Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1890)
- Date
- 1890-06-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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892 Belgien. Brüssel, 18. Juni. HerrDr. Philip psou, Sohn des verstorbenen Rabb. Dr. Philippson in Bonn, ordentlicher Professor an der hiesigen Universität, ist diese Woche zum Rektor der hies. Universität gewählt worden. 91 nt c r t f a. San Francisco, 19. Mai. Die Kunde vom Ableben des in Gott seligen Di-. Lehmann hat hier wie ein elektrischer Schlag gewirkt; denn die Zeitung des Herrn Dr. Lehmann hat einen großen Leserkreis in San Francisco. Es schien bald unglaublich, daß wir den edlen Verkünder edler Gedanken so früh verloren; und doch ist es herbe Warheit. Viele Tausende weinen um den glorrreichen Kämpfer für Israels Rechte und Israels Religion. Wenn wir in der Ferne so viel verloren haben, wie viel erst müssen die ihn vermissen, denen er täglicher Lehrer und liebevoller Berather war. Und doch ist das Wort „verloren" gerade hier unrichtig. Denn wie können wir ihn wohl je verlieren, den Edlen, beit Gottbegnadeten, dessen Worte süßer waren als Honigseim, dessen Geistesprodukte ein Glühen und Sprühen religiöser Himmelsflammen waren. Physische Verwandtschaft ist vergänglich gegenüber jener Geistes-Verwandtschaft, die Dr. Lehmann mit seinen Lesern aller Welttheile verband. Schon vor zwanzig Jahren habe ich ihn geliebt, der so fesselnd, so überzeugungstreu zu schreiben verstand. Und viele, recht viele Mältncr und Frauen hier, am „Stillen Meere", betrauern ihn, ihren liebsten Freund. Dr. G. A. Danziger. ~ Feuilleton. Eine bekannte Mtelnbie. Eine Erzählung von B. Hause. (Fortsetzung aus der belletr. Beilage vor. Nummer.) Einige Tage später zog der kunstreisende Eantor in Begleitung seiner Kunstjünger, zu denen nunmehr auch Michel Kolischer gehörte, und mit einer durch ein ansehnliches Honorar aus der Gemeindekasse und zahlreiche Privatspenden bereicherten Börse wieder von Lissa ab. Dieses Letztere, das in den ersten Tagen nach der stattgesnndcnen Leistung gewöhnlich auch noch persönliche Einsammeln eines Privathonorars Seitens der betreffenden kunstrcisenden Cantoren, raubte diesen Herren und ihren Leistungen viel von ihrem Nymbus und machte diese Art von Kunstreisen zu einer Erscheinung, zu deren völligem Verschwinden, wenigstens aus dem deutschisraelitischen Gemeindeleben, wir uns Glück wünschen dürfen. Michel Kolischer blieb drei Jahre in der angenommenen Stellung. Er hatte kn dieser Zeit mit seinem Lehrherrn ganz Polen, den größten Theil des Kaiserthums Oesterreich, einen Theil Deutschlands und ganz Holland durchreist und sich zu einem tüchtigen Cantor und guten Violinspieler ausgebildet. Er hatte sich trotz seiner untergeordneten Stellung schon Ruf erworben, und da sich ihm eine Gelegenheit darbot, in Schlesien in einer größern Gemeinde als Cantor angenommen zu werden, so trennte er sich von dem Reisecantor und nahm die ihm angetragene Stelle an. Seine Leistungen fanden hier viel Anerkennung und er war in der ersten Zeit sehr beliebt. Er offenbarte aber bald Eigenschaften, welche das günstige Urtheil, das sich über ihn gebildet hatte, umzustimmen geeignet waren und auch wirklich umstimmten. Es ist nicht jeder Mensch dazu geeigenschaftet, viele Huldigungen ertragen zu können, ohne von ihnen berauscht zu werden und das seelische Gleichgewicht zu verlieren. Auch Michel Kolischer war es nicht. Es war ihm viel gehuldigt worden und dadurch war er schon nach kurzer Zeit der Selbstüberschätzung in hohem Maaße verfallen. Er fing an, sich für die Hauptperson in der Gemeinde zu halten, dessen Wünschen sich die ganze Gemeinde, sammt ihrem Vorstände und ihrem Rabbiner willig und gehorsam zeigen müsse. Er war nach und nach eilt anmaßender, rechthabelischer und starrköpfiger Zänker geworden, der bald mit dem Vorstande, bald mit dem Rabbiner, bald mit Beiden zugleich in den Haaren lag, was ihn diesen sowie der ganzen Gemeinde endlich sehr unlieb machte. Um das Maß seiner Unbeliebtheit voll zu machen, zeigte er sich auch überaus geldgierig, so daß er das ihm für irgend eine Leistung zu Theil gewordene Honorar selten für genügend erachtete. Daher kam es denn, daß sein auf fünf Jahre lautender Vertrag, ungeachtet des Umstandes, daß er ein Mädchen aus dem Orte geheirathet hatte, nach Ablauf dieser Vertragszeit von Seiten der Gemeinde nicht erneuert wurde, er vielmehr nach einer anderen Stelle Umschau halten mußte. Eine solche zu erlangen, hielt ihm zwar nicht schwer; da aber die gemachten Erfahrungen ihn nie zur richtigen Selbftkeuntniß zu bringen vermocht hatten, ihn vielmehr innerlich nur verbitterten, weil er sich stets verkannt und nicht gehörig gewürdigt wähnte, so mußte er diesen Stellenwechsel jedesmal von fünf zu fünf Jahren wiederholen. Nur in einer einzigen Gemeinde konnte er zehn Jahre aushalten, bis er endlich in seinem fünfzigsten Lebensjahre in W., seiner letzten Stelle, nachdem er mit der ganzen Gemeinde verfeindet war, sein Amt freiwillig,