Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 53 (7.7.1890)
- Date
- 1890-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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956 ten Rundschreiben, welches obige Beschlüsse wiedergibt und erläutert, u. a. heißt, hat die vor Jahr und Tag auf dem Bochumer Congreß gewählte Parteibezeichnung „Antisemitische deutsch - soziale Partei" die Anerkennung einer unter allen Umständen bedeutenden Minderheit nicht gefunden und seien . mit den verschiedenen Parteibezeichnungen, welche infolge dessen die heutigen Antisemiten unter sich annähmen, zwischen den Gesinnungsgenossen völlig unnöthige Schranken errichtet, deren Wegräumung durch die Annahme eines einheitlichen Namens im Interesse des für eine gedeihliche Agitation nöthigen Friedens liege. Wir denken, daß nicht der Name, wohl aber die natürliche Unverträglichkeit radicaler Parteigänger die Herren immer wieder trennen wird. Und alle diejenigen Politiker, welche sich eine sammelnde, ausgleichende und versöhnende Thätigkeit zur Lebensaufgabe gemacht haben, werden sich darüber nicht grämen." Soweit der Berichterstatter der „Kölnischen Zeitung". Tatsächlich hat der Berichterstatter die Ursache der Uneinigkeit unter den Herren Antisemiten wohl nur zur Hälfte getroffen. Nicht blos Unverträglichkeit, sondern auch vornehmlich die Sucht nach Ruhm und „klingendem Erfolge" in Gestalt von Geld läßt die Jünger der Hetzjagden nicht einig werden. Der Name ist nur ein Vorwand zu diesen angestrebten selbstsüchtigen Zwecken der Hetzapostel. Nicht der Menge, nicht dem deutschen Volke wollen sie dienen und nützen, sondern sich selbst. Wenn wir den Beschluß des „Deutschen Vereins" zu Hamburg und die daselbst erschienene Broschüre des Stockantisemiten „Radenhausen" lesen, so drängt sich uns die Vermuthung auf, daß wir nunmehr die Quelle des Radenhausen'schen Pamphlets als gefunden bezeichnen können. Jetzt dürfte uns vielleicht auch die Geldquelle der Schrift bekannt sein. Wie anders klingt dagegen das Wort unseres „neuen Finanzminist ers", von dessen guter Gesinnung gegen uns wir längst die Ueberzeugung hatten. Auf die vielen Ansprachen an den Minister Dr. Miqu e l erwiderte dieser in einer bedeutsamen Rede, ans welcher wir die wenigen Worte hervorheben wollen: „Ich habe dem Schicksal zu danken, welches mich nach Frankfurt geführt hat. Was habe ich hier alles gelernt! Wie viel weiter ist hier mein Blick geworden! Das war ein großer Vortheil und ich denke, mein Staatsamt nach denselben Grnndsätzen zn verwalten, nach welchen ich hier in Frankfurt zu verfahren bestrebt war. „Versöhnen will ich, nicht trennen, versammeln, statt verbittern. Alle Menschen, die in patriotischer Gesinnung in Treue zuKöuig und Vaterland, überhaupt Mitwirken wollen, sollen mir willkommen sein. Wir haben gewaltige Aufgaben zu lösen; die Zeit ist schwer und gefahrdrohend, da muß das Gemeinsame in den Vordergrund gestellt werden. Wir müssen uns, Parteien und Menschen, endlich daran gewöhnen, nicht zu wühlen in den Gegensätzen, sondern nur das große Ganze allein zur Richtschnur zu nehmen." Solche Worte friedlicher Gesinnung wirken wie Maienluft und Rosenduft zur schönen Frühlingszeit. Hoffen wir auf einen Völkerfrühling, legen wir aber — dem Aufrufe in diesen Blättern folgend — unsere Hände nicht müßig in den Schooß! M. Sulmann. Hildesheim. Die hier erscheinende „Hildesh. Allg. Zeitung" wirft einen Rückblick auf die Verwaltung der Stadt während der Jahre 1815—1866 dem wir Folgendes entnehmen: Das stürmische Jahr 1848 begründete auch einen Synagogen - Neubau in Hildesheim. 1842 hatte die alte Synagoge wegen Baufälligkeit geschloffen werden müssen. Die Israeliten verrichteten sechs Jahre ihren öffentlichen Gottesdienst in einem höchst unangemessenen und „ungesunden" Lokale. Die Andacht konnte darin nicht erweckt und erhöht werden, sondern mußte vielmehr bei demjenigen, der es andächtig betrat, schwinden und erlöschen. Die jüdischen Feiertage verwandelten sich in „Trauertage". Nun waren die Verhältnisse der israelitischen Gemeinde hier der Art, daß selbst mit den größten Opfern, die von allen Mitgliedern gebracht wurden, doch der Neubau einer Synagoge nicht ermöglicht werden konnte. Der Landrabbiner Landsberg und die Vorsteher I. Meyerhof (Platz) und W. Dux (Rosenhagen) erflehten daher die Beihilfe des Magistrats. Dieser bewilligte den Israeliten sowohl einen Bauplatz am Lappenberge, als auch ertheilte er ihnen die Erlaubniß, sich vermittels einer Hauskollekte an den Wohlthätigkeitssinn der christlichen Mitbürger zu wenden. Diese steuerten, obschon damals auch für die deutsche Flotte unter ihnen gesammelt wurde, wacker bei. Gaben von 30 und 15 Mark regneten nur so. Acht lange Verzeichnisse ihrer Spenden beweisen, daß die kleine neue Synagoge