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Der Israelit · 1890-07-07 · Heft 53 (7.7.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 53 (7.7.1890)
Date
1890-07-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage M^«53 des..Israelit" &, Jefdjuruti” Leitender Artikel. Gin Stückchen Antisemitismus in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. New-Jork', im Juni. Die hiesige „Staatszeitung" hat sich veranlaßt gesehen in Angelegenheit der Einwanderung russischer Israeliten die Ansicht einiger prominenten Rabbinen einzuholen und ist nach Anhörung derselben zu dem Schluffe gekommen, daß eine Maffeneinwanderung russischer Israeliten, wenn dieselbe, wie es bislang geschehen und für die nächste Zeit notwendiger Weise geschehen müßte, in den Großstädten, zumal in New- Iork, hasten bleibt, „als eine Quelle sozialer, materieller, hygienischer und politischer Gefahren betrachtet werden muß". Vor einiger Zeit hörten wir, schreibt „Der Wanderer", aus dem Munde einer hervorragenden Person die Beschwerde, daß die,, Staatszeitung" gar zu oft Aeußerungen macht, die geeignet sind, die Judenheit New-Horks vor den Augen der Welt in Mißkredit zu bringen. Es scheint - sagte Herr Anonymus weiter — als wäre die Staatszeitung vom Hauche des Antisemitismus — wenn auch nur in leichter Weise — angeweht. Wir betrachteten damals diese Behauptung als eine unbegründete Verdächtigung Ulld ärgerten uns über eine solche ungerechte Zumuthung. Einige Tage später brachte die Staatszeitung einen auf die Judenheit New-Aork bezughabenden Artikel, der vollkommen geeignet war, einen leisen Zweifel in uns zu erwecken, ob jener Herr nicht Recht gesprochen hat. Mit dem oben angeführten Resums hat nun die Staatszeitung die Behauptung jenes Herrn besiegelt. Hören wir die Aussagen der Herren Rabbiner und sehen wir ob die Staatszeitung berechtigt war zu der von ihr aufgestellten Folgerung; ob sie Grund und Ursache hatte, die Einwanderung der russischen Juden als „Quelle socialer, materieller, hygienischer und politischer Gefahren" zu betrachten. „Der russische Jude", so sagt Dr. Köhler, „ist von Natur ein begabter, auch sittlich gut angelegter Mensch, dem jedoch der Druck, unter dem er seit Jahrhunderten lebt, schlimme Eigenschaften anerzogen hat. Von Natur ehrgeizig und strebsam, halte ich ihn als Individuum nicht schlimmer als irgend einen anderen hier ankommenden Einwanderer. Was ich von dem russischen Juden als Einwanderer hier sage, gilt noch in viel höherem Grade von der zweiten Generation, die entweder hier geboren oder sehr jung eingewandert ist, und ich habe oft Gelegenheit gehabt, in Schulen die geradezu überlegene Intelligenz und Strebsamkeit dieser Kinder zu bewundern. Ich kann daher in der Beurtheilung dieser Klasse von Einwanderern weder dem Urtheile meines Freundes Hermann Raster, noch dem des National- Dekonomen E. Seligman, welche die aus Russisch-Poleneinwandernden Juden individuell als eine nicht wünschenswerthe Acquisition betrachten, nicht beipflichten. Ich verschließe mich jedoch keineswegs der Gefahr und den Nachtheilen, welche eine Massen-Einwanderung solcher Leute in sich birgt und mit sich bringen würde, wenn dieselben bei ihrer Ankunft hier, in New- Aork, sich niederlassen und zu dem vorhandenen Proletariat noch mehr Hausirer und Krämer stellen. Unter Kaiser Nikolaus wurden in Rußland Kolonisations-Versuche mit Israeliten gemacht, welche nach einem noch vorhandenen Bericht des Geheimraths Grasen Katzew äußerst günstige Resultate erzielten. Dem Drange solcher Einwanderer, sich in großen Städten niederzulassen und dadurch die socialen, materiellen, hygienischen und politischen Gefahren des Großstadtlebens zu erhöhen, sollte vor allen Dingen entgegengetreten werden. Es sollten keine Einwanderer zur Auswanderung ermuthigt werden, ohne daß für deren Beschäftigung außerhalb der Städte und Verbringung dahin Sorge getragen wird. Vor Allem muß verhindert werben, daß sich in einer der Großstädte des Kontinents ein Ghetto, ein Neu-Warschau bildet, Baron von Hirsch's edle Stiftung wird dazu beitragen, der jüdischen Einwanderung diese Gefahren für diese selbst wie für das Land zu nehmen, und wenn Mittel und Wege gefunden werden könnten, diese Art Einwanderer auf darichtige, ihren Fähigkeiten, Ehrzeig und Neigungen entsprechende Wirkungsgebiet abzuführen, sehe ich in der Einwanderung an und für sich nicht die mindeste Gefahr. Die schlimmen Züge des Volkscharakters werden hauptsächlich da entwickelt und gedeihen, wo der russische Israelit in großen Städten enge zusammengepfercht, ohne genügende Beschäftigung, in Massenquartieren lebt. Mit einem geeigneten Wirkungsfeld wird er bei seiner Intelligenz, Ausdauer und Ehrgeiz productiv und konsumtiv werthvoll, amalgamirt sich in Kurzem und steht an Patriotismus hinter keiner Klasse von Adoptivbürgern des Landes zurück." — Im Uebrigen hielt Dr. Köhler die Nachricht von der Maffen-Auswanderung auf alle Fälle für überleben, da diese, wenn sie schon seit drei Monaten dauerte, wie eS in der Meldung heißt, sich hier schon fühlbar gemacht hätte. Thatsächlich habe sich jedoch die Einwanderung russischer Israeliten, welche sich in den letzten Jahren auf ca. 20,000 belief, in neuerer Zeit nicht merklich vermehrt. Dr. Richard Gottheil, Professor für semitische Sprachen am „Columbia College" sprach sich dahin aus, daß diese Massenauswanderung aus Rußland, wenn wirklich vorhanden, nur eine spontane, augenblickliche, und höchst wahrscheinlich durch die Stiftung des Baron von Hirsch in's Leben gerufen wurde. Ueber die Zwecke dieser, lediglich der industriellen Fortbildung bereits in Amerika befindlicher russischer Israeliten zugedachten Stiftung beständen in Rußland unter der israelitischen Bevölkerung daselbst irrige Ansichten; die Leute dächten, sie brauchten blos hierher zu kommen, und die Stiftung übernähme dann schon die weitere Fürsorge für sie. Eine planlose Massen-Einwanderung solcher Elemente würde sich am schwersten an diesen selbst rächen und wäre ohne Zweifel, falls die Leute hier in New-Aork bleiben, keine wünschenswerthe. Auf der anderen Seite jedoch könnte die Einwanderung junger Leute in noch bildungsfähigem Alter dem Lande nur zum Nutzen gereichen, namentlich

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