Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1890)
- Date
- 1890-06-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448071--30236-2478004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aber erfüllt von Zorn nnd innerer Verbitterung, niederlegte und einem Berufe entsagte, der ihm statt der gehofften glänzenden Erfolge und Ehren nur Kampf und Aerger gebracht hatte. Er war stets mit dem Gelde sehr sparsam umgegangen und hatte sich daher ein ansehnliches Vermögen erspart. Er kaufte sich fast am Ende der Stadt ein schönes Haus und fing einen Lederhandel an. Seine Frau war schon vor einigen Jahren gestorben und hatte ihm vier Kinder, zwei Söhne nnd zwei Töchter, htnterlassen, von welchen die Töchter die jüngern waren. Die Söhne nahmen sich des Geschäftes tüchtig an und brachten dasselbe nach und nach zu schöner Blüthe, so daß Michel Kolischer jetzt mit seiner Lage vollständig hätte zufrieden sein können; es war aber dieses durchaus nicht der Fall. Aeusserlich war er zwar von dem Cantorate geschieden; in seinem Innern aber gehörte er demselben voll und ganz an. Es ist eigentlich merkwürdig: das CH as an aus, das heißt, der alte jüdische Synagogenmelodienschatz, läßt die nicht leicht wieder los, die sich einmal, sei es zum Broderwerbe, sei es aus Liebhaberei, mit ihm eingelassen haben. Wer diesem Wunderengel bei sich Einlaß gewährt und ihm nur ein einzigesmal freien Flügelschlag gestattet hat, dem gelingt es nicht leicht, ihn auf immer wieder bei sich still im Gewahrsam zu halten. Es gibt Zeiten, in welchen besonders jeden Verschluß, jede Fessel gewaltsam er zu sprengen sucht und auch oft sprengt. Das wurde auch Kolischer bald gewahr. Wenn er Samstags in die Synagoge kam und seinen Amtsnachfolger an der Stelle stehen sah, wo er früher gestanden hatte, so war ihm dieses ein Stich ins Herz. Und was wußte er an diesem seinem Nachfolger nicht alles zu tadeln! Er war mit demselben nach den ersten Wochen seines Amtsantrittes schon eben so verfeindet, wie er es mit der ganzen Gemeinde war. Und wenn nun erst der Monat Elul herbeikam, in welchem mit dem, am ersten Neumondstage desselben beim Gottesdienste erschallenden ersten Schofartone die sämmtlichen Melodien der Roschhaschanah- und Jomkipurfeier — früher mehr noch, als jetzt — in der Brust aller Synagogenbesucher lebendig werden, und man dann ans allen Wegen und Stegen, wo Israeliten wandeln, diese Melodien summen und brummen hört, da fing es auch in der Brust Kolischer's an zu rumoren und zu poltern. Gleich flinken Kobolden krochen diese Melodien in seinem Innern aus und nieder, drängten nach rechts und drängten nach links, stießen einander und stürzten übereinander und pochten und klopften und zerrten und rissen, um sich einen Ausgang zu erzwingen. Das war immer eine Zeit voll des Herzleides und der Kümmerniß für ihn, weil er diesen unruhigen, tobenden Gesellen in seiner Brust keine Befriedigung gewähren konnte. Um diese Zeit war er auch immer am verbittertften und unzugänglichsten und seiner Umgebung ein wahrer Plagegeist. (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, 27. Juni, 9. Tamus. Samstag, 28. Juni, 10. Tamus. 'n 'j '5 n p n. Sabbat-Ausgang 9 Uhr 15 Min. (Mainzer Uhr). Buttenhauseu, Juni 1890. Nach langem und schweren Leiden verschied am 1. Juni ds. Js. Hirsch Marx, Kaufmann, einer von den Wenigen hier, die dem unverfälschten Judenthum treu geblieben. Nichts hielt ihn ab, seiner Religion treu zu bleiben. Auch war die Erziehung seiner Kinder, wozu ihm seine brave Gattin pflichtgetreu zur Seite stand, eine vorzügliche. Er war ein großer Wohlthäter der Armen. In seiner ausgedehnten Kundschaft hörte man von Armen sagen, wäre Hirsch Marx nicht gewesen, hätten wir für unsere Kinder keine Kleider. Obwohl er oft im Voraus wußte, daß er für seine Waare nichts erhielt, gab er sie doch. Zum Leid für die Seinigen, sowie für die Armen wurde er uns entrissen. Ehre seinem Andenken. UM" Anzeigen. /Line Wittwe sucht Stelle als Haushälterin in einem kleinen Haushalt oder bei einer einzelnen Person in Rheinland oder Westfalen. Offerten unter Nr. 2366 befördert die Expedition dieses Blattes. /Lin besseres isr. Mädchen, das angenehm im Umgang ist und sich der Hausarbeit unterzieht, wird gesucht. Offerten unter N. 696 befördert die Buchhandlung von I. Kauffmaun in Frankfurt a. M. (3381 Aür unser an Samstagen und jüdischen ü Feiertagen geschlossenes Bankgeschäft suchen wir einen tüchtigen Eommis. Eintritt kann sofort erfolgen. Gebr. Fürth & Cie., 3379) Hanau. Cfiür ein junges isr. Mädchen, im Hausü halt und Küche erfahren, w. a. gl. od. sp. Stellung z. Stütze d. Hausfrau ges. Offerten unter Nr. 3369 befördert die Expedition dieses Blattes. F)erfecte Köchin per sofort gesucht im "r Restaurant Strauß, Homburg v. d. H. (3374 (7^ch verkaufe, so weit der Vorrath reicht, «V) einige Rott: „ Gerettetmit beschmutztem Titelblatt, 70 Pf. B e r e n d: „Verirrt," etwas defect, 20 Pf. Beide Merkchen zusammen bezogen 80 Pf. incl. Porto. Joh. Wirth'sche Hofbuchdruckerei, Actien-Gesellschaft Mainz.