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Der Israelit · 1890-07-07 · Heft 53 (7.7.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 53 (7.7.1890)
Date
1890-07-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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wenn für eine rationelle, für das Land wie für die Einwanderer selbst vortheilhafte Fruktificirung dieser Kräfte gesorgt werde, indem man sie entweder dem Ackerbau oder dem Handwerk führe, vor Allem aber von den großen Städten und den daselbst betriebenen niedrigen Industrien und dem Hausirhandel fern halte, j Dr. Alexander Kohut, Rabbi der Gemeinde „Ahawas Chesed", gab sein Urtheil in folgender Weise ab. „Gold", so begann der Gelehrte, „findet sich in der Natur nie rein, und wenn Amerika gedenkt, aus der Eiuwanderung aus fremden Ländern Nutzen zu ziehen, so muß es dieses Gold eben auch nicht rein erwarten, sondern darauf gefaßt sein, auch Schlacken und Geröll mit in den Kauf nehmen. Amerika ist so groß, daß noch 3—4 Millionen israelitische Einwanderer Heimstätten finden könnten. Wenn das Land, um dies zu erreichen, nun selbst eine Generation vielleicht weniger wünschenswerther Einwanderer aufnehmen müßte, so wäre der Schaden dennoch gering, wenn die daraus entspringende zweite Generation sich um so werthvoller erweist. Allerdings ist in den großen Städten hierfür kein Bedarf, doch könnten im Westen und Südwesten noch Hunderttausende von Existenzen, die unter russicher Knute verkümmern, eine sie selbst und für das Land segensreiche Unter- > kunst als Handwerker und Ackerbauer finden. Ich bin gegen eine ungezügelte, planlose Einwanderung, da dieselbe nothwendiger Weise darauf hinauslaufen muß, dem Proletariat in den amerikanischen Großstädten neue Existenzen zuzuführen, und ich bin sogar überzeugt, daß eine derartige Massen-Einwanderung russischer Israeliten von den hier wohnenden Israeliten noch mehr bekämpft werden würde, als von den Nicht-Juden. Ich habe ja unlängst, gerade mit Hinblick auf diese Eventualität dem Verwaltungsrath der Baron Hirsch-Stiftung den Vorschlag unterbreitet, durch Massenvertheilung zweckentsprechender, in hebräischer Sprache, d. h. in hebräischen Buchstaben gedruckter Flugschriften von der ziellosen Auswanderung nach Amerika abzurathen. Ich hoffe, daß dieser Vorschlag Anklang findet und die Ausführung desselben beit gewünschten Erfolg haben wird." In demselben Sinne äußerte sich auch Rev. M. Krauskopf, der nur noch auf den Umstand Gewicht legte, daß man schlechtweg als russische Israeliten auch viele aus den Süddonau-Ländern kommende Israeliten bezeichne, welche in Bezug auf Intelligenz, Strebsamkeit u. s. w. hinter jenen bedeutend zurückständen. Auch dieser Herr war geneigt, die Meldung an und für sich für übertrieben zu halten, aber auch bereit, eine solche Masseneinwanderung, namentlich wenn sich dieselben in den großen Städten fetzsetzen wollte, im höchsten Grade schädlich zu finden. Wer die obigen Auseinandersetzungen mit prüfendem Auge liest, muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß die „Staatszeitung" die Ansicht der Herren Rabbinen in einer sehr mißfälligen Weise mißdeutet, wenn nicht muthwillig verdreht hat. „Eine Masseneinwanderung russischer Israeliten" — so sagt das genannte Blatt — „wenn dieselbe, wie bislang aeschah (8ie) und für die nächste Zeit nothwendiFer Weise geschehen müßte (8io) u. s. w." Das ist aber, gelinde gezagt, nicht wahr. Die Herren Rabbinen haben eine derartige Aeußerung nicht gemacht, behaupteten vielmehr das Gegentheil. Sagte ja Dr. Köhler: „Thatsächlich habe sich jedoch die Einwanderung russischer Israeliten, welche sich in den letzten Jahren auf ca. 20,000 belief, in neuerer Zeit nicht merklich vermehrt." Wir denken, daß solch' klar und deutlich gesprochenen Worte sich durchaus nicht miß- - deuten lassen, wenn man diese nicht mißdeuten will, oder betrachtet vielleicht die „Staatszeitung" die mit dem Dampfer „Rugia" angelangten 10 russ. Israeliten als eine Masseneinwanderung? Während die Herren Rabbinen nur von fernliegenden Eventualitäten sprachen, bezeichnet die Staatszeitung selbst die nur gedachte Eventualität als ein fait accompli; während die Rabbinen von der Abhilfe eines möglicherweise eintretenden Nebels sprechen, weiß die Staatszeitung von einem schon vorhandenen Nebel zu reden, die betonte Abhilfe aber übergeht sie stillschweigend. Die Staatszeitung hat von den ausgesprochenen Ansichten der Rabbinen blos Hülse und Schale gesammelt, die genießbare Frucht aber, als ein unbrauchbares Ding, bei Seite geworfen. Besonders auffallend muß es erscheinen, wie in einem Lande, in dem Freiheit und Gleichheit, der heiteren Sonne gleich, allen Menschen voranleuchten sollen, die Einwanderung einer guten, aber unschuldig verfolgten Klasse, nur weil diese Abkömmlinge Abrahams sind, ein Gegenstand der Frage bilden kann! Warum wurde niemals Stimme erhoben gegen die massenhaft eingewanderten Irländer? Warum fällt es der Staatszeitung nicht ein zu murren gegen die so massenhafte Einwanderung der raufsüchtigen Italiener? Sind die Strafanstalten überfüllt von russischen Israeliten? Nein! Fallen die russischen Israeliten den Wohlthätigkeits-Anstalten der Stadt oder des Staates zur Last? Nein! Sind sie Faulenzer? Nein! Sind sie arbeitsscheue Taugenichtse? Nein! Sind sie dem Trünke ergeben? Nein! Sieht man sie in den Straßen mit dem Bettel- oder Ragsack auf der Schulter? Nein! Dnrchwühlen sie, den Italienern gleich, das auf dem Trottoir stehende mit Kehricht gefüllte Faß, um die Abfälle aufzulesen? Auch Nein! Selbst die Staatszeitung muß, so sie aufrichtig sein wollte, all diese Fragen entschieden verneinen. Wer Wahrheit sprechen will, muß den eingewanderten und noch einwandernden russischen Israeliten das beste Leumunds-Zeugniß ausstellen, muß zugeben, daß sie alle sammt und sonders fleißige, arbeitsliebende, strebsame und geschäftlich sehr fähige Leute sind; der größte Theil der bereits vor Jahren eingewanderten russischen Israeliten sind heute angesehene und tüchtige Geschäftsleute, gehören zu der bessern und besten der Kausmannswelt und find sowohl im sozialen, als auch im politischen und commerziellen Leben vorzügliche Bürger im wahren und tiefsten Sinne des Wortes. Nun warum dieser Lärm? Was veranlaßt das Eon-

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