Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1890)
- Date
- 1890-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m WWMWWWW^^^MWW -7?C'?'U M 55. XXXI. Jahrgang. W *• w het>r. F*obh«n'.Uvti>£ Israelit««>Jeschmun. 5«v. wuhvü »»u H«v* m A»"y, wwm«w uwu <yujiuv* Aentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, de« 14. Juli 5650 (1890). Leitender Artikel. Gottvertrauen. Von Rabbiner Dr. M. Jung, Mannheim. Das Bewußtsein von der Allgegenwart Gottes, die Ueberzeugung, daß wir selbst in Räumen, wohin kein Sonnenstäubchen dringt, in Momenten, da die kaum entstandenen Gefühle in uns, dem Morgenstrahl gleich, an den Wänden unserer Herzenskammer vorbeistreichen, von Gott beobachtet werden, geschweige denn in unserer öffentlichen Thätigkeit, die das Auge des Himmels sieht und Tausende von Menschen zu Zeugen hat, erfüllt unser Inneres mit ehrfurchtsvollem Schauer vor dem das ganze Universum überblickenden und leitenden Allmächtigen, und erfaßt unsere Seele mit solch' unwiderstehlicher Kraft, daß sie unwillkührlich zur demuthsvollen Hingebung an Gott hingetrieben wird. Das lebendige Gefühl von der Allgegenwart Gottes, gepaart mit einer aufmerksamen Betrachtung der Natur und der wundervollen Harmonie zwischen jedem Wesen und seiner Bestimmung, führt nothwendigerweise zum Begriffe der Allgüte Gottes, die sich häufig, gerade wo man sie vermißt, in ihrer ganzen Stärke und Größe äußert. Die Allgegenwart und Allgüte Gottes sind aber die Voraussetzungen, aus denen das Gottvertrauen als Schluß resultirt. Das Vertrauen auf Gott hinwieder ist die Grundlage, auf welcher das ganze Gebäude der Religiosität sich aufbaut; nehmen wir diese Grundlage aus unserem Herzen hinweg, der herrliche Pallaft der Religion zerfällt in Trümmer. Auch dieJrrreligiosität unserer Zeit ist die Folge des Mangels an Gottvertrauen. Was ist jedoch die Ursache des Mangels an Gottvertrauen? Im ersten Momente dürste man den gewaltigen Geistesaufschwung unserer Zeit als solche bezeichnen. Der Riesensortschritt auf allen Gebieten, die früher kaum geahnten Errungenschaften der Naturwissenschaften haben der Menschheit das Vollbewußtsein ihrer Größe gebracht und eine glänzende Illustration zur Beleuchtung des Psalmwortes: dj?d rnDnro d'P^nd. Der Mensch kennt die Bahnen der Planeten „wie die Straßen seiner Stadt," erhebt sich auf seinen Geistesschwingen zur erstaunlichen Höhe, dringt mit seiner Geistesschärfe in die geheime Werkstätte der Natur und lauscht ihr die Gesetze ab, nach welchen sie ihre Produkte hervorbringt, er legt die Kräfte der Natur in immer engere Fesseln und macht sich die furchtbarsten Naturgewalten dienstbar. — All' dies erfülle den Menschen mit Stolz und dem Bewußtsein seiner eigenen unabhängigen Größe. Je näher die Menschheit dem durch sie zu verwirklichenden Ideale kömmt, desto mehr müsse sich die bereits bestehende Kluft zwischen der Menschheit und dem Gottvertrauen erweitern. In diesem Aufschwünge liege ein stillschweigender Protest gegen jede Abhängigkeit von anderen Mächten, als den, den Fortschritt ermöglichenden und befördernden Faktoren. Welch' irrige Behauptung! Abgesehen davon, daß die Majorität der Menschen kaum eine verschwommene Vorstellung von der geistigen Tiefe hat, aus der die moderne Naturwissenschaft schöpft und außer Stande ist, dem tiefen und oft sehr verschlungenen Jdeengange der wesentlich zum geistigen Aufschwünge beitragenden philosophischen Systeme zu folgen, muß ja, wenn ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Gottvertrauen und Fortschritt besteht, dieser nicht etwa in der Abnahme, als vielmehr in der steten Zunahme, Kräftigung und Erstarkung des Ersteren sich äußern. Je tiefer unsere Kenntniß der Natur, je klarer und heller ihre Geheimnisse und Gesetze sich uns enthüllen, je herrlichere Triumpfe der Menschengeist feiert, desto lebendiger muß in uns das Bewußtsein von der Allmacht, Allgegenwart und Allgüte Gottes werden und desto intensiver unser Gottvertrauen.