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Der Israelit · 1890-07-10 · Heft 54 (10.7.1890) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 54 (10.7.1890)
Date
1890-07-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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976 den Tages, der Arzt war soeben da gewesen, er hatte dem Kranken das Sprechen noch immer nicht erlaubt, aber seiner freundlichen Pflegerin nicht nur gestattet, sondern sogar empfohlen, ihn zu unterhalten, um, womöglich, die ihn sichtlich beherrschende Aufregung zu bekämpfen. Emmi hatte sich daher mit einer Handarbeit an sein Lager gesetzt und war redlich bemüht, der ärztlichen Ordination auch in dieser Beziehung zu entsprechen. Sie erzählte dem mit sichtlichem Interesse ihren Worten Lauschenden, wie es ihr seither ergangen, daß ihr Großvater sehr bald nach ihrer Ankunft in New-Dork die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, nachdem ihm noch die hohe Freude' zu Theil geworden, die Hand seiner über alles geliebten Enkelin in die seines verwittweten Schwiegersohnes zu legen, mit dem sie seitdem in glücklichster Ehe lebte. Die Lippen des Kranken bebten. Einst hatte er sie doch auch geliebt, hatte, wenn auch nur wenige Tage, sich mit der Hoffnung geschmeichelt, an ihrer Seite ein anderer Mensch zu werden, ein neues Leben zu beginnen, hatte gehofft, an ihrer Sette des höchsten Glückes theilhaftig zu werden. Wie war es so anders gekommen. — Er hatte in ihr, die er liebte, wie er nie ein Weib geliebt, die Nichte derjenigen erkannt, deren frühes Ende er auf dem Gewissen hatte, die Nichte desjenigen, gegen den er sich so schmählich vergangen. — Und wenn auch der Betreffende keine Ahnung hatte, wer das furchtbare Geschick verschuldet hatte, das ihn dereinst getroffen, er hatte es dennoch nicht gewagt, der Aufforderung jenes alten Mannes zu entsprechen und die Gefälligkeit seines Schwiegersohnes in Anspruch zu nehmen. — Es wären glühende Kohlen gewesen auf sein schuldiges Haupt. — Ohne Geld und ohne Freunde war er herumgeirrt in der Riesenstadt, hatte Beschäftigung gesucht, ohne eine entsprechende zu finden, denn er hatte sich gelobt,' nie wieder, auch nicht um des größten Gewinnes willen, den Sabbat zu entweihen, und sollte er darob darben müssen. — Und er hatte gedarbt — o, wie oft hatte er gedarbt. — Doch ohne Murren, ohne Klage hatte er sein schweres Schicksal ertragen, das ihn, der in Reichthum und Ueberfluß ausgewachsen, doppelt hart getroffen. — Doch er sagte sich tagtäglich, daß ihm nur geworden, was er verdient, und er hätte vielleicht eine Freude sogar durch sein Elend gefunden, hätte ihn nicht der Gedanke, daß es ihm unter diesen Verhältnissen nimmer gelingen werde, seinem Vater zurückzuerstatten, was er demselben entwendet, oft vollends daniedergedrückt. — Er war dann weiter gen Westen gewandert, hatte als Hausirer das Land durchzogen, aber das Glück hatte ihm nimmer gelächelt, im Schweiße seines Angesichtes hatte er sein Brod verdient, aber sehr oft nichts anderes als Brod. Und Wochen, ja oft monatelang, hatte er keine Fleischspeisen genossen, denn oft Monate hindurch war er nicht zu Glaubensgenossen gekommen, wenigstens nicht zu solchen, denen er in religiöser Beziehung hätte Vertrauen schenken können — denn er hatte gehalten, was er gelobt, nie war wieder eine unerlaubte Speise über seine Lippen gekommen. — Aber das Glück war ihm fortdauernd fremd geblieben. — Und schwerer, immer schwerer ward sein Geschick, seine einst so robuste Gesundheit ward mehr und mehr untergraben, die unablässige schwere Arbeit, die mangelhafte Ernährung und zudem eine ernste Erkältung — oft drohten die müden Glieder ihm den Dienst zu versagen, aber er konnte nicht rasten, er hätte sonst verhungern müssen. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Dotttterftags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis beS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel jtt beziehen bet E. F. Kieinnckrr, Leipzig, Koßpiatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile ober deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzufenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland : Berlin. Mannheim. Karlsruhe. Aus Württemberg. — Frankreich: Paris. — Rußland: Pinsk. — Rumänien: Bukarest. — Amerika: New-Uork. — Feuilleton: Waltungen. Inhalt der ersten Beilage: Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. WormS. Danzig. Heilbronn. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Papa. Innsbruck. — Schweiz: Basel. — fteuitteton: Eine betannte Melodie. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Hamburg. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Budapest. — Rumänien: Bukarest. — Egypten: Alexandrien. — Feuilleton: Eine alte Geschichte. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Drull und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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