Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 57 (21.7.1890)
- Date
- 1890-07-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1036 vollständig gesühnt hatte, das hatte den sonst so ruhigen Mann so vollständig aus dem Gleichgewicht gebracht, daß seine Frau ernstlich für seine Gesundheit besorgt war. Sie hatte bereits wiederholt ihren Neffen zu Rathe gezogen, der, nachdem er sein Staatsexamen abgelegt, sich als Arzt etabliri hatte. Doch was konnte der Arzt gegen Gemüthsaufregung empfehlen? „Der Onkel muß vernünftig sein," hatte Max gesagt — doch das war leichter gesagt als gethan. Von Woche zu Woche steigerte sich die Aufregung des Vaters — wenn nur wenigstens Nachricht von ihm käme. — Was er fürchtete — mit Bestimmtheit wußte er es selbst nicht zu sagen. Regte sich ein Lüftchen, so wähnte er ihn auf hoher Sec, während er sonst die Vermuthung aussprach, daß Krankheit ihn zurückhalte. Endlich, endlich kam der so heiß ersehnte Brief. Es war schon gegen Abend, als Frau Bärwald von dem Postboten zwei Briefe in Empfang nahm, die beide mit einer amerikanischen Postmarke versehen waren. Ohne die Aufschrift näher zu betrachten, eilte sie in das Zimmer und rief schon von der Thüre aus ihrem Manne zu. „Zwei Briefe von Adolf, setzt wirst Du doch endlich ruhig sein." „Gott sei Dank!" entgegnete Bärwald, indem er die Briefe in Empfang nahrn, „jetzt werden wir doch wenigstens erfahren, wann wir ihn erwarten können." Während seine Frau die Lampe anzündete, erbrach er den einen Brief und las: „Liebe, theuere Eltern! Ich bin so glücklich — Ihr habt mir längst verziehen — und nun hat auch Steinheim mir vergeben — da darf ich doch mit Zuversicht auf Gottes Gnade hoffen — denn seit vierzehn Jahren habe ich wissentlich keines Seiner Gebote übertreten. — Liebe Eltern, nochmals danke ich Euch für alles — für alles. — Lebet wohl! — grüßet meine Schwester. — Denket stets nur in Liebe und Vergebung an Euren Sohn Ad" Der Brief war ersichtlich mit schwacher, zitternder Hand geschrieben, auch Bärwald's Hand zitterte, während er ihn las und sein Gesicht war leichenblaß als er es zu seiner Frau emporrichtete. „Verstehst Du das?" fragte er, „er schreibt kein Wort vom Kommen." Sie preßte die Lippen aufeinander und öffnete das zweite Schreiben. Es war von Steinheim. In schonendster Weise setzte derselbe die Eltern von dem Ableben des Sohnes in Kenntniß, berichtete über seine letzten Tage und sprach von ihm in den achtungsvollsten Ausdrücken. Schließlich fügte er hinzu, daß er dessen Hinterlassenschaft ihnen sofort zusenden werde. Bärwald's Schmerz war grenzenlos. Aller- Kummer, den ihm Adolf einst bereitete, war nicht nur längst vergeben, er war auch längst vergessen und er hatte den Sohn so innig geliebt, als hätte ihm derselbe nie auch nur eine trübe Stunde bereitet. — Er litt unsäglich, und seine Gattin, die ihn leiden sah, litt kaum weniger als er. Dennoch gewährte ihm Adolfs letzter Brief einen großen Trost durch die Versicherung, daß sein Sohn in den letzten vierzehn Jahren wissentlich kein Gottesgesetz übertreten hatte. Das wiederholte ihm seine Frau Tag für Tag, das wiederholte er sich selbst unaufhörlich, und an diesem Gedanken richtete er sich bald wieder auf. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen «N. — Durch öett Kltchhaitiel ju bestehen bei E. F. Steinarker, Leipzig« NoKptuy 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile ober deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Warum ging der jüd. Staat unter? (Schluß). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Darmstadt. Worms. Wiesbaden. Altona. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. Päpa. SzilLgy - Somlyö. — Frankreich: Paris. — Rußland: 3 mal Petersburg. Odessa. — England: London.— Feuilleton: Waltungen. Inhalt der Beilage; Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Hechingen Halle. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: 2 mal Wien. — Feuilleton: Eine bekannnte Melodie. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „JSraelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Dr:,3 und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.