Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1890)
- Date
- 1890-07-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1022 Feuilleton. Eine bekannte ölflobic. Eine Erzählung von B. Hause. (Fortsetzung.) Im Jahre 185 . fuhr in einer Vormittagsstunde ein deutsches Auswandererschiff, nachdem die Zollförmlichkeiten erledigt waren und der Gesundheitszustand der Ankömmlinge sich bei der vorschriftsmäßigen ärztlichen Untersuchung als zufriedenstellend gezeigt hatte, in den Hafen New-Aork's ein. Gegen fünfhundert Auswanderer ergossen sich aus dem mächtigen Schiffskörper in die Stadt. Es waren unter diesen alle Gesellschaftsschichten vertreten- Bauernfamilien, den verschiedenen Gegenden Deutschlands entstammend und in die verschiedenartigsten, wunderlichsten Trachten gekleidet, mit zahlreichen Kinderschaaren und Kisten und Zwergsäcken ohne Zahl; städtische Handwerker mit ihren Frauen, in spießbürgerlicher Ausstattung und von gedrücktem Aussehen, denen der langjährige, schwere Kampf um's Dasein bereits tiefe Sorgenfurchen auf die Stirn und in das Angesicht gezeichnet hatte, und deren sie umgebender reicher Kindersegen den Staaten der neuen Welt einen kräftigen Einwohnerzuwachs versprach; zweifelhafte Gestalten von wenig vertrauenerregendem Aussehen, deren Kleidung selbst in ihrer Abgetragenheit noch Zeugniß davon gaben, daß ihre Eigentümer einst bessere Tage gesehen haben; ernste, gutaussehende und gutgckleidete Männer der Wissenschaft und des Handels, die zu wissenschaftlichen oder zu geschäftlichen Zwecken diese weite Reise unternommen haben; junge, sowie den reiferen Jahren schon nahestehende, mit Schönheit begabte, sowie der Schönheit entbehrende Mädchen, welche der Hoffnung lebten, vielleicht in der neuen Welt in den Hafen der Ehe einlaufen zu können, welchen die alte Welt ihnen nicht öffnen zu wollen schien, und Jünglinge, die dort eine bessere, lohnendere Betätigung ihrer Fähigkeiten und Kräfte zu finden hofften, als die alte Heimath ihnen bot. Zu diesen Letzteren gehörte auch der junge Mann, mit dem sich unsere Erzählung nunmehr zu beschäftigen haben wird. Der Schiffskapitain hatte sich von ihm, obgleich er nur Zwischendeckpassagier war, so warm und so herzlich verabschiedet, daß man es leicht merken konnte, wie sehr er bei demselben in Gunsten stand. Auch viele andere Mitreisende gingen, trotz der sie alle beherrschenden unruhigen und ängstlichen Hast, mit der sie nach der angelegten Uebergangsbrücke hindrängten, nicht an ihm vorüber, ohne sich durch Händedruck oder doch wenigstens durch ein freundliches Kopfnicken von ihm zu verabschieden. Wer ist dieser hübsche, junge Mann mit dem blassen, geistreichen Gesichte? Sein Name ist Adolf Meseritzer, aus einer der größten Städte Pommerws gebürtig und Sohn des uns bereits bekannten Joseph Meseritzer, Schwiegersohnes Michel Kolischer's. Er ist der drittgeborne Sohn seiner mit einer Nachkommenschaft von acht Söhnen und zwei Töchtern gesegneten Eltern. Sein Vater hatte ihn, da er geistig sehr gut beanlagt war, für das theologische Studium bestimmt. Er mußte sich daher schon in seinem neunten Jahre mit dem Talmudstudium befassen; von seinem zehnten Jahre an ließ ihm sein Vater in den Gymnasialfächern Privatunterricht ertheilen. Er zeigte eine so glückliche Fasfungsgabe, daß er im Alter von 14 Jahren schon in die Untersekunda des Gymnasiums ausgenommen wurde. Zwei Jahre später, als er eben in die Unterprima eingetreten war, erlitt sein Studienplan in Folge eines, in der israelitischen Gemeinde seiner Vaterstadt stattgefundenen Vorkommnisses eine Änderung. An der Spitze der in Rede stehenden Gemeinde stand nämlich ein sehr tüchtiger Rabbiner, ein echt religiöser Mann mit reichem Wissen sowohl auf jüdisch-theologischem Gebiete, als auch in den erforderlichen profanen Wissenschaften ausgestattet und im Besitze einer guten Rednergabe. Wenn wir sagen: „An der Spitze der Gemeinde", so bedienen wir uns nur eines landläufigen Ausdruckes, welcher allerdings das Verhältniß, in welchem der Geistliche in allen im Gemetndeleben und in den Gemetndeanstalten auftauchenden und zur Geltung kommenden rein religiösen Fragen und Anordnungen zur Gemeinde stehen soll, auf's genaueste bezeichnet. Leider ist das Verhältniß nicht überall dieser Art und war es auch in der hier in Rede stehenden Stadt nicht. Auch in solchen Fragen behält sich in vielen Gemeinden der Vorstand der Gemeinde, beziehungsweise das Repräsentantenkollegium, das erste und letzte Wort vor, wodurch der Rabbiner in vielen wichtigen geistlichen Angelegenheiten zum blosen Werkzeuge der vorftandlichen Beschlüsse herabgedrückt wird. Um dieses zu ermöglichen, hat sich in vielen Gemeinden der Brauch Geltung verschafft, ihre Rabbinen immer nur provisorisch auf 5 oder höchstens auf 10 Jahre anzuftellen und diesen nie oder doch in sehr seltenen Fällen eine definitive Anstellung folgen zu lassen, sondern das Verhältniß immer nur in derselben provisorischen Weife zu erneuern. Dieses stets über dem Haupte des Rabbinen hängende Damokles-