Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 53 (7.7.1890)
- Date
- 1890-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448075--30309-2478081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
954 Tempels angetreten durch das nächtliche Düster der alten und mittleren, der neuen und neuesten GeschWe der Menschheit. Wenn wir für die Gänge der Geschichte, die ja nichts anders als die verschiedenen Phasen 'der Erziehung des Menschengeschlechts sind, ein offenes Auge und ein waches Ohr hätten, so würden wir in ihnen die allmächtige Hand Gottes gewahren, der auf ihnen die Menschheit dem Heile entgegenführt, das er als das letzte Ziel durch den Mund seiner Diener, der Propheten, längst verheißen; H nbw niD’^n. Wir würden dann auch uns und unsere Stellung und unsere Aufgabe in der Gegenwart begreifen und erkennen, daß für uns kein anderes Mittel zu unserer Erhaltung und Rettung möglich und geboten ist als die treue Erfüllung der Gebote Gottes, als die Gestaltung unseres ganzen Lebens nach den Normen, welche den Inhalt des Judenthums bilden. Der nimmer schlummernde, immer wache Hirte, der idw will uns als nimmer schlummernde, immer wache Glieder Seiner- Heerde wissen, stets gegenwärtig des Hirtenrufs, stets folgend Seiner Stimme, nimmer abweichend von dem Pfade, den Er uns weist. Wichtiger darum als die Belehrung der außerjüdischen Kreise über die Lügen und Verleumdungen, welche von unseren Feinden über uns verbreitet werden, sollte es uns gelten, in diesen Angriffen und Verfolgungen die Mahnung Gottes erkennen zu lernen, zur vollen und aufrichtigen Rückkehr zu unserer Pflicht, zum unverbrüchlichen Gehorsam gegen die Satzungen des Judenthums, zur Erkenntniß der Lüge und Täuschung, in welche wir uns gewiegt, daß die Lossagung von dem Gesetze und die Umgestaltung des Judentums das Erforderniß der neuen, glücklichen Aera sei, welche den Juden als den gleichberechtigten Bürger eintreten ließ in den Staat und die Gesellschaft, daß der Abfall vom Gesetze Fortschritt und die scrupellose Mißachtung der Gebote Aufklärung und Bildung fei. Gott hatte unser Geschick freundlicher gestaltet, hatte die Stimmen der Gerechtigkeit und Liebe in der Brust der Völker die niederen Leidenschaften übertönen lassen, welche das schwache Israel zum Gegenstand der Bedrückung und Verachtung sich erwählten, und stellte uns damit vor die Aufgabe, in dem Glücke der Freiheit und der Gleichberechtigung dieselbe Treue gegen Seinen heiligen Willen zu bethätigen, welche unsere Väter unter Elend und Druck durch ein Leben voller Sorge und Kummer und oft durch einen qualvollen Märtyrertod besiegelt haben. Wie viele unter uns haben sich dieser Ausgabe nicht gewachsen gezeigt und sind abgewichen von ihrer Pflicht und haben Gott und Seinem Gesetze Hohn gesprochen und haben in ihren Söhnen und Töchtern bereits ein Geschlecht erstehen lassen, welches von der jüdischen Pflicht und dem jüdischen Pflichtleben keine Ahnung hat. Und gerade diese Abgefallenen, diese Gesetzesverächter sind es, welche den Haß und den Neid der Judenfeinde erweckten und die Angriffe und Verfolgungen gegen uns in heftigerem Ingrimm auf's Neue erstehen ließen; und gerade diese sind es, welche sich brüsten, dem Judenthume Ehre zu machen, welche sich als die berufensten Vertreter des Judenthums geriren, welche sich als die Opferwilligsten , als die Märtyrer der Gegenwart glorificiren, weil sie den Namen „Jude" noch nicht durch den Uebertritt zu einer der nichtjüdischen Religionsgemeinschaften gänzlich abgestreift haben. Thoren, die Augen haben und nicht sehen, Ohren und nicht hören, sich aber dennoch ihrer Einsicht und Erkenntniß rühmen, die ihre vermeintliche Weisheit aus der Geschichte ihres Stammes zu schöpfen vorgeben, weil sie deren Datum auswendig gelernt haben, aber den Hauptfactor derselben übersehen: Gott und das von Ihm von Anbeginn an verkündete Ziel und die von Ihm von Anbeginn an enthüllten Motive für deren wechselvollen Gestaltung. Der Abfall von dem Gesetze, die Untreue gegen die Gottesgebote — das ist die Ursache der Leiden, welche über Israel gekommen sind und kommen, darum ging sein Staat in Trümmer, darum sank der Zionstempel in Asche. Durch Leiden soll Israel wiederum erzogen werden zum Gehorsam und zur Treue, und nur in dem Gehorsam und der Treue wird ihm Heil. Das ist auf jedem Blatte der heiligen Schrift von Anbeginn ausgesprochen, die der heilige Schatz sind, welche sich Israel aus den Trümmern seines Staates gerettet. Möge in den jetzt anhebenden Wochen, die der Erinnerung an den Untergang des israelitischen Staatenlebens geweiht sind, diese Erkenntniß immer weitere Kreise unter uns durchdringen. Diese Erkenntniß ist der Anfang zu der rfo«, die Vorbedingung zu der einzigen, wirklichen Errettung von den uns in der Gegenwart drohenden Gefahren, das einzige wahrhaft den Sieg verbürgende Mittel zur Bekämpfung des Feindes, der sich Antisemitismus nennt. psn ntn üwn ns □vn dm »nvryn „Himmel und Erde setze ich heute zu Zeugen," sprach Moscheh, bevor Israel in das gelobte Land eingezogen war,