Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1890)
- Date
- 1890-07-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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999 Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 7. Juli. Der Wirth der ehemaligen Ansbacher und späteren Löwenbräu-Bierhalle, in welcher sich die Antisemiten ihr Rendezvous gegeben haben, Herr Johann Steinbach, befand sich heute unter der Anklage der verschuldeten Crida vor Gericht. Es ist dies jenes Etablissement, in welchem die Antisemiten lärmende Scenen aufführten und so recht unter sich waren, weil ruheliebende Menschen solche Gesellschaft sorgfältig meiden. Hier war es auch, wo ein Parteiführer, welcher sich seiner concilianten Umgangsformen rühmt, zum Gaudium einer Schaar von Freunden eine Puppe, die einen polnischen Juden darstellte, an einem Galgen aufhängte. Die Herren unterhielten sich prächtig, die Wirthe der Bierhalle jedoch gingen dabei zu Grunde. Herr Johann Steinbach gab in der wider ihn eingeleiteten Untersuchung als eine der Ursachen seines Ruins an, daß sein Geschäft unter den darin betriebenen Antisemiten-Hetzen litt, welche demselben das Publikum entfremdeten; er fügte hinzu: daß diese Zustände von seinem Vorgänger cultivirt worden seien. Indessen war auch Herr Steinbach Schriftführer einer Fraction von Gastwirthen, welchen antisemitische Gesinnung nachgesagt wurde, und ein Zeuge legte ihm „politische Aspirationen" zur Last, durch welche er sein Unternehmen vernachlässigte. Die Aktiven des Angeklagten belaufen sich auf 5149 st., die Passiven auf 50,524 fl. und 13,600 Mark. Er wurde zu einem Monate Arrest verurtheilt. Italien. Rom, 1. Juli. Die jüdische Gemeinde in Ferrara hat einen schweren Verlust erlitten. Ihr allgemein verehrter und beliebter Rabbiner Leonello Finzi hat sic in Folge eines höhern Machtspruches für immer verlassen, um in das Jenseits hinüber zu gehen. Auf Anordnung der Gemeinde wurde die irdische Hülle des theuren Verstorbenen in die aus diesem Anlasse schwarz drappirte Synagoge verbracht, wo dann an der Bahre eine Elegie in hebräischer Sprache vorgetragen wurde. Der Verstorbene hatte diese Elegie schon vor Jahren bei Anlaß eines Trauerfalles verfaßt. Nach dem Akt im Gotteshause wurde die Bahre auf den Leichenwagen gelegt und nach dem jüdischen Friedhofe überführt. Am offenen Grabe hielt der Oberrabbiner, Prof. Jarö, dem Heimgegangenen einen tiefempfundenen Nachruf, in dem er aus die seltenen Tugenden desselben gepaart 1 mit einer strengen Gottesfurcht hinwies. Es folgten dann noch Reden vom Präses der Cultusgemeinde, vom Vicepräses der jüdischen Schulen und schließlich von einem Schüler des Dahingeschiedenen. Während des Leichenbegängnisses waren sämmtliche jüdische Geschäftsläden in der Stadt geschlossen. Der jüdische Parlaments-Deputirte Franchetti hat, wie Sie bereits berichtet, gratis pro tempore das Amt eines Ackerbaurathes in der Kolonie Eritrea (so heißen jetzt die italienischen Besitzungen an der abessynischen Küste) angenommen. Herr Franchetti will den Versuch machen, einen Theil der italienischen Auswanderer nach diesen Gebieten zu leiten und dieselben dort anzusiedeln. Bei den partiellen Gemeinderathswahlen, die kürzlich hier in Rom stattgefunden haben, wurden die israelitischen Mitbürger Piperno und Guastalla wieder- und Herr Modigliani neugewählt. Der Postdirektor in Turin, Herr Salomon Momigliano wurde in den Ritterstand erhoben. Der bekannte jüdische Ingenieur Luzzatti, der am Hofe des Königs von Siam lebte und von diesem freisinnigen asiatischen Monarchen oft mit wichtigen Missionen betraut wird, hat kürzlich wieder seine italienische Heimath besucht, bei welcher Gelegenheit er abermals mit der Ueberbringung eines Schreibens seines Gebieters an König Humbert beauftragt wurde. König Humbert empfing Herrn Luzzatti in Privataudienz und zeichnete ihn auch noch besonders aus. Afrika. Orarr. In Sidi-bel-Abbös starb Herr Moses Benaceu im Alter von 114 Jahren. Er war Waffenträger des Emir Abd-el-Kader bei seinen Kämpfen in Afrika gewesen. Seine noch lebende Frau soll noch älter als er sein. Cairo. Obgleich die gegen die Juden in Damaskus erhobene grundlose Blutbeschuldigung Dank der Energie der Regierung im Sand verlaufen ist und weiter keine Folgen hatte, fahren die arabischen Zeitungen in Alexandrien und dahier fort, immer wieder dahinzielende aufreizende Artikel zu veröffentlichen. Das dahier erscheinende arabische Journal „El Mahroufsa" beschuldigt sogar den Gouverneur und die betreffenden Aerzte in Damaskus, daß sie sich von den Juden hätten bestechen lassen. Das antisemitische Auftreten dieser Tagesblätter ist dazu angethan. den Frieden zwischen den verschiedenen Confessionen zu zerstören. Alle von den Spitzen der jüdischen Gemeinde dagegen unternommenen Schritte sind bisher fruchtlos geblieben.