Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 54 (10.7.1890)
- Date
- 1890-07-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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975 hauptet, hat sich die Qualität der Immigranten bedeutend verbessert, indem der Prozentsatz der Handwerker und der nach den westlichen Staaten direkt abreisenden Einwanderer beständig zunimmt. .Was die Nützlichkeit der russisch-polnischen Juden als Einwanderungsklasse betreffe, so glaube er behaupten zu können, daß sie, nach den Deutschen, vielleicht das nützlichste Material bilden, indem sie ein musterhaftes Familienleben führen, nüchtern, arbeitslustig und sparsam seien und sich erstaunlich rasch in die gegebenen Verhältnisse hineinfinden, wobei fast alle Kinder die öffentlichen Schulen, oder auch höhere Lehranstalten besuchen und sich so schon nach kurzer Zeit amerikanisirten. Das einzige Unsympathische im Charakter der russisch-polnischen Juden sei vielleicht ihr, historisch veerbbarer, Hang zum Zusammenleben im Ghetto, doch würden von den deutschen und amerikanischen Juden große Anstrengungen gemacht, sie aus den Downtown-Vierteln, so bald als sich irgend thun läßt, nach kleineren Städten und auf Farmen zu bringen, und es sei kein Grund vorhanden, zu bezweifeln, daß sich auch diese sozialökonomische Frage zur allgemeinen Zufriedenheit lösen werde. Jedenfalls wäre es sehr unrecht, die russisch-polnischen Juden als eine schlechtere, oder gar mit Tataren vermischte Rasse zu bezeichnen. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Der Arzt entfernte sich, Steinheim begab sich wieder zurück zu dem Kranken, den er in sichtlicher Aufregung fand; seine abgezehrten Wangen waren geröthet und große Thränen entglitten unablässig seinen Augen. Steinheim that sein Möglichstes, ihn zu beruhigen, denn er fürchtete, daß die Erregung eine abermalige Blutung herbeiführen könne. Er versicherte, daß nach dem Ausspruch des Arztes die Krankheit unbedenklich wäre, wenn nur der Kranke sich ruhig verhalten würde; er berichtete ferner, daß er seine Frau bereits benachrichtigt habe, daß Herr Bärwald für einige Zeit ihr Gast sein werde, und daß er die Krankenträger mit der Sänfte jede Minute erwarte. Die Aufregung deS Kranken wollte sich trotzdem nicht legen. Jetzt blickte er auf seinen kleinen Koffer, der dort auf dem Tische stand und dann mit bittendem Ausdruck auf den theilnehmenden Mann vor ihm. Sieinheim bemühte sich, zu errathen, was der Kranke von ihm verlange. „Wünschen Sie vielleicht, daß ich Ihren Koffer aufbewahre?" Ein Zucken der Augenlider deutete an, daß er das Richtige getroffen, doch der Kranke sah abermals bittend zu ihm empor und dann auf die eigene Brustlasche. „Aha, jetzt glaube ich Sie zu verstehen, Sie wünschen, daß ich Ihren Koffer sammt Ihrem Portefeuille aufbewahre. Habe ich's getroffen, Herr Bärwald? — Nun, das freut mich. — Und jetzt können Sie vollkommen unbesorgt sein, ich hafte für das mir Anvertraute. — Doch da sind die Träger, in weniger als einer Stunde werden Sie in meiner Wohnung sein, und werden sich dort hoffentlich recht behaglich fühlen. Sie wissen doch, meine Emmi ist eine ausgezeichnete Pflegerin." Er hals den Trägern den Leidenden in die Sänfte betten, beorderte einen seiner jungen Leute die Sänfte zu begleiten und reichte dann dem Kranken die Hand. „Auf Wiedersehen, Herr Bär- Wald!" Aber Bärwald berührte abermals die ihm dargebotene Hand nicht. Er scheint sehr schwach zu sein, dachte Steinheim und schaute ihm mitleidig nach. Steinheim bewohnte in der Fifth Avenue eine elegant eingerichtete Wohnung. Dorthin hatte er Adolf Bärwald bringen lassen, als gebrochenen, todtkranken Mann. Emmi war schmerzlich erschüttert, als sie des Kranken ansichtig wurde, sie hatte ihn als blühendschönen jungen Mann gekannt — sie hätte ihn schwerlich wiedererkannt. Aber sie hieß ihn mit freundlichem Lächeln willkommen und ließ ihn in das Zimmer tragen, das sie auf Wunsch ihres Mannes bereits für ihn vorbereitet hatte. Trotz aller Vorsicht hatte der Transport den Patienten dennoch angegriffen, kaum daß sie ihn auf das für ihn bestimmte Lager niedergelegt hatten, als er abermals von dem bösen Husten befallen wurde, der abermals eine Blutung zur Folge hatte. Doch der Arzt war rasch zur Stelle, er traf die erforderlichen Anordnungen und versicherte der geängsteten jungen Frau, daß bei geeigneter Pflege und vollkommener Ruhe im Moment keine Gefahr vorhanden. Es war in den Vormittagsstunden des folgen-