Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 54 (10.7.1890)
- Date
- 1890-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Schon der Talmud scheint von der Existenz solch' „frommer Unwissenden" oder „unwissender Frommen" gewußt zu Haben, und auch er schätzt den Werth der aus der Pietät entspringenden Erfüllung dieser mao. Menachoth 99 b. behauptet R. Jochanan, von seinem Vorgänger R. Schimeon ben Jochai gehört zu haben, daß derjenige, welcher Morgens und Abends das ynw liest, damit gleichzeitig die Pflicht des Thoralernens erfüllt habe. Doch, fügt er hinzu, darf man dieses dem pxn oy nicht sagen; Rabbao hingegen meint, es sei sogar Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen. Beide Gelehrte legen also Werth darauf, daß der Unwissende, trotzdem er nicht versteht, was er liest, täglich die heiligen Bücher zur Hand nehme und sich mit deren Lectüre beschäftige, und Beide versuchen, ihm die Erfüllung dieser mso noch mehr an's Herz zu legen. Darum spricht R. Jochanan das soeben genannte Verbot aus; er befürchtet, daß der pxn Dy die msra vielleicht unterlassen würde, wenn er wüßte, daß er mit yvw nwnp die.Pflicht von rmn nobn erfüllt habe. Rabbao aber glaubt, der Eifer desselben für die heilige Sache wird noch erhöht, wenn man ihm sagt, daß er durch das Lesen des ym eine doppelte Pflicht erfülle. In Folge dessen wird er noch eifriger in der Erfüllung dieser mso sein und mit noch größerer Andacht und Sorgfalt täglich das ym lesen. Wenn wir auch diesem Bestreben, das rnrn-Gebot richtig auszuführeu, unsere Hochachtung nicht versagen können, da es Zeugniß von einem redlichen Streben, Gottes Gebote bis in's Kleinste zu erfüllen, ablegt, können wir doch nicht umhin zu erklären, daß derartige Bestrebungen keinen dauernden Werth haben. Ein älterer Mann kann durch solche religiöse Uebungen eine gehobene Stimmung in sich wach rufen - die Erinnerung an seine, ln fernen Zeiten liegende Kindheit, an feinen eigenen Vater, kann ihn wohl erheben und ihm Befriedigung darüber gewähren, daß er es geradeso hält, wie es seine Eltern gehalten haben. Unsere Kinder jedoch kann eine solche Erfüllung dieser mso nicht befriedigen. Wie oft hört man auf die Frage: Sind die Leute in der oder jener Gegend noch religiös? die tiefverstimmende Antwort: Ja, unter den älteren dto »tya finden sich noch viele, die täglich die Synagoge besuchen, ja sogar noch alle Tage ihren n-vwo p“© lernen, die jüngere Generation aber weiß nichts mehr vom Judenthume. Fragen wir uns, woraus diese traurige Thatsache resultirt, und wir müssen ehrlich bekennen, daß die gegenwärtige Zeit, in der die Gefahr für die Erhaltung des überlieferten Judenthums viel größer ist als je, ein anderes „Lernen" verlangt, wie ein bloßes Hersagen. Auf das Gemüth unserer Kinder üben solche Leseübungen keine Wirkung aus. Aber auch die Hochachtung, die wir dem älteren Manne zollen, ist nicht immer ungetheilt. Sehr oft fühlen wir anstatt der Hochachtung Mitleid mit einem Manne, der mit eiserner Consequenz und Beharrlichkeit starr an den Ausführungen gewisser Gebote festhält, ohne dafür Gründe angeben zu können. Er hat es „so vor sich gesehen", hält die Art seiner Frömmigkeit für die einzig richtige; seine Kinder sollen es einst ebenso halten, wie er es hält. Ach, er bedenkt nicht, daß seine Kinder die Kinder einer anderen, neueren Zeit sind, daß er verpflichtet ist, sollen die zarten Pflänzchen vor dem täglich sie umwehenden Gifthauche des Unglaubens bewahrt bleiben, den Kindern einen Unterricht angedeihen zu lassen, durch welchen sie befähigt werden, in den erhabenen Geist unserer heiligen Thora einzudringen, ihre Lehren verstehen und den kostbaren Inhalt derselben begreifen zu können. Es ist Eure Pflicht, Ihr Väter unserer Kinder, diese rv»ö mit Euren Kindern zu erfüllen. Euer Thun ist falsch, wenn Ihr Euch nicht bemüht, Belehrung anzunehmen. Wenn Ihr einen Brauch jahrelang — einem Vorbilde nachstrebend — geübt habt, allerdings ohne Euch nach seiner Ursache und Begründung zu fragen, und es kommt Jemand, der die Heiligkeit dieses Brauchs in Frage stellt, so seid Ihr ärgerlich und geht lieber den seitherigen Weg des „Nichtwissens" als den, der Euch auf Grund unserer heiligen Religionsgesetze von unseren Weisen vorgeschrieben ist. Einst traf ich einen Mann, der täglich sein D*5nn sagte, ohne ein Wort davon zu verstehen; auch dem Talmud widmete er täglich einige Stunden, obschon er