang. Vom 15. September 1890 — 2. Oktober 1891. Frankfurt a. M. 1890. I. Kauffmann. 81. Mit dem neuen Frankfurter Kalender ist wieder der alte frohlaiinige Jahrcsherold erschienen, und auch dieses Mal in einem so schmucken und liebenswürdigen Gewände, als ob er uns nur herrliche Tage und glückliche Stunden künden wollte. Der Kalender ist uns ein alter werther Gast geworden, der gleich jenem klassischen fremden Mädchen einem jeden eine Blüthenspende reicht, und einen Gast muß man mit freundlichem Anblick begrüßen. Aus dem reichen Inhalt heben wir in erster Reihe eine köstliche Humoreske „Die drei Sterne" von M. Brensch hervor. Der Verfasser ist uns unbekannt, um so bekannter sind die köstlichen Typen, welche er aus der israelitischen Gemeinde einer Kreisstadt von 5000 Einwohnern mit siegendem Humor zeichnet. Es ist Sabbat Abend, die Beter harren vor der „Schul", denn noch funkeln nicht die drei Sterne. Man plaudert, man scherzt, man kritisirt. Manch prächtig „Wörtchen" Mt und manch herbes Wort. Da die Gemeinde mit dem Siegespsalm „l’dowid boruch“ die Prinzessin Sabbat verabschiedet, will Rabbi Dowid seinen jungen Freund Boruch von den paradiesischen Wonnen der Ehe überzeugen. Doch der hüllt sich resignirt in einen bangen Weltschmerz, denn er wartet auf die 3 Sterne: „Schönheit, Frömmigkeit, Geld." Der hartnäckige Glücksvermittler will ihm sein Ideal im Gotteshause zeigen noch vor der Habdala; zweifelnd folgt Boruch. Zwar sind draußen die drei Sterne aufgegangen, drinnen aber noch nicht. Nur die uralte runzliche Brendelche und das etwas jüngere Veilchen schmücken mit ihrer Anwesenheit die Frauensynagoge. Da, vor der Habdala sieht er die Sterne: „wihi noam“ (sie muß schön sein), „weato kodausch“ (sie muß fromm sein), „weiten lecho“ (sie muß reich sein). Boruch heirathet, aber mit anderen, herrlicheren Gütern als Schönheit und Geld; er ist gesegnet, in drei prächtigen Kindern gehen ihm die drei Sterne auf, sie heißen Lebrecht, Fritz und Felicia — Chajim, Scholaum und Brocho. Das Ganze ist witzig erdacht, und wer sich über ein langweiliges Viertelstündchen angenehm hinwegtäuschen will, lese die Humoreske, und ein sonniges Lächeln wird die griesgrämigen Falten glätten. Der historisch wissenschaftliche Theil ist mit einer Arbeit des Dr. S u l z b a ch über den „Brand der Judengasse zu Frankfurt am Main im Jahre 1711" vertreten. Wie alles, was der Feder des Herrn Dr. Sulzbach entflossen, ist auch dieser Aufsatz gediegen und vortrefflich. Der Vers, führt uns in die sagenumwobene Judengasse des altberühmten Frankfurt a. M., er schildert den „großen Brand", der an einem kalten Januartage im Hause des Rabbi Naphtali Kohn ausbrach, er zeichnet das Schicksal dieses Gelehrten und erzählt uns von dem Aufsehen, welches das Ereigniß weithin geweckt. Auch die Frankfurter Gasse hat ihre große Geschichte, die Blätter ihrer Denkwürdigkeiten wissen von Blut und Thränen, von Rettung und Freuden zu melden. Aus der Judengasse ist die Börnestraße geworden, auf Druck und Finsterniß ist Freiheit und Morgenröthe gefolgt. Auch hier hat der Weltenlenker so wundersam gewaltet. Außer diesen beiden hervorragenden literarischen Beiträgen enthält der Kalender die Biographien und Bildnisse des Ober-Rabbiners Adler h“', und des unverge^lichen Dr. Lehmann I. Schwanthaler bringt einen sehr interessant geschriebenen Aufsatz über S a l o m o n Sulz er. Der Kalender selbst enthält alles Wissenswerthe, ein vollständiges Kalendarium, den Beginn der Gottesdienste, einen deutschen Kalender von 1891 (warum nicht auch für 1890?) und noch viele andere Dinge. Das dem Kalender beigegebene jüdische Hotel-Adreß-Buch hat einen sehr problematischen Werth. Eine rituelle Gewähr übernimmt die Redaction des Kalenders nicht, und es ist gut, daß sie es nicht thut, denn wir lesen unter den Hotels zahlreiche Adressen, bei denen von einem jüdischen Restaurant keine Rede sein kann, die vielmehr notorisch absolut trefene Tafel führen. Also wir möchten entweder nur solche Restaurants erfahren, die sich als rituell wenigstens selbst ausgeben, so daß dem Reisenden die Recherche überlassen bleiben muß, oder wenn das nicht möglich ist, dünkt es uns weit vortheilhafter, wenn das Adreßbuch in Zukunft ganz fortfällt. Und fürwahr, der Frankfurter Kalender ist kalendarisch und literarisch, inhaltlich und äußerlich so vortrefflich ausgestattet und dabei so wohlfeil zum Verkauf gesetzt, daß er auch ohne diese Beigabe sicher in vielen jüd. Häusern ein willkommener Freund und Rathgeber sein wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.