Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 50 (26.6.1890)
- Date
- 1890-06-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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.UrMJJji^pj)JU|ii.iHjiipjp ijfjmiun, 908 Rußland. Odessa, 4. Juni. Herr L. Kleinmann hat für die hiesige Talmud-Thora-Schule 16000 Rubel gespendet. FeuiUetorr. Girre bskNNNte WeltfJrie. Eine Erzählung von V. Hause. (Fortsetzung.) Michel Kolischer hatte viele Synagogengesänge componirt, vortreffliche Compositionen, die er aber stets in strengem Verschlüsse hielt. Seine Kinder ersuchten ihn oft. dieselben zu veröffentlichen, auch von auswärts ergingen zuweilen solche Aufforderungen an ihn; er verhielt sich aber solchem Verlangen gegenüber stets abweisend. „Es soll sich Niemand mit meinen Compositionen brüsten! Die undankbare Welt ist es nicht werth, daß ich ihr dieselben preisgebe!" sagte er immer zu seinen Kindern bei derartigen Gelegenheiten. Und wie er es nunmehr mit seinen früheren während seines amtlichen Wirkens verfaßten und beim Gottesdienste gesungenen Compositionen hielt, daß er sie nämlich weitern Kreisen verschloß, so that er dieses noch mehr mit seinen späteren, wenn er nämlich jetzt in guten Stunden noch etwas componirte, was zwar selten geschah und dann immer nur religiöse Texte zur Unterlage hatte, die dem innern religiösen Familienleben angehören, z. B. die Tischgesänge am Freitag Abend u. s. w. Die übte er dann mit seinen Kindern, die sämmtlich gute Singstimmen hatten, vierstimmig ein; aber sie durften auch nur in seiner Familie gesungen werden, den profanen Ohren der Israeliten in W. durfte nie ein Ton von denselben zu Gehör kommen. In dem Stadttheile, in welchem sich sein Haus befand, wohnte nur ein Jude, aber in einer andern Straße. Hinter dem Hause hatte er einen großen Garten. Zur Sabbatwohnung hatte er eine nach dem Garten hin gelegene große Hinterstube eingerichtet. Sobald Freitag gegen Abend das Geschäft geschlossen worden war, wurde die Wohnung in dieser Stube aufgeschlagen. Es herrschte hier allerdings eine recht anheimelnde, sabbatliche Ruhe und Stille, welche gegen das von der sehr belebten Straße in die vorderen Zimmer eindringende Geräusch sehr angenehm abstach. Das schön ausgestattete Zimmer war in der That zu einem traulichen Sabbatheim wie geschaffen. In der bessern Jahreszeit machte der Ausblick in den großen, schönen Garten den Aufenthalt hier noch angenehmer und gemütherguickender. Bei der Wahl dieser Räumlichkeit zur Sabbatstube mochten indessen bet Michel Kolischer solche idyllische Rücksichten am wenigsten maßgebend gewesen sein; bestimmend mag vielmehr aller Wahrscheinlichkeit nach die Jnbetrachtnahme des Umstandes auf ihn eingewirkt haben, daß er hier seine für die Familie bestimmten Compositionen mit seinen Kindern einüben und ausführen könne, obne dabei einen, der israelitischen Gemeinde in W. angehörenden Horcher befürchten zu müssen. Es lag aber in der That auch etwas Erhebendes, Heiligendes in diesen Gesängen, wenn sie so vierstimmig durch das Zimmer rauschten. Es war, als ob Engelschaaren sich und der Welt ihre Glückwünsche und dem Weltenschöpfer ihren Dankesjubel zujauchzten ob der Vollendung der Weltschöpfung. Ein heiliger Odem schien das Zimmer zu durchwehen, die Herzen mit Sabbatweihe und Sabbatwonne erfüllend und das Denken über alles Irdische hinweghebend. Das waren auch stets die einzigen Stunden, in welchen man Michel Kolischer froh, ja oft glückstrahlend sehen konnte, und in welchen seine Kinder frei waren von der unbehaglichen Empfindung des Druckes, die das stets mißlaunige und mürrische Wesen ihres Vaters ihnen verursachte. Da schienen sie es Alle zu empfinden, daß Gott den Sabbat nicht blos geheiligt, sondern auch — gesegnet hat! Die letzte Composition Michel Kolischer's war die des 126. Psalms, der gewöhnlich nach jeder Sabbatmahlzeit vor dem Tischgebete gesungen wird. Es war dieses seine letzte, aber unstreitig seine vorzüglichste Composition. Er schien sich bei derselben in einer begeisterungsvollen Stunde auf dem Höhepunkt seiner conlponiftischen Laufbahn befunden zu haben. Ein jeder Gedanke und eine jede Gefühlsregung, die der heilige Sänger in diesen kleinen, nur aus sieben Versen bestehenden Psalm niedergelegt hat, wurde hier mit vollendeter Meisterschaft in der Sprache der Töne zum Ausdrucke gebracht. Als er die Melodie mit seinen Kindern eingeübt und am darauffolgenden Freitag Abende zum ersten Male mit ihnen zusammen gesungen hatte, glänzten in den Augen Aller Thränen der Rührung und der Bewunderung. Bei dem Schlußverse: „Er geht und weint, der die Last der Aussaat trägt, mit Jauchzen wird er die Garben eintragen", war er selbst so ergriffen, daß er nach dem Singen in Thränen ausbrach und heftig weinte. Es mochte ihm in dem Augenblicke besonders lebhaft zu Gefühl gekommen sein, daß das Leben ihm d i e Erntegarben nicht gebracht hat, die er von ihm so fest und sicher erhofft und erwartet hatte.