Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1890)
- Date
- 1890-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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990 Nach unmittelbarer Rettung aus einer Gefahr, die uns mit dem Untergange bedrohte, wenn die Schauern des Todes unser Inneres noch durchzittern, erheben wir dankerfüllt unser thränenfeuchtes Auge gen Himmel; in freudigen Momenten unseres Lebens werden wir von der unser Herz durchflutenden Wonne in die Höhe getragen und lassen, hingerissen durch die Macht unseres Gemüthes, Dankeshymnen zum Allgütigen emporsteigen. Die Freuden- und die Schmerzensthränen, sie bauen eine Brücke zwischen Himmel und Erde, und so verschieden auch die Strahlen des Gottvertrauens an derselben sich brechen, sie gleichen dem farbenreichen Regenbogen, der bei all' seiner Mannigfaltigkeit sein Dasein dem einen Sonnenlichte dankt. Hören wir nun in solch' höheren Momenten des Lebens auf, dem Fortschritte zu huldigen, entschwinden in solchen Augenblicken alle Errungenschaften der Zeit plötzlich unserem Gesichtskreise, sollten diese mächtigen Faktoren des Aufschwunges eine solch' unbedeutende Begeisterung in uns Hervorrufen, daß sie von den Freuden- und Schmerzeswellen spurlos hinweggeschwemmt werden könnten? Der Mangel an Gottvertrauen hat seinen Grund in dem raschen und stürmischen Dahinleben unserer Zeit, in Folge dessen die Geschichte und die Begebenheiten nicht die ihnen gebührende aufmerksame Beachtung und Betrachtung finden. Es ist nicht nöthig, sich erst zum Bewußtsein zu bringen, daß die Atmosphäre, in welcher wir leben, von zerstörenden Kräften erfüllt ist, die, in wilden Ausbrüchen sich äußernd, ganzen Nationen den Untergang bringen können, daß im Schooße der Natur Elemente sich mischen, verbinden, entzweien und bekämpfen, die, sich selbst überlassen, den ganzen Erdkreis in eine Einöde verwandeln würden, daß wir außer Stande, die Luftströmungen zu leiten, daß sie nicht zum schrecklichen Orkane werden, daß wir unvermögend, die entfesselten Kräfte, die im Innern der Erde sich sammeln und als verheerende Feuerströme über blühende Fluren sich ergießen, niederzuhalten, es bedarf nicht erst der Ueberzeugung von all' dem, um die Wahrheit des talmudischen Ausspruches zu begreifen, runj VP’ion ’jsd tidi6 nb'Q' rr*n bi pn Dnxi> man „daß wir, in einem Meere von zerstörenden Kräften lebend, von ihrem mächtigen Drange umschlossen, allein durch den stets uns zu Theil werdenden göttlichen Schutz aus einer immer andauernden Gefahr errettet werden." Die Lebensgeschichte eines jeden einzelnen Menschen einer prüfenden Betrachtung unterzogen, die entscheidenden Momente derselben auf ihre Ursachen und Quellen untersucht, würden eine Fülle der Beweise des ihm zu Theil gewordenen göttlichen Schutzes bieten. Wie aber die Wunder der Schöpfung unsere Aufmerksamkeit nicht erregen, weil sie täglich wiederkehrende Erscheinungen sind, so beachten wir die Wunder unseres eigenen Lebensganges nicht, weil sie uns durch ihre Beständigkeit natürlich erscheinen; wir vermissen die Gottesleitung in unserem Leben einzig und allein aus dem Grunde, weil sie uns nie verläßt, ro ■pw “p wro» *py. „Die allzugroße Fülle Deiner Güte und Stärke, die uns stets beschützt, ist die Ursache, daß Deine Feinde sie leugnen." Und wie die Minuten andauernde Meteorerscheinung unsere ganze Aufmerksamkeit fesselt, während die täglich strahlende Himmelssonne unsere Bewunderung kaum mehr erregt, so werden wir wohl durch aus dem gewöhnlichen Lebensgange sich heraushebende Momente eines Lenkers unserer Geschicke uns bewußt, beim ruhigen Laufe desselben jedoch, wo Alles einem sanften Bache gleich dahingleitet, kömmt uns der göttliche Schutz nicht in den Sinn und wir wähnen, daß wir die eigenen Lenker unseres Lebensschiffleins, daß wir es sind, die es in den Hafen der Ruhe gebracht. Während: rwn bi ion obiy p nvw h ntiDiD dv no!?n die prüfende Betrachtung aller täglichen Ereignisse, das Nachspüren der Fäden der täglichen Begebenheiten eine solche Fülle heilsamer Lehren zum Resultate hat, daß wir durch deren Bethätigung im Leben der Freuden im Jenseits theilhaftig werden, ist: bin bv w»y "und nnpib hdj hjpdd, das stürmische Rennen durchs Leben, von großem Nachtheile für die Erleuchtung des geistigen Auges des Menschen und es gehen ihm dadurch die Beweise für den göttlichen Schutz verloren. Soll jedoch die Betrachtung unserer Lebensschickungen das Gottvertrauen in unserem Herzen erzeugen und erhöhen, sollen ihre Ergebnisse wahrhafter und objektiver Natur sein, so muß sie in solchen Momenten angestellt werden, in welchen unser Verstand in normalem Zustande sich befindet und frei ist von jedweder Beeinflussung vorübergehender Gemüthsftimmungen. Ein objektives Urtheil setzt eine objektive Gemüthsftimmung voraus. Eine Fluth oder Ebbe der Gefühle unseres Herzens lassen uns die Ereignisse und Gegenstände ganz anders erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Wenn in unserem Herzen der frohe Frühling weilt, unser Gemüth eine lachende Flur ist, auf welcher Freudenketme zu herrlichen Wonneblumen sich entfalten, dann jubelt mit uns die ganze Natur und wäre sie auch öde und wüste, das unser Inneres durchziehende Wonnegefühl kleidet sie in Pracht und Schönheit. Der finster