Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1890)
- Date
- 1890-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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auf uns herabblickende Himmel erscheint uns dann als ein dünner Schleier, der die Schönheit weit mehr durchblicken läßt als verhüllt, der zündende Blitz als ein leuchtender Lichtstrahl, der Donner als Chorgesang, der in Strömen niederstürzende Regen dünkt uns erfrischender Frühlingsthau, die mit Miasmen geschwängerte Lust von aromatischem Dufte erfüllt und das Summen der Insekten erhabene Symphonie. Die Scenerie ändert sich sofort, sobald unsere fröhliche Stimmung einer trüben und düsteren weicht. Der Kummer und die Trauer in unserem Herzen deckt über die ganze Natur ein Leichentuch. Es können uns in einem freudigen Augenblicke die Eindrücke der Natur zu hochpoetischen Ergüssen begeistern und in einem ernsten Momente mag uns die Erde als Jammerthal, als Schauplatz ewiger Qualen und böser Geister erscheinen. Auch die Verschiedenheit der philosophischen Systeme haben neben der anders gearteten Natur der Geisteskräfte auch die verschiedenen Gemüthsstimmungen ihrer Schöpfer lzur Ursache. Ist aber die normale Gemüthsstimmung unerläßliche Bedingung bei Beurtheilung der Natur, wie erst, wenn wir die Ereignisse unseres eigenen Lebens in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, und darum ruft der göttliche Psalmist: -jp-is ’tsstro by "f? nmn^ dip« nW> man. „In der tiefen Stille der Nacht, vom Gewühle der Welt und ihrem Einflüsse fern, dem unmittelbaren Eindrücke der Begebenheit entrückt, von jedweder überwallenden und überschäumenden Gemüthsstimmung frei, erhebe ich mich, um meinen Lebensgang prüfenden Auges zu überblicken und das Ergebniß dieses Nachdenkens in normaler Gemüthsstimmung ist, daß ich Dankeslieder anstimme für die in den Schickungen und Gestaltungen meines Lebens sich äußernden Rechtssprüche Deiner Leitung." Die Wüstenwanderung Israels war ein 40 Jahre lang währendes Wunder, die mächtigen Ereignisse verkündeten mit Flammenzungen den Israel zu Theil werdenden göttlichen Schutz. Die ununterbrochene Kette der wunderbaren Ereignisse konnte jedoch diesen das Gepräge des Natürlichen geben, ihren Zweck, Israel an Gott zu knüpfen, verfehlen lassen, und doch sollte die Wüstenwanderung zugleich eine Erziehungsschule für Israel sein. An der Schwelle des gelobten Landes läßt deßhalb der göttliche Erzieher die ganze Wüstenwanderung noch einmal vor dem Geiste des Volkes vorüberziehen, macht bei einem jeden Zuge derselben nur eine kurze Pause, nennt blos den Namen des Ortes, wo sie geruht, prägen sich ja ungewöhnliche Ereignisse so mächtig unserem Geiste ein, daß ein einziges Erinnernngswort htnreicht, um sie in ihrer ganzen Tiefe und Größe in uns entstehen zu lassen. Den Ereignissen entrückt, in normaler Gemüthsstimmung. sollte Israel die verschiedenen Perioden seines Wüftenzuges reiflich überlegen, um das gewonnene Resultat, das Bewußtsein des göttlichen Schutzes, als Errungenschaft der Wüstenwanderung mit in's gelobte Land zu nehmen, damit es mit vollem Vertrauen zu Gott und voller Hingebung au Sein Gesetz erfüllt werde. d.tnsiö nN wo niro’i orvyßDb. Moses verzeichnete ihre Züge nicht, um der künftigen Forschung über Israelis Wüstenwanderung historische Daten zu liefern, ihm schwebte bei der Aufzeichnung der Züge deren Ergebnisse und Endresultate vor, das Israels Herzen einzuprägende Bewußtsein, 'i 'v by. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin. Professor Adolf Harnack bespricht in der „protestantischen Kirchenzeitung" den evang.- socialen Kongreß, welcher am 28. uud 29. Mai in Berlin stattgefunden hat. Wir entnehmen dem Aufsatze folgende Stelle, welche für jüdische Leser von besonderem Interesse ist: „Endlich gilt es, noch einen Punkt ins Auge zu fassen und vor der Beschäftigung mit ihm zu warnen: das ist die Judenfrage. Es mag eine Judenfrage im nationalen und im wirtschaftlichen Sinne geben — ich weiß das nicht und bin darüber nicht competent —, das aber weiß ich, daß den Antisemitismus auf die Fahnen des evangelischen Christenthums zu schreiben, ein trauriger Scandal ist. Die, welche das gethan haben, haben freilich immer das nationale und wirthschaftliche Interesse mit hineingezogen, weil sie als Christen hätten schamroth werden müssen, wenn sie einfach im Namen des Christenthums die Parole des Antisemitismus ausgegeben und das Evangelium in einen neuen Islam verwandelt hätten. Aber wer kann leugnen, daß auch das geschehen ist' Das heißt aber die Macht, welche dazu in der Welt ist, die Gegensätze der Racen und Nationen zu mildern und Menschenliebe selbst dem Feinde gegenüber zu erwecken, in entgegengesetzter Richtung mißbrauchen. Wir dürfen voraussetzen, daß auf dem Congreß, der der Verbrüderung dienen soll und nicht der Vergiftung, kein Versuch gemacht werden wird, die „Judenfrage" hineinzuziehen. Sollte er gemacht werden, so wird eine kräftige Abwehr nicht fehlen." Hechingen im Juli. Cultusminister von G o ß l e r besuchte bei seinem jüngsten Aufenthalte dahier auch die hiesige jüdische Schule. Er prüfte die Schüler und sprach Herrn Lehrer Levi gegenüber seine volle Zufriedenheit über die Leistungen derselben aus. Leipzig. Wegen Theilnahme an einer Pistolenmensur hatten sich gestern der Sind. jur. I. E. Lehmann (Sohn Emil Lehmanns aus Dresden)