Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1890)
- Date
- 1890-07-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1000 Kerri Ue ton. Eine klmttnf« Eine Erzählung von B. Hanse. (Fortsetzung.) Zehn Jahre waren seit den in Vorgehendem erzählten Ereignissen verflossen. Zehn Jahre unter dem, in den letzten Jahrzehnten der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts allmählich immer mehr eilenden Flügelschlage unserer Zeit! Alte und doch neue beglückende Wahrheiten und Lehren hatten im Laufe des Jahrhunderts und kurz vor dem Beginne desselben schon einmal die Geister der europäischen Völker durchrauscht und aufgerüttelt, waren aber dann gewaltsam wieder — vernichtet, nein, das war nicht möglich! — wohl aber in den Hintergrund gedrängt worden, wo sie dann, wie ein heiliges Feuer, mitten unter der Asche alter Vorurtheile langsam fortglimmten, bis dann und wann zuweilen ein frischer Lufthauch der Zeit über den Gltmmhaufen hinfuhr und ihnen wieder zu neuem Aufleuchten verhalf, der Welt zeigend, daß ewige Wahrheiten sich nicht ertödten lassen, daß sie in den bessern Geistern ewig fortleben, und daß der Fortschritt der Menschheit darin besteht, daß der Kreis dieser Wahrheiten sich immer mehr erweitere, bis olle Geister und alle Herzen von der Erkcnntniß dieser menschenbeglückenden Wahrheiten erfüllt sein werden, wie Wasser das Meer bedeckt. Die vor dreitausend Jahren am Sinai verkündeten Lehren von der Zusammengehörigkeit der Menschen, der Gleichheit und Brüderlichkeit derselben und der daraus sich ergebenden unveräußerlichen allgemeinen Menschenrechte hatten, wie gesagt, weil lange unterdrückt, zurückgedrängt und vergessen, sich damals leider! erst unter schweren Zuckungen und blutigen Wehen der menschlichen Gesellschaft wieder an die Oberfläche der Geschichte emporzuarbeiten vermocht und waren von der erstaunten Menschheit als eine neue Offenbarung, als eine ihnen bis jetzt ganz unbekannte, weil abhanden gekommene, Heilsverkündigung ausgenommen worden. Die Menschen scheinen aber nicht dazu bestimmt, die Wahrheit im Sturmschritte zu erobern und sich zu eigen zu machen. Der Entwickelungsgang der Menschheit gleicht der Fortbewegungsart der Känguruhs, welche auf ihrem Wege immer mehrere Schritte vorwärts und dann wieder einige rückwärts gehen, aber dabei dennoch, wenn auch langsam, nach vorn weiterrücken. Was mit dem Menschengeiste gänzlich verwachsen und zusammenschmelzen soll, muß erst vielmal durch das Feuer gehen, bevor die Vereinigung sich vollständig vollzieht. Das hatte sich auch damals wieder gezeigt. Die mit Jubel begrüßte altneue Lehre hatte zwar viele Geister uud viele Herzen dauernd gewonnen; ihre praktische Giltigkeit aber blieb inmitten der europäischen Menschheit auf engem Raum beschränkt. Das Jahr 1830 hatte wieder ein helles Aufleuchten dieser unvcrtilgbaren, Vielen so unbequemen Erkenntnißflamme zu verzeichnen, das zwar die Herzen aller im Staate und in der Gesellschaft sich bedrückt und zurückgesetzt Fühlenden, wie immer, mit Hoffnungen erfüllte, aber durch die Fehlschritte vieler seiner Bannerträger und durch die Ungunst seiner Feinde und Widersacher bald wieder zum Stillstände gebracht wurde. Aber auch hier, wie bei jedem neuen Aufleuchten, zeigte es sich, daß diese Flamme bei jedem erneuten Hervorbrechen ihre Licht- und Wärmewirkung immer weiter und weiter ausdehnt, und das ist — der Trost aller Besser!! und der Besten unter den Menschen! Die angeführten am Sinai zuerst verkündeten und daher von der Religion geweihten sogenannten Humanitätslehren, welche wir um so eher so nennen dürfen, als wahrhafte Religiosität von wahrer Humanität sich nicht trennen läßt, und welche die von unseren heiligen Religionsurkunden zuerst aufgestellten Grundprinzipien einer humanen Gestaltung der menschlichen Gesellschaftsordnung in sich schließen, haben in unserem gottgesegneten Jahrhunderte eine unwiderlegbare Zeugenschaft und mächtige Gehilfen erhalten. Es find dieses die Erfindungen der aufgeweckten Geister begabter Menschen, welche unser Jahrhundert zu seinen Ergebnissen zählt. Die Dampfkraft und die Elektricität rücken die Völker einander näher, erweitern ihre Gesichtskreise, machen die Genreinschaftlichkeit ihrer Interessen immer sichtbarer uud tiefergreifend, ihre gegenseitigen Beziehungen immer enger und unabweisbarer, die Gefahren engherziger Absonderung und Ausschließung immer schwerwiegender, die Erkenntniß der Gleichheit und Uebereinstimnlung des Grundwesens der geistigen und körperlichen Beschaffenheit aller Menschen, trotz der Verschiedenheit der äußeren Erscheinung und Kundgebung, immer unwiderlegbarer, so daß aus diesem Allem mit unerschütterlicher Ueberzeugungskraft die alttestamentliche, auch jetzt von der unparteiischen Wissenschaft anerkannte Lehre sich uns aufdrängt: die sämmtlichen Menschen sind eines und desselben Ursprunges, Kinder eines und desselben Elternpaares, machen nur eine Familie aus und sind auch bestimmt hierzu, sie gehören zu einander, sind auf einander angewiesen und ergänzen sich gegenseitig einander, und Gleichheit und Brüderlichkeit sind die rechten Worte, in welche