Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 49 (23.6.1890)
- Date
- 1890-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 49 d«s „Israelit & Ieschnrua". Leitender Artikel. Dev augenblickliche Stand der Srhrrhikn- Mngelrgenhrrk. (Schluß.) In den außerdeutschen Staaten ist eigentlich die Schechita-Calamität nur in der Schweiz vorhanden. Sie hat aber auch dort ein Wendung zum Besseren genommen, wie aus dem s. Z. von uns im Auszuge veröffentlichten Beschluß des Schweizerischen Bundesrathes vom 17. März d. I. ersichtlich ist. Durch diesen Beschluß ist die Schechita-Angelegenheit im Sinne der Religions- und Gewissensfreiheit, wie in keinem Staate der Welt erledigt. Denn während in allen anderen Staaten das Schächten nur stillschweigend gestattet ist, ist es durch den Beschluß des Schweizerischen Bnndesraths in sämmtlichen Kantonen durch die Bundesverfassung gesetzlich geschützt und gewährleistet, indem es ausdrücklich als gottesdienstliche Handlung anerkannt wird. Nichtsdestoweniger ist auch nach diesem Entscheide des Schweizerischen Bundesraths nicht jede Veranlassung zur Beunruhigung beseitigt. — Zunächst ist der Thierschutz-Verein bestrebt den gesetzlich zulässigen Rekurs gegen die bundcsräthliche Entscheidung bei der Bundesversammlung zu insceniren. Derselbe hat die Regierungen der Kantone Bern und Aargau veranlaßt, ein solchen Rekurs zu erheben, und diesem Ansinnen ist von Seiten der genannten Kantone entsprochen worden. Wenn nun auch daran nicht zu zweifeln ist, daß die Bundesversammlung vor die Alternative gestellt, ob sie den Anforderungen des gesunden Menschenverstands, der wissenschaftlichen Forschung und der religiösen Toleranz, oder den Vellitäten eines antisemitisch angehauchten, starrköpfigen Thierkultus folgen sollen, den Beschluß des Bundesraths bestätigen werde, so kann sich doch die Aufregung bis zur erfolgten, entgiltigen Entscheidung Jahre lang hinziehen. Fällt diese Entscheidung mit Gottes Hilfe dann günstig aus, so ist von den Thierschutz.-Vereinen mit Sicherheit zu erwarten, daß sie ihrer Mißstimmung über ihr Fiasko durch einen Appell an die Bevölkerung Ausdruck geben werden. Er wird dann unter der Etiquette „Einführung einer einheitlichen Schlachtmethode in der ganzen Schweiz" ohne Zweifel viel Antisemitismus verzapfen, obgleich die Bestrebungen gegen das Schächten selbst an dem nüchternen, vorurtheilslosen Sinn der schweizerischen Behörden scheitern werden. Wenn auch durch solches Vorgehen die Thierschutz-Vereine einen großen Theil der Sympathien einbüßen werden, deren sie sich heute noch erfreuen, so schließt doch die Verbohrtheit ihres bisherigen Vorgehens auch diesen letzten Schritt nicht aus, obwohl in einer kürzlich abgehaltcnen Versammlung der Thier-Schutz-Vereine auf das Bedenkliche einer solchen Aktion hingewiesen wurde. Bei dieser Versammlung hielt der Präsident des aargauischen Thier-Schntz-Verelns anläßlich des B. R. Beschlusses vom 17. März einen Vortrag, der jetzt als Broschüre unter dem Titel. „Das Schächten der Israeliten" erschienen ist. Es sind die alten Parade-Citate, die schon Dual gegen das Schächten vorgebracht und widerlegt wurden, die aber trotzdem mit einer Beharrlichkeit aufgeführt werden, als hätte sie ihr Vertreter erst soeben neu entdeckt. Charakterisirt ist die Schrift durch den einen Satz, der ihre drittletzte Seite ziert: „Der Hinweis auf die Religion kann und „darf die Thierschutzvereine nicht hindern, die „Frage mit Entschiedenheit weiter zu verfolgen." Der Herr Verfasser vergißt, daß er und die Thierschutzvereine doch glücklicher Weise zwei recht verschiedene Begriffe sind. Die Thier-Schutz-Vereine von Basel, Genf und St. Gallen haben das Schächten längst von ihren Traktanden gestrichen, weil sie das Unvernünftige und Unwürdige dieser Agitation erkannt haben. Diese maßlosen Ausschreitungen werden sicher dazu beitragen, daß auch noch den übrigen Thier-schutz-Vereinen die Augen über die Ziele aufgehcn, zu welchen eine solche Leitung führt. Wir werden dieses Treiben aufmerksam verfolgen in der festen Ueberzeugung, daß es an seinem Gegensatz zu allen liberalen und vernünftigen Anforderungen unserer Zeit zu Schanden wird, und werden gelegentlich darauf zurückkommen. Diesen bedauerlichen Auswüchsen gegenüber können wir mit Befriedigung konstatiren, daß in den denkenden und gebildeten Kreisen des In- und Auslandes die jüdische Schlachtwcise immer mehr Beachtung und Anerkennung findet. Wir sehen hier von dein eigentlichen Schächtakt, sowie von seiner